Die Tour de France gilt als das schwerste Radrennen der Welt. Wer sie gewinnt, ist selbst nach den großen Doping-Skandalen immer noch ein Star. So einer würde doch nie die Sportart, schon gar nicht in den Profi-Fußball, wechseln. Außer vielleicht, er ist trotz Toursieg kein Star und heißt Oscar Pereiro Sio.
von Christian Beck
Wer wissen will, was ein gestohlener Moment ist, sollte eventuell einmal Oscar Pereiro (34) fragen. Im Juli 2006, nach Abschluss der letzten Etappe der Tour de France, stand er auf dem Siegerpodest in Paris „nur“ als Zweitplazierter. Die große Bühne als Träger des gelben Trikots und Toursieger hatte der Amerikaner Floyd Landis. Noch im selben Monat geriet dieser unter Dopingverdacht und wurde schließlich überführt. Endgültig aberkannt wurde Landis der Sieg aber erst im September 2007. Pereiro rückte als Sieger nach, die Zeremonie in Madrid fiel allerdings ungleich bescheidener aus als jene damals in Paris. Fairerweise muss angefügt werden, dass Pereiro selbst in Verdacht geraten war, für einen gestohlenen Moment verantwortlich zu sein: er war bei jener Skandaltour 2006 positiv auf ein Asthmamittel getestet worden, reichte jedoch ein Attest nach und wendete so die drohende nachträgliche Disqualifikation ab.
Bemerkenswert unspektakulär
Oscar Pereiro kam im August 1977 in Mos in Galicien zur Welt. Vor seiner Profikarriere bestritt er vor allem Crossrennen. 2000 unterschrieb er seinen ersten Profivertrag bei einem kleinen portugiesischen Team und errang ein Jahr später seinen ersten Sieg als Berufsradfahrer. 2002 wechselte er zum großen Phonak-Team. Auch hier hatte er den einen oder anderen Erfolg und machte auf seine Fähigkeiten als Kletterkünstler bei Bergetappen aufmerksam. Als Teamkapitän schien er allerdings kaum geeignet.
Chance als Ersatzmann
2006 wechselte Pereiro zu Caisse d’Epargne, dem ehemaligen Team Banesto des fünfmaligen Toursiegers Miguel Induráin. Hier sollte er Helferdienste für Alejandro Valverde verrichten. Der fiel auf der Tour verletzt aus, und Pereiro rückte als Kapitän nach. Wohl weil ihn der damalige Gesamtführende Landis unterschätzte, entriss der Galicier ihm zweimal das gelbe Trikot, bevor es sich der Amerikaner im letzten Zeitfahren sicherte. Nicht für allzu lange Zeit, wie man weiß.
Mittelmaß und ein Neuanfang
An seinen größten Erfolg konnte Pereiro, auch aufgrund einer schweren Verletzung, nicht mehr anknüpfen. Also beendete er 2010 seine Laufbahn als Radprofi. Im Dezember desselben Jahres unterschrieb er beim spanischen Drittligisten Coruxo FC aus Galicien einen Vertrag als Profifußballer und sagte der verdutzten Öffentlichkeit: “Es war schon immer ein Traum von mir, Fußballer zu sein“. Eine Woche später gab er in der 66. Minute als Einwechselspieler sein Debüt in der Amateurmannschaft. Hinterher meinte er: „Ich war ziemlich nervös, denn ich habe mich die ganze Zeit beobachtet gefühlt. Aber ich glaube, ich habe keine Fehler gemacht“, während sein Trainer kommentierte: „Er reißt als Fußballer keine Bäume aus, aber er leistet einen positiven Beitrag zum Spiel der Mannschaft.“ Ähnlich werden manche seiner ehemaligen Radtrainer auch einmal geurteilt haben. Wenn daraus eine vergleichbare Entwicklung erfolgt, wäre das wirklich spektakulär.