Über ihn selbst ist wenig bekannt. Doch mit seinen Rollen schreibt der spanische Schauspieler Javier Bardem inzwischen Filmgeschichte. Ein Portrait.
von Johanna Grießbach
In der romantischen Komödie „Vicky Cristina Barcelona“ trat er 2008 als Draufgänger unter der Regie von Woody Allen auf. Für seine Rolle als brutaler Killer im Coen-Epos „No Country for Old Men“ gewann er im selben Jahr den Oscar als bester Nebendarsteller. Fast zeitgleich konnte das Kinopublikum ihn als verträumten Liebhaber in „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ bewundern, der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Gabriel García Márquez. Mal mimt er einen Stiernacken-Macho, dann wieder einen Querschnittsgelähmten, der für seinen Tod kämpft. Offenbar kann Javier Bardem einfach alles spielen.
Grobes Gesicht, tiefe Stimme
Der Sohn einer spanischen Schauspieler-Dynastie, 1969 auf Gran Canaria geboren, bewies schon in den 90er Jahren Mut zur Verwandlung. Inzwischen steht er auch international in der ersten Reihe namhafter Charakterdarsteller. Javier Bardem hat Kanten, ein im klassischen Sinne schöner Mann ist er nicht. Er hat einen stämmigen, athletischen Körper, ein grob geschnittenes Gesicht und eine tiefe Stimme. 13 Jahre hat er in seiner Jugend Rugby gespielt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – besitzt er eine große Anziehungskraft und gilt als Frauenschwarm.
Erster Erfolg mit "Jamón, Jamón"
In seinem ersten größeren Film, der spanischen Erotikkomödie „Jamón, Jamón“ (1992), spielt der damals 23-Jährige einen vor Männlichkeit strotzenden, provinziellen Gockel, der seine weiblichen Opfer – darunter seine heutige Lebensgefährtin Penélope Cruz – in der Dorfdisko verführt (zum trailer). Seine Leistung wird anerkannt, zahlreiche Angebote folgen. Mit der Regie-Ikone Pedro Almodóvar dreht er 1997 den erotisch aufgeladenen Thriller „Live Flesh“ („Carne trémula“). Ein Jahr zuvor hatte er bereits seinen ersten Goya gewonnen, den spanischen Oscar.
Javier Bardem ist bescheiden geblieben, trotz der sehr erfolgreichen Jahre, die bereits hinter ihm liegen. Wenn man den heute 41-jährigen in Interviews beobachtet, wirkt er jungenhaft, ein wenig verlegen. Seine Gesichtszüge sind sanft, er strahlt Freundlichkeit aus und spricht geduldig über seine Filme, seine Jugend und sein Vorbild Al Pacino.
Den Oscar widmet er seiner Mutter
2004 bringt ihm seine herausragende Leistung in „Das Meer in mir“ („Mar adentro“) eine Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller ein, außerdem den Europäischen Filmpreis sowie seinen inzwischen dritten Goya. In dem bewegenden Drama spielt Bardem den vom Hals abwärts gelähmten Ramón Sampedro, der jahrelang um sein Recht kämpft, würdevoll zu sterben.
Als ihm die Brüder Joel und Ethan Coen die Rolle eines gewalttätigen Serienkillers in „No Country for Old Men“ anbieten, will er zunächst ablehnen – zu blutrünstig und düster scheint ihm der neue Streifen der beiden Kult-Regisseure. Doch er nimmt an und wird dafür 2008 mit dem Oscar als Bester Nebendarsteller prämiert. In seiner Dankesrede widmet er die Trophäe seiner im Saal anwesenden Mutter, der in Spanien populären Schauspielerin Pilar Bardem.
Wort für Wort mit dem Dialekt-Trainer
Javier Bardem bezeichnet sich selbst als fleißig, insbesondere die Vorbereitung auf englischsprachige Filme sei viel Arbeit. „Das heißt: sich hinsetzen und mit einem Dialekt-Trainer Wort für Wort die Dialoge durchgehen, bis man sie verinnerlicht hat. Und das dauert. Aber ich liebe diese Arbeit“, fügt er hinzu. Seinem Englisch merkt man es an: fast akzentfrei spricht er seine Filmtexte, in Interviews drückt er sich flüssig in der Fremdsprache aus.
Leinwand-Traumpaar – auch privat
Über Javier Bardems Privatleben ist wenig bekannt. Dabei könnte es viel Glamour bieten: seit 2007 ist er mit Leinwand-Göttin Pénélope Cruz liiert, seit Juli 2010 sind sie verheiratet. Zwei Profis, mit dem Filmgeschäft erwachsen geworden, scheinen im Stillen ihr privates Glück gefunden zu haben. Zunächst aber dürfen sich seine Fans auf Bardem an der Seite von Julia Roberts freuen: in „Eat Pray Love“, der im September in die deutschen Kinos kommt, glänzt er noch einmal als südländischer Lover mit Tiefgang. Mühelos, wie gewohnt.