geschwungene, hochmoderne Röhrenbrücke in Madrid über dem Stadtfluss Manzanares
Madrid Rio. Arganzuela-Brücke über dem Manzanares in Madrid. Foto Tobias Büscher

Spaniens Architektur und Baukunst

Verwandeln die Spanier eigentlich immer Gold in Stein? Mit dem Gold der Inkas bauten sie steinerne Paläste, mit dem Geld der EU errichteten Architekten und Baulöwen gigantische Satellitenstädte an der Mittelmeerküste. Die Geschichte der Architektur in Spanien ist in jedem Fall Vielfalt pur.

Gebäude in Madrid
Gebäude an der Gran Vía in Madrid, sb



von Tobias Büscher

Damals wie heute folgte ein heftiger ökonomischer Einbruch. Spanien erlebt gerade die Folgen der Immobilienkrise. Sie wird vorbeigehen, hoffentlich bald. Die Stadt der Kulturen in Santiago de Compostela wird nicht weitergebaut, dafür hat im nahen Lalín der Bürgermeister ein hochmodernes Rathaus fertigggestellt. Ganze Flughäfen und Prachtbauten, aber auch Satellitenstädte ohne Anwohner stehen im Land. Eine Besserung der Lage ist langsam in Sicht. Die Zeugen der Vergangenheit aber sind erhalten und zeigen: Spaniens Baukunst ist faszinierend vielfältig.

Kurios übrigens: Das größte Bauwerk Spaniens ist nicht der Escorial nahe Madrid, sondern eine gigantische Anlage aus dem Jahr 1955 im nördlichen Asturien und heißt heute Universidad Laboral


Dagegen hat es der Bürgermeister von Lalín vor kurzem fertiggebracht, ein 12 Mio Euro teures Rathaus in die Kleinstadt mit 20.000 Einwohnern zu stellen! Irre daran: im Grundriss von Keltensiedlungen ist der Bau komplett rund. Sogar die Aufzüge im Innern sind nicht quadratisch. Das hat sogar japanische Architekturstudenten schon in das Kaff in Nordwestspanien gelockt. Architekten sind Mansilla & Tuñón, Schüler des weltberühmten spanischen Architekten Rafael Moneo. Hier ein Foto von 2015:


Rathaus von Lalín in Galicien, gezeichnet von den Architekten Mansilla & Tuñón aus Madrid.
Rathaus der Kleinstadt Lalín, gezeichnet von den Architekten Mansilla & Tuñón aus Madrid, tb

Römische Baukunst in Spanien

Die Römer waren die ersten großen Architekten auf der Iberischen Halbinsel. Nachdem sie Hannibals Elefanten 201 v. Chr. Beine gemacht hatten, gliederten sie das ganze Gebiet in die Provinzen Tarraconensis (um Córdoba), Lusitania (um Mérida) und Bética (um Tarragona). Im nunmehr romanisierten “Hispania” entstanden Bauwerke, deren geniale Statik nach wie vor fasziniert.

 

Bauten sogar weit oben in Galicien

 

In der galicischen Stadt Lugo bauten sie eine Stadtmauer, auf der sportliche Bewohner des 21. Jahrhunderts besonders gerne joggen. Im nahen A Coruña steht der einzige noch funktionierende römische Leuchtturm der Welt. Außer Funktion, aber noch immer erhalten sind die Aquädukte in Segovia und Tarragona. In Itálica nahe Sevilla und in Mérida in der Extremadura befinden sich die schönsten Amphitheater aus dieser Zeit. Méridas Bürgermeister hat vor einiger Zeit den Bau des sehenswerten Nationalmuseums Römischer Kunst in Auftrag gegeben. Den Zuschlag für das 1986 fertiggestellte, monumentale Gebäude bekam Stararchitekt Rafael Moneo aus Tudela (Navarra), selbst ein erklärter Liebhaber römischer Baukunst.

Römisches Theater in Mérida
Theater in der Stadt Mérida in Spanien auf halbem Weg zwischen Madrid und Portugal © ts

Spanien unter Kreuz und Halbmond

Als der maurische Feldherr Tarik 711 n. Chr. die Meerenge von Gibraltar überquerte, war das der Startschuss für eine 800jährige, faszinierende Bautätigkeit Andalusiens im Zeichen des Halbmonds. In Córdoba, Granada und Sevilla blühte bald das Leben, das maurische Spanien bezog Juden und Christen (im maurischen Spanien “mozaraber”) in Philosophie, Medizin und Architektur ein. Und letztere überstrahlte an Kunstfertigkeit bald ganz Europa. Die Almohaden-Herrscher – islamisierte Berber aus Marrakesch - bauten im 11. Jh. beachtliche Ziegelwerke wie die Giralda in Sevilla, das hoch aufragende Minarett der großen Freitagsmoschee. Den Nasriden schließlich gelang mit der Alhambra in Granada der glanzvollste Beweis maurischer Lebensart.

 

Baukunst als Politikum

 

Zeitgleich bereiteten die Christen im Norden die Rückeroberung des Südens vor. Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela entstanden romanische Kirchen und Klöster nach dem Gusto französischer Mönche aus Cluny. Weitgereiste Pilger bewunderten die damals stabile, neue Bauweise mit Rundbögen, Tonnengewölben und basilikalem Grundriss. Italienische Baumeister aus der Lombardei verfolgten dagegen im Osten einen ganz anderen romanischen Stil. Sie bauten u.a. im katalanischen Boí-Tal winzige Dorfkirchen wie die von Taüll mit hohen Türmen, leicht hervorstehenden Mauerpfeilern, Blendarkaden und Zickzackornamenten, wie sie auch in Andorra zu sehen sind.

 

Die Phase bis zum wichtigen Jahr 1492

 

Im 13. Jh. löste die Gotik die Romanik allmählich ab, in Burgos, León, Zaragoza und Toledo entstanden spitzbögige, himmelstürmende Kathedralen mit schmalen Buntglasfenstern und hoch aufragenden Altären.
Als die Christen 1492 die Mauren vertrieben, zerstörten sie viele ihrer Bauten und ersetzten sie durch kühle Renaissanceanlagen. Von den 500 Moscheen in Córdoba blieb nur eine einzige erhalten. Im selben Jahr begann die Plünderung Lateinamerikas. Edelmetalle finanzierten fortan die  Prachtbauten des “Goldenen Zeitalters”.

 

 

Alhambra in Granada, Andalusien, Löwenhof
Löwenhof: Architektur der Alhambra, tb

 

 

 

 

 

Frühromanik in Asturien

Frühromanik bei Oviedo

Unbedingt einen Besuch wert sind die zwei frühromanischen Gebäude, die nur 300 m voneinander entfernt auf dem Naranco-Berg nahe der asturischen Stadt Oviedo stehen: Die ehemalige Palastkapelle San Miguel de Lillo und das einst als Palast geplante Gotteshaus Santa María de Naranco entstanden schon um  848 n. Chr.


Kacheln im Gaudí-Park, Barcelona
Kacheln im Gaudí-Park, Foto tb

 

 

 

 

 

Mudéjar-Stil in Spanien

Als die Christen im Verlauf der Rückeroberung der maurischen Gebiete nach Süden vordrangen, fiel ihnen die beachtliche Kunstfertigkeit islamischer Baumeister auf. So wurde - vom 12. bis ins 16. Jh - die Kunst der Mudéjaren zu einer architektonisch bereichernden Synthese maurischer und christlicher Kultur. Sie verband romanische und gotische Elemente mit islamischer Technik und Dekoration. Mehrfach gebrannte Ziegelsteine, farbige Kacheln (azulejos), Mosaike aus Kachelbruchstücken (alicatados), Stuckarbeiten, monumentale Holzdecken und hufeisenförmige Eingänge zeichnen diese Bauvariante aus.

 

Baukunst aus zwei Kulturen

 

Auch Keramikmöbel wie Bänke waren beliebt und inspirierten noch Jahrhunderte später Antoni Gaudí beim Entwurf des Güell-Parks in Barcelona. Schätze des Mudéjar-Stils finden sich vor allem in Kastilien-León, Andalusien, Süd-Aragón und in der Extremadura. Der beeindruckende Glockenturm der Kathedrale Santa María in Teruel und der Kreuzgang der Klosterkirche von Guadalupe sind von der UNESCO sogar als Weltkulturerbe anerkannt.

 

Burg Belmonte, Cuenca
Belmonte-Burg bei Cuenca © ts

Spaniens berühmte Burgen

Kastilien kommt von Castillo (Burg), und allein in dieser Region  sind über 2000 Anlagen erhalten. In Toledo, Olite, Ponterffada und Segovia verspürt jeder Reisende noch heute das Ritterambiente des Mittelalters. Einige der schönsten, oft hoch gelegenen Schutzburgen liegen rund um Valladolid (Peñafiel, Cuéllar und Coca). Die maurische Variante als Schutz vor den Christen heißt Alcázar. In Soria liegen die Befestigungsanlagen Berlanga de Duero und Gormaz als besonders schöne Beispiele arabischer Bauweise. Mit ihren Stuckelementen und unregelmäßigen Grundrissen wirken sie kunstvoller als die zinnengekrönten, geometrisch einfachen Zweckbauten der christlichen Ritterburgen. In einigen Burgen sind komfortable Paradores als Unterkünfte eingerichtet.

 

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Moderne spanische Architektur

Rund um das Eventjahr 1992 (EXPO in Sevilla, Olympia in Barcelona und Kulturhauptstadt Madrid) begann in Spanien ein neuer Bauboom, ein Facelifting für zahlreiche Städte. So setzte der 1951 geborene Spanier Santiago Calatrava mit seiner himmelstürmenden Alamillo-Brücke in Sevilla in der Nähe des EXPO-Geländes Akzente; in Madrid und Barcelona entstanden hypermoderne Museen und auch kleinere Städte wie València und A Coruña überbieten sich seither bei der Verwirklichung  gewagter, sündhaft teurer Gebäude und ganzer Stadtanlagen.

 

Die Trendsetter heute

 

Trendsetter in der spanischen Architektur sind neben Santiago Calatrava vor allem Ricard Bofill (Kongresspalast in Madrid, Flughafen in Barcelona), Manuel Brullet i Tenas (Krankenhaus Hospital del Mar in Barcelona), Rafael Moneo (Kursaal in Donostia), Luis Mansilla und Emilio Tuñón (Museum Espai d´Art Contemporani in Castellón de la Plana), Federico Soriano und Dolores Palacios (Kongresspalast Euskalduna in Bilbao/Bilbo) sowie Juan Navarro Baldeweg (Kopie der Altamira-Höhle bei Santander).

 

Riscal-Hotel von Frank Gehry, Architekt
Gehry-Hotel der Bodega Riscal, tb

Gehrys Glitzerwelten

Calatrava baut weiter Brücken, Moneo gewinnt Ausschreibungen und auch junge Architektenbüros bekommen gute Aufträge. Eine Freundin von mir, Clarissa Rosenow (Adresse online), zog sogar von Berlin nach Barcelona, der Arbeit wegen. Stolz bin ich schon auf sie, sie hat nämlich u.a. am Bürogebäude für den Regisseur Pedro Almodóvar in Madrid mitgearbeitet. Olé.

 

Wie ein Raumschiff

 

Ein besonders spektakuläres Beispiel für Bauwerke ausländischer Architekten ist das Guggenheim-Museum in Bilbao. Der Kalifornier Frank O. Gehry errichtete das 100 Millionen-Dollar Museumsschiff mit einer glänzenden Haut aus Titan. Später entwarf er ein Hotel für die Bodega Riscal. Tja, auch dort glitzert es nun, und manche Fragen sich: Ufo gelandet?

 

 

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