08 September 2010    
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   OléSpanien KulturSpaniens PolitikSpaniens Wirtschaftsgeschichte

Spaniens Wirtschaftsgeschichte

 

Blick zurück in Spaniens Wirtschaftsgeschichte

 

Spanien leidet heute vor allem unter der Immobilienkrise. Vergleicht man die Situation aber mit der Vergangenheit, ist der Lebensstandard so hoch wie noch nie. Im Land der Großgrundbesitzer konnten im 19. Jahrhundert lediglich die Basken (Erz) und Katalanen (Textil) eine ernstzunehmende Industrie entwickeln, während sich Madrid vor allem auf das Bankwesen konzentrierte. Der Spanische Bürgerkrieg (1936–1939) warf das Land dann um Jahrzehnte zurück. Produktionsanlagen waren zerstört, viele Werktätige erschossen und ein Teil der wirtschaft­lichen Elite aus Angst vor der Franco-Diktatur nach Argentinien, Frankreich und in die Schweiz geflohen.

Das autarke Wirtschaftsmodell


Während des Zweiten Weltkriegs blieb Spanien neutral, konnte jedoch nicht wirtschaftlich davon profitieren. Eine Belieferung der kriegsführenden Länder mit Rüstungsgütern war aufgrund der zerstörten Produktionsanlagen nicht möglich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trieb die Francodiktatur Spanien in die politische Isolation. Die Alliierten waren nicht zu Kreditvergaben bereit – vom Marshallplan blieb Spanien ausgeschlossen.
Ein autarkes Wirtschaftsmodell sollte das Blatt wenden. Madrid wurde als zentralistische Hauptstadt des Landes Dreh- und Angelpunkt der Entscheidungen. Hier wurde die Kontrolle über die Schlüsselin­dustrien und die Reglementierung der privaten Investitionen gesteuert. Bereits im Jahre 1941 kam es zur Gründung des Staatlichen Industrie Instituts (INI). Das Autarkiemodell führte zur politischen und wirtschaftlichen Isolation Spaniens. Fehlender Wettbewerb, ein schwerfälliger Bürokratieapparat, Protektionismus, wenig Unternehmergeist infolge staatlicher Kredit- und Rohstoffzuteilungen und ein blühender Schwarzmarkt ließen das Autarkiemodell scheitern. Um die Versorgungs­lage sicherzustellen, waren Getreideeinfuhren aus dem befreundeten peronistischen Argentinien nötig.

Tipp: per Klick zum Überblick über Spaniens Geschichte

 

 

Seat 600

 

Das spanische Wirtschaftswunder


Zu unerwarteter Hilfe kam Spanien durch die Veränderung der internationalen Lage zu Beginn der 1950er-Jahre. Der Ausbruch des Kalten Krieges ließ das Interesse der USA am potenziellen Stützpunktland Spanien wachsen. Das Stützpunktabkommen im Jahre 1953 brachte dem Land militärische, technische und wirtschaft­liche Hilfe. Zwischen 1951 und 1963 flossen insgesamt 1,2 Milliarden Dollar nach Spanien, die Hälfte davon in Form von Krediten. Erstmals wurde das einst so strenge Autarkiemodell liberalisiert. Damit wurden Handelsverbindungen mit Frankreich, England und Italien möglich. Es kam zum Zusammen­schluss der italienischen Firma Fiat mit der staatlichen spanischen SEAT. Damit begann die Produktion des Kleinmodells SEAT 600, der zum Statussymbol werden sollte. Dieses winzige Auto war Inbegriff des hart erarbeiteten und angesparten Wohlstandes. Ein Witz teilte die spanische Gesellschaft dieser Jahre in zwei Gruppen: Die peatones (Fußgänger) und die seatones.
Innerhalb von acht Jahren (1950–58) konnte die Industrieproduktion um 90% erhöht werden. Erstmals war der Anschluss an die Wachstumsraten Frankreichs und Italiens geschafft.

 

Tourismusboom und Geld aus dem Ausland

Der einsetzende Tourismus an Spaniens Stränden wuchs stetig an, und wurde so zu einem der Stützpfeiler des Aufschwungs. (1965 war Spanien bereits das Touristenland Nummer 1 der Welt.)
Dazu kamen die Geldüberweisungen der im Ausland arbeitenden Spanier. Auf diesem Wege flossen 1973 insgesamt 1,3 Milliarden Dollar nach Spanien. Die wirtschaftlichen Erfolge dieser Jahre sind tatsächlich ein kleines Wunder. In nur wenigen Jahren entwickelte sich der ehema­lige Agrarstaat zur zehntgrößten Industrienation der Welt.

Handel mit Olivenöl

Schon früh begann der Handel mit Olivenöl in Jaén (siehe Bild unten). Heute ist die andalusische Provinz der größte Hersteller in ganz Europa. In Jaén gibt es inzwischen über 60 Millionen Ölbäume!

 

Landflucht und Auslandsabhängigkeit


Die Bewohner vernachlässigter Regionen wie Andalusien, Extremadura und Galicien sahen hier ihre letzte Hoffnung auf Arbeit. Überhastet g­plante lnfrastrukturmaßnahmen und aus dem Boden sprießende Wohnungssiedlungen an den Stadträndern versuchten den Zuwandererstrom aufzufangen und der Landflucht Herr zu werden.
Im Fundament des spanischen Wirtschaftswunders waren einige wacklige Steine. Da war zum einen die starke Stellung der Staatsholding INI, die sich immer mehr zum Auf­fanglager unrentabler Privatbetriebe entwickelte. Zum anderen hatte sich eine extrem starke Auslandsabhängigkeit entwickelt. Nicht nur ein Großteil der Investitionen wurde von ausländischen Kreditgebern getätigt, auch die Technologie kam vor allem aus dem Ausland. In spanischen Unternehmen wurde kaum in Entwicklung und Forschung investiert.



Erdölschock 1973


Der Erdölschock des Jahres 1973 traf Spanien besonders hart. Die Folge der einbrechenden Investitions- und Wachstumsraten waren der drastische Anstieg der Arbeitslosigkeit und eine hohe Inflation.
Während Spanien den politischen Wandel von der Diktatur Francos zur Demokratie schaffte, konnten in der Wirtschaft keine neuen Wege gefunden werden. Die Arbeitslosigkeit mit all ihren Folgen war zum größten sozialen Problem Spaniens ange­wach­sen. Sie erfasste fast 20% der erwerbsfähigen Bevölkerung, und nur etwa ein Viertel davon erhielt Arbeitslosengeld. Bis heute ist die hohe Arbeitslosenquote Europarekord, sie beträgt rund 20 Prozent.

 

Sanierungspolitik der Sozialisten

Die sozialistischen Wahlsieger waren 1982 mit dem Versprechen in den Wahlkampf gezogen, 800.000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Erwar­tungen und Hoffnungen der Spanier auf einen Neubeginn in der spanischen Politik waren groß. Besonders die extreme Jugendarbeitslosigkeit wog und wiegt noch immer schwer. Die Sozialisten wussten, dass die Festigung der Demokratie vor allem auch von einer erfolgreichen Wirt­schaftspolitik abhing. Fester Bestandteil ihrer Politik war der Eintritt Spaniens in die EU. Voraussetzung da­für waren rigorose Rationalisierungsmaßnahmen in der Schwer-, Textil- und Schuhindustrie. Eine kurzfristige Erhöhung der Arbeitslosenzahlen musste dabei in Kauf genommen werden.

 

Telefónica, Repsol und Renfe


Mit Milliardeninvestitionen wur­den die größten staatlichen Unter­nehmen wie die Telefongesellschaft Telefónica, die Erdölholding Repsol und die Eisenbahngesellschaft RENFE zu modernen Unternehmen umorganisiert.
    Ende der 1980er-Jahre verbesserte sich die wirtschaftliche Lage deutlich, Spanien wurde Mitglied der EU. Die Aussicht auf den Europäischen Markt lockte in diesen Jahren ausländi­sches Kapital ins Land.
Erstmals siedelten sich auch in Madrid ausländische Produzenten an. In der Stadt entstanden neue Industriezweige. In der Industrie wird immerhin ein Viertel des Bruttosozialproduktes erwirtschaftet. Überragende Rolle aber spielt nach wie vor der Dienst­leis­tungssektor, in dem ca. 60 Prozent der Bevölkerung beschäftigt sind. Alle Großbanken und etwa die Hälfte aller Kreditinstitute haben ihren Sitz in der Stadt. 90 Prozent des Börsenumsatzes werden an der Gran Vía getätigt.
Parallel stiegen die Lebenshaltungskosten in den Jahren 1987/88 stark an, und bei einer Inflation von um 5 % sank das Realeinkommen vieler Spanier – trotz Lohnerhöhungen. Die Spannungen entluden sich im Dezember 1988 in einem landesweiten Generalstreik, der für einen Tag ganz Spanien lahm legte. Zentrale Forderung der Gewerkschaften waren dabei Lohnsteigerungen, die Reallohnerhöhungen garantieren sollten und die Verbesserung der Arbeitslosensituation.
    Mit der weltweiten Rezession waren auch die Boomjahre in Spanien vorbei. Bis Mitte der 1990er Jahre gelang es der sozialistischen Regierung nicht, die Arbeitslosenquote zu drücken. Endlich, 1995, sprang der Konjunkturmotor wieder langsam an. Die Sanierung der Fluggesellschaft Iberia, der VW-Tochter Seat und der Werftindus­trie waren auf den Weg gebracht.

Wirtschaft aktuell


In den letzten Jahren hat Spanien eine beachtliche ökonomische Aufholjagd begonnen. Die Wirtschaftspolitik der konservativen Regierung propagierte bis März 2004 sogar die Formel España va bien („Spanien geht es gut“), vor allem wegen der üppigen Subventionen aus Brüssel. Als die Sozialdemokraten die Regierung übernahmen, zeigte sich aber, dass es Spanien nun doch nicht so gut geht: Arbeitslosenquote zu hoch, Bildungssys­tem überholt, unzureichende Beschäftigung von Frauen, fehlender Wettbewerb im Einzelhandel, weniger Subventionen wegen der EU-Osterweiterung. Es fehlt an Geld, weshalb Spanier viel länger auf einen Krankenhausplatz warten als z. B. Deutsche, weshalb die Renten sehr niedrig sind und die Wohnungen teuer. Zwar leben rund 80 % der Familien in den eigenen vier Wänden, doch frisst die Hypothek über die Hälfte ihres monatlichen Einkommens. Der Regierungspräsident will des­halb in Zukunft massiv den sozialen Wohnungsbau fördern.

 

Geplatzte Immobilienblase

A propos Wohnungsbau: Über ein Jahrzehnt boomte die Baubranche, doch 2008 platzte die Immobilienblase. Schlagzeilen machte dabei der ehemalige Präsident des Fußballclubs Real Madrid, Fernández Martíns, der mit seiner gigantischen Baufirma Martíns-Fadesa Pleite ging. Weitere folgten, und so bleibt abzuwarten, wie sich die Wirtschaftslage wieder erholt. Das Potenzial jedenfalls ist da.

 

Hohe Arbeitslosigkeit

2010 ist die Arbeitslosigkeit nach Angaben des Spiegel auf über 20 Prozent gestiegen. Das Land unter Zapatero hat längst drastische Kürzungen im Haushalt vorgenommen, auch angesichts der Krise, wie sie derzeit Griechenland durchlebt.

 

 

© www.spanien-reisemagazin.de 2010 |  Datenschutz   
## Google Analytics [End] ##4trips [Begin]