Frau fotografiert die Schlucht des Sil in Spanien
Besucherin an der Sil-Schlucht in Nordwestspanien, tb

12.09.2016

Ribeira Sacra: Weinanbaugebiet in Spanien

Das Weingebiet Ribeira Sacra ist ein Kuriosum im nordwestspanischen Galicien. Dort, wo Top-Weißweine wie der Albariño herkommen, produzieren die Winzer im Osten der Region lieber Rotweine. An den Steilen Hängen der Flüsse Miño und Sil.

 

von Tobias Büscher

Ein lauter Knall. In der Schlucht des Río Sil kracht es wieder. Ein Jäger? Der gezielte Schuss auf ein Wildschwein? Denn jetzt, an diesem heißen September-Mittag im galicischen Hinterland, schlafen die Wölfe ja noch. Auch die Gäste im nahen Kloster Santo Estevo de Ribas de Sil oberhalb der Schlucht horchen kurz auf. Und auch die Besucher auf dem Katamaran, die über das blaue, ruhige Wasser gleiten.

Dann ist es wieder still im Heiligen Uferland, wie die Ribeira Sacra heißt.

Kleine Parzellen, Reben an der Schlucht

Der Sil, das ist die natürliche Lebensader der nordspanischen Gegend. Er entspringt im Kantabrischen Gebirge, mündet nach 230 Kilometern in den größeren Río Miño und zeigt sich unterhalb des Klosters Santo Estevo von seiner spektakulären Seite. Wer genau hinsieht: An den steilen Granithängen wachsen kleinwüchsige Reben bis hinunter ans Wasser. Um sie zu ernten, müssen die Besitzer per Boot anfahren. Von oben herunterklettern wäre viel zu waghalsig.

Rotwein? Weißwein? Auf die Uferseite kommt es an

Der Fluss trennt die Provinz Ourense von der nördlicheren Provinz Lugo. Und das Ribeira-Sacra-Gebiet erstreckt sich über beide und westlich weiter entlang des Miño. Vor allem direkt an den Flusshängen des Sil ist die Wärme entscheidend für den Wein. Auf der Südseite knallt die Sonne, dort wachsen Trauben mit dicker dunkler Schale, die garantiert keinen Sonnenbrand bekommen: Mencilla,  Merenzao und Tempranillo beispielsweise. Und auch die lokale und robuste Traube Brancellao. An der schattigeren Nordseite wiederum reifen Weißweintrauben wie Godello, Doña Blanca und Treixadura.

Wieder ein Knall. Wieder hallt er durch das Tal. Dabei leben nur die wenigsten hier von der Jagd. Früher galten sie als die besten Regenschirmhersteller und Scherenschleifer Galiciens. Heute exportieren sie Schieferstein und Kastanien, wenn sie nicht gerade bei der Traubenernte sind. Es gibt rund 100 hauptberufliche Winzer hier.

Karte der Weingegend
Karte der Weingegend
Winzerpaar Ana und Fernando
Winzerpaar Ana und Fernando, tb

Reben seit den Römern

Zwei, die sich damit besonders gut auskennen, sind das Winzerpaar Ana und  Fernando González. Auch ihr Weingut Adega Algueira liegt fernab vom Atlantik. Hier im Osten, sagt Fernando, ist es trocken, das Meer weit weg und die Temperaturen so warm, dass die nahe Provinzhauptstadt sich als heißeste Metropole Nordwestspaniens rühmt. Und so erkannten schon die Römer vor 2000 Jahren: Bei Astorga mag die wichtigste Goldmine liegen, in Ourense die besten Thermalquellen, aber hier am Sil, da ist das beste Klima für den Weinanbau. "Die wussten schon: Höhenlagen von 400 bis 500 Meter, Durchschnittstemperaturen von 13 Grad, dazu Granit und Schiefer, das ist Top für die Reben".

Winziges Weingebiet

Und noch ein Knall. Sind die Abstände etwa rhythmisch? Tauchen die Wildschweine im 20-Minuten-Takt vor der Flinte auf?

Auf 1200 Hektar erstreckt sich das Weingebiet. Zum Vergleich: Das Rioja-Anbaugebiet ist über 60.000 Hektar groß. In den Export gehen daher nur wenige Flaschen. Erst seit 1996 ist die Ribeira Sacra als Denominación de Orígen (DO) anerkannt.


Mencía-Reben am Sil
Mencía-Reben am Sil
Trauben am Wasser, tb
Trauben am Wasser, tb

18 Klöster in der Umgebung

Das kleine Gebiet nahe der Grenze zu Portugal produziert so wenig, dass kaum eine Flasche in den Export geht. Als die Benediktiner sich hier in 18 Klöstern ansiedelten, kultivierten sie den Wein weiter. Doch als der spanische Staat die Monasterien im 19. Jahrhundert nach und nach enteignete, ließ auch der Weinbau deutlich nach. Keltern für den eigenen Keller, sozusagen.

Die Winzer der dünnbesiedelten Gegegend gelten anders als die der galicischen Weingegenden Valdeorras, Monterrei, Rias Baixas und Ribeiro als eher fortschrittsfeindlich. Andere nennen es Sturheit. Doch den Galiciern hier ist das ziemlich egal. Sie wollen keine großartige PR. Und weil durch Erbteilung die Parzellen an den Ufern ohnehin klein sind, lohnt ein Export kaum. Sie trinken ihren Wein selbst. Schon wie die Großeltern, die Bier stets ablehnten. Denn das hätten sie ja bezahlen müssen.

Weinkritiker und Rauchschwalben sind begeistert

Also kein „Heiliger-Uferland-Wein“ im Handel? Es gibt Ausnahmen. Die Rotweine der Bodegas Algueira und Guimero etwa sind auch online im Angebot. Zu Flaschenpreisen von 20 bis 40 Euro und vom US-Weinkritiker Robert Parker mit über 90 Punkten gewürdigt. Aber nur, wenn die Trauben auch wirklich im richtigen Moment geerntet werden. Zum probieren kommen sie deshalb ab Mitte September alle: Rauchschwalben, Schlangenadler, Krähen, Drosseln und vor allem die Stare. Sie warten nur darauf, dass die Trauben die richtige Süße haben. Winzer wie Fernando mögen das gar nicht. Sie bringen regelmäßig Gas zum Explodieren. Mit ihren Schreckschussgeräten zwischen den Rebstöcken. Doch nur eine Woche lang unmittelbar vor der Ernte knallt es. Gleich danach wird es wieder still. An den Ufern des Sil.

Autor Tobias Büscher am Sil in Spanien
Tobias Büscher, Foto Jochen Marmit

 

Der Autor

Tobias Büscher ist Buchautor, Journalist und Leiter dieses Portals. Er ist sehr oft in Spanien, kann aber bis heute das R nicht rollen.

Ach ja, hatte ich ganz vergessen: Hier zur Orientierung eine Spanienkarte mit dem blauen Stern, wo die Ribeira Sacra liegt.

Lage der Ribeira Sacra

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