Spanier schneidet Schinken
Serrano-Schinken aus dem Supermarkt? Gut & Günstig geht für Gourmets gar nicht, tb

Serrano-Schinken vom Discounter

Ein spanischer Schinken mit Halterung und Messer für bis zu unter 50 Euro. So etwas bieten Aldi, Rewe und Kaufland gerne als Sonderaktion an. Dazu auch noch eine Halterung und ein Messer. Aber mal ehrlich: Wer kauft denn so was? Echte Gourmets sicher nicht. Denn sie wissen: Bei solchen Kampfpreisen für den deutschen Markt leidet die Qualität zwangsläufig.

von Tobias Büscher

Neulich beim Discounter. Ein Freund von uns hatte gefragt, ob er sich für seine Party unseren Schinkenhalter ausleihen darf. Doch der ist massiv, schwenkbar und viel zu schwer. Also haben wir uns gedacht: Kaufen wir doch einfach mal so ein Gesamtpaket günstig beim Discounter. Denn der Schinkenhalter darin ist sehr leicht, das Messer auch. Und für eine Party sollte es reichen. Nur den Schinken selbst, denn wollten wir unserem Kumpel besser nicht mitbringen. Der kennt sich aus. Der lädt uns sonst zu keiner Fiesta mehr ein.

Nochmal: 50 Euro für die ganze Keule. So viel kostet ein Seeteufel pro Kilo! Die uns bekannten Schinkenproduzenten in Spanien verkaufen ihre Keulen nie für unter 100, manchmal sogar für über 400 Euro. Ob als Hinterschinken Jamón Serrano oder als Vorderschinken Paleta de Serrano. Denn sie arbeiten nach dem eingängigen Prinzip: Wie ich das Schwein halte, so schmeckt es. Auch luftgetrocknet.

Campofrio: Gigant unter den Schinkenproduzenten

Der größte Schinkenproduzent unter ihnen ist Campofrio. Schon vor Jahren hat das Handelsblatt vor Ort nachgefragt und erfahren: Die deutschen Händler wollen zwar Schinkenbeine mit hoher Qualität, allerdings zu Dumpingpreisen. Das war 2007. Zehn Jahre später, also 2017, haben wir einen Jamón Serrano im Supermarkt sogar für 47.90 Euro bekommen. Das ist ungefähr so, als würde BMW einen Neuwagen für 5000 Euro anbieten. Jeder würde denken, da stimmt was nicht.


Discounterpreis für Serrano-Schinken
Spottpreis für Schinken

Hinterbein Jamón Serrano, Vorderbein Pelota

Luftdicht verpackt müssen die Serrano-Schinken inzwischen sein. Im Karton mit Henkel transportieren wir Deutsche sie nach Hause, schrauben die Halterung zusammen und glauben: Beute gemacht. Auch bei amazon gibt es die Keulen längst zum Hammerpreis. De Facto aber sind die Schinken nur deshalb so günstig: Gewaltige Produktionsanlagen vor allem rund um Burgos sorgen für Massenware. Die Schweine sind nicht Pata Negra, sondern Pata Blanca, also Weißfußschweine. Sie bekommen wenig Licht ab und viel Mastfutter. Und sind bei Spaniern verpönt. Echte Gourmets kaufen Serrano-Schinken oder besser noch Ibérico-Schinken natürlich auch im spanischen Supermarkt. Aber eine sieben Kilo schwere Keule habe ich selbst beim Corte Inglés noch nie zu Preisen wie bei uns gesehen.

Spanier lieben die eigenen Schweinerassen. Vor allem die Pata Negra-Rasse. Sie lebt vor allem in Nordandalusien und der Extremadura - unter Eichelbäumen. Die Hersteller dort verkaufen sie luftgetrocknet als Hinterbein-Schinken Jamón Serrano bzw. Iberico oder als Pelota-Vorderbein. Der Geschmack übrigens ist nahezu identisch, nur sind die Pelotas kleiner.

Doch die Aufzucht, Haltung und anschließende Produktion kostet. Und auch deshalb kommen wirklich gute Schinken aus Spanien nicht oder fast nicht in unseren Discounter. Sie wären zwangsläufig zu teuer für den deutschen Durchschnittskunden.

Warentest: keine Rückstände im Jamón Serrano

Weniger kritisch als so manche Schinkenkenner hierzulande ist die Stiftung Warentest. Als sie 2011 Parma-, Schwarzwälder und spanischen Serrano testeten (rund sieben Monate getrocknet), fiel das Urteil für letzteren gut bis befriedigend aus. Dabei bezogen sich die Tester allerdings weniger auf Geschmack und Konsistenz, sondern vor allem auf einwandfreie Ware. So entdeckten sie im Serrano-Schinken weder Keime noch Antibiotika-Rückstände. Und stellten ebenfalls fest: Die Ware stammte ausschließlich aus Spanien selbst.

Die Deutschen und der Speck

Spanier bevorzugen den Ibérico-Schinken auch deshalb, weil er fetthaltiger ist. Doch genau das finden wir Deutsche offenbar nicht wirklich prickelnd. Als ich vor kurzem mal mit meinem spanischen Kumpel Paco aus Madrid hier in Köln in der Tapa-Bar war, sah er einem Paar beim Essen zu. Sie hatten eine Platte Schinkenscheiben bestellt, entfernten den Speck und ließen ihn liegen. Ohne Worte, meinte er. Insofern seien die Discounter-Jamones ja vielleicht ganz gut für Alemania. Denn die enthalten sehr wenig Fett. Was sie auch schnell eintrocknen lässt.

Tipp für echte Schinkenfans

Also: Kauf da nicht! All dieses Zeugs. Wir haben in Spanien in den Tavernen die wirklich guten Schinken bekommen. Beim Hersteller auch. Je kleiner der Schinkenproduzent, umso größer die Chance auf gute Ware. Sie sollten zwischen 100 und 300 Euro pro Stück kosten (es gibt sogar Schinkenkeulen für über 4000 Euro). In Spanien einkaufen, zuhause essen? Der Transport im Flieger ist kein Problem, wenn man einen Trick beherzigt: Serranos im Flugzeug.

Übrigens: Auch beim Schinkenhalter sollten Sie, öfteren Genuss vorausgesetzt, auf gute Qualität achten. Das Holzschraubding von Campofrio ist so billig wie das Schneidemesser auch. Und da haben wir sie schon. Die nächste Idee für einen Geschenk, wenn unser Kumpel mal wieder feiert: Ein Schneidemesser aus der Metallhochburg Albacete, dem Solingen Spaniens ...


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