Albert Sánchez Piñol in Köln bei der Litcologne, tb
Albert Sánchez Piñol 2015 in Köln bei der Litcologne, tb

Von Schuppenhänden und panzerlosen Schildkröten

Albert Sánchez Piñol im Porträt

Er ist ein Wesenerfinder, Analytiker und Fantast. Sein neues Buch Victus war 2013 der meistverkaufte Roman in Spanien. Der „aufregendste Autor Kataloniens“ (La Vanguardia) begeistert die Leser mit skurrilen und tiefgründigen Szenarien. Und als Historiker entpuppt er sich mit Der Untergang Barcelonas (Fischer, 2015).


von Valérie Schmitt

 

Die Augenbrauen hochgezogen, die Stirn leicht in Falten gelegt, die dunklen Augen funkeln durch die ovalen Gläser der Intellektuellenbrille. Ein Anthropologe schaut analysierend in die Welt und scheint sie mit Humor zu nehmen. Der eine Mundwinkel höher gezogen als der andere – ein leicht ironisches Grinsen – die kurzen dunklen Haare etwas wirr. Es ist das Gesicht eines der besten katalanischen Autoren der Gegenwart, ähnlich berühmt wie Carlos Ruiz Zafón und Jaume Cabré.

Bestseller-Autor aus Barcelona

Albert Sánchez Piñol (*1965 in Barcelona) landete mit seinem Debüt-Roman „Im Rausch der Stille“ (2002, Originaltitel „La pell freda“  – Die kalte Haut) gleich einen internationalen Bestseller. Ursprünglich auf Katalanisch geschrieben, gibt es den Fiktions-Roman auf Deutsch und in über zwei Dutzend weiteren Sprachen. In Spanien erstürmte er schnell die Bestsellerlisten und erhielt 2003 den Literaturpreis „Ojo crítico de narrativa“. „Ein außergewöhnlicher Roman, tiefgründig, gewaltig, poetisch“ schrieb El Mundo. „Der ungewöhnlichste literarische Bestseller seit langem“, titelte die Konkurrenzzeitung El País. Und damit gehört er bereits zu Spaniens besten Autoren

Mischwesen im Rausch der Stille

Und beachtlich ist der fantastische Roman Im Rausch der Stille allemal. Piñol beschreibt darin mysteriöse Mischwesen mit amphibischen aber auch menschlichen Zügen, die Nacht für Nacht aus dem Meer steigen. Was wie eine Horrorgeschichte beginnt, entpuppt sich als Parabel über Kommunikation und Isolation, Nähe und Distanz, Mut und Angst, Liebe und Hass, den Kampf mit den Naturgewalten und innere Dämonen. Schon die ersten beiden Sätze im Roman von Piñol lassen aufhorchen: "Wir ähneln denen, die wir hassen, mehr als wir denken. Und deshalb glauben wir, dass wir denen, die wir lieben, nie ganz nah sind."

Erdmenschen mit sechs Fingern, Marie Antoinette ohne Panzer

Piñol hat an der Uni in Barcelona Anthropologie studiert. Dieses Fach habe seine Romane stark beeinflusst, sagte er 2005 einem Journalisten von El País. „Es hilft mir zu verstehen, wie die Menschen ticken und wo ihre dunkelste Seite ist.“ Menschliche Abgründe tun sich in seinen Fantasie-Szenarien sowohl im Buch „Im Rausch der Stille“ als auch seinem späteren fiktionalen Roman Pandora im Kongo auf, insbesondere im Zusammenspiel mit den symbolischen Fantasiekreaturen. Sind es in „Im Rausch der Stille“ amphiboide-humanoide Wasserwesen, so kreiert Piñol in „Pandora im Kongo“ eine unterirdisch lebende Menschenrasse mit übergroßem Wuchs, ungewöhnlich heller Haut und sechs Fingern ... Dieser zweite Roman ist weniger intensiv, dafür zeigt sich Albert Sánchez Piñol auch von seiner humorvollen Seite und lässt mitten in der Geschichte schon mal Figuren auftauchen wie die panzerlose Schildkröte Marie Antoinette. 

Albert Sánchez Piñol als Historiker

In seinem neuesten Buch „Victus“ (2012 auf Spanisch erschienen, Campana) nimmt Piñol seine Leser mit auf eine Reise in die katalanische Vergangenheit. Der historische Roman spielt im Barcelona des Jahres 1714. Das Datum ist den Katalanen wichtig, denn damals verloren sie ihre Souveränität durch die Einnahme Kastiliens. In Deutschland ist das Buch allerdings noch nicht erschienen. Der Fischer-Verlag hat den Band nach den Erfolgen mit Pandora im Kongo und Im Rausch der Stille als zur regionalhistorisch zunächst abgelehnt. Doch nachdem das 720 Seiten dicke Buch in Spanien selbst ein Bestseller geworden ist, hat der Verlag es 2015 unter dem Titel Der Untergang Barcelonas im Programm. 

Lesungen in Deutschland und der perfekte Satz

Albert Sánchez Piñol war in Deutschland schon häufig auf Lesereisen, begleitet von seiner Lektorin Isabel Kupski. Dabei wunderte sich der Autor darüber, dass seine Fans Eintritt bezahlten: „Hier (in Spanien) würde das wohl nicht einmal meine Mutter tun“, scherzt er bei einem Interview mit El País.


Trotz all der sagenhaften Fantasiewelten versteht sich Piñol selbst als eher bodenständig: "Ich bin sehr pragmatisch. Der perfekte Satz hat vier Wörter: Der Himmel ist blau. Wie könnte man das übertreffen?"



Die Autorin


Valérie Schmitt ist Diplom-Biologin, Science Writer/Wissenschaftsjournalistin und Online-Redakteurin. Zu Katalonien hat sie eine besondere Beziehung, da sie dort viel wissenschaftlich für ihr meeresbiologisches Promotionsprojekt gearbeitet hat – allerdings im französischen Teil, aber fast an der spanischen Grenze.

Nach oben

Bewerte diese Seite

 
 
 
 
 
 
 
Bewerten
 
 
 
 
 
 
5 Bewertungen
100 %
1
5
5