Er ist gelbgold, zuweilen ziemlich herb und säurebetont. In Asturien wird ein Apfelwein kultiviert, der eigentlich nicht mehr ist als ein Weinersatz mit gerade mal sechs Umdrehungen - oder steckt doch mehr dahinter?
Von Silke Röder
Auf dem Boden der Taverne liegen Sägespäne. Es riecht nach frischem Holz und Äpfeln, genauer gesagt nach Apfelwein. Wo der Boden unbedeckt ist, bleiben schon mal die Schuhsohlen auf den Dielen kleben.
Apfelwein in Reinkultur
Was ein wenig nach Scheune oder Lagerhalle klingt, ist in Wirklichkeit eine typische Sidrería mitten im nordspanischen Asturien. Hier wird Sidra ausgeschenkt, ja regelrecht zelebriert. Der Wirt entkorkt die Flasche, hebt sie mit einer Drehbewegung über den Kopf. In der anderen Hand hält er so tief wie möglich das Glas. Dann lässt er einen Strahl der goldenen Flüssigkeit aus fast einem Meter Höhe in das Gefäß strömen. Getrunken wird sofort, denn nur so landen die Luftperlen gemeinsam mit dem Apfelwein auf der Zunge.
Akrobatik für den Sauerstoff
Zugegeben, ein bisschen Show ist dabei, aber das Einschenk-Ritual hat durchaus seine Berechtigung. Erst durch den Kontakt mit Sauerstoff entwickelt Sidra seine vollen Aromen. Im Gegensatz zur industriell hergestellten Variante hat der klassische Apfelwein keine Kohlensäure. Wenn er jedoch aus ausreichender Höhe ins Glas schießt, prickelt er für kurze Zeit. Das lässt ihn spritzig und frisch wirken. So wird aus einem schlichten Getränk mit wenig Charakter plötzlich ein Hochgenuss.
Der Most vergärt schnell
Die Geschichte des Sidra ist vermutlich fast so alt wie die des Weins. Apfelmost vergärt schnell und bringt in vielen Regionen Europas bereits die dafür geeigneten Hefekulturen mit. Germanen und Kelten kelterten aus Äpfeln ein berauschendes Getränk. Sicher hätten sie auch Wein hergestellt, aber in den nördlichen Regionen wuchs die Pflanze nur wild und trug kaum Früchte. Apfelbäume gab es hingegen in Hülle und Fülle. Meist wild versteht sich, und die Früchte waren klein und so sauer, dass sie pur nicht gerade lecker waren.
Clara, Ernestina und Prieta
Heute sind offiziell 22 Apfelsorten in Asturien zugelassen: relativ klein und süßsauer bis herb und mit klangvollen Namen wie Prieta, Teórica, Clara und Ernestina. Erst der Kellermeister macht aus der richtigen Mischung den perfekten Most. Im Herbst wird geerntet, dann reift das Gebräu in Kastanienfässern, um im Frühling trinkreif zu sein. Lange lagern lässt sich der Apfelwein allerdings nicht, denn nur frisch ist er ein Genuss. Das größte Apfelweinfest in der Region richtet übrigens das Städtchen Nava 44 km östlich von Oviedo aus: in der ersten Juliwoche des Jahres.
Weiterführende Links
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Die 22 Top-Apfelsorten aus Asturien: www.sidradeasturias.es