Impression aus Yecla in der ostspanischen Region Murcia
Stellplatz nahe Yecla in der ostspanischen Region Murcia

Entschleunigen auf der spanischen Hochebene

Der Zimmermann und Weltenbummler Franz Marschall war Anfang 2014 eine der Hauptpersonen in einer ZDF-Doku über Menschen, die als Camper leben (37 Grad). Kurz nach der Ausstrahlung brach er mit einem Gleichgesinnten und zwei umgebauten Lastwagen nach Afrika auf. Doch sein Mitreisender stieg schon in Spanien aus und Marschall sucht seitdem Ersatz. Ganz zufällig hat er dabei einen perfekten Ort für sich und sein Afrika-Projekt gefunden: Im Hinterland Südostspaniens  betreibt er seit 2016 einen sehr speziellen Wohnmobil-Stellplatz für Ruhesucher und Teilzeitaussteiger.


von Sebastian Hampl

Nach Afrika fahren Sie einfach an der Costa Blanca bei Alicante nach Westen, immer den Berg rauf, etwa 80 Kilometer weit ins spanische Hinterland. Wenn Ihr Wohnmobil irgendwann auf der Schotterpiste einer Hochebene nördlich von Yecla langsam am Horizont auftaucht, werden Sie schon erwartet. Die Finca Caravana ist eine Reise-Erfahrung der besonderen Art – hier fühlt sich Spanien wie Afrika an, zumindest wie Marokko. Steppe, Berge, Ruhe, Weite. Sonst nichts, fast nichts. Denn Franz Marschall (*1961) betreibt in diesem Nirgendwo einen Wohnmobil-Stellplatz. Seit er im Sommer 2016 den Ort als Afrika-Treff ausgerufen hat, brummt der Laden plötzlich. Von September bis Dezember hatte er über 300 Gäste. Davor waren es im Sommer vielleicht fünf im Monat. 

Camper-Stellplatz mal anders

Der Afrika-Treffpunkt im Süd-Osten Spaniens. Für Franz Marschall, den gelernten Zimmermann, macht das sehr viel Sinn. Er will nämlich seit Jahren nach Afrika. Mit seinen umgebauten Lastwagen will er von Marokko bis nach Südafrika reisen, als Handwerker arbeiten und sich dabei viel Zeit lassen. Sein Basislager hat er jetzt umständehalber in der Region Murcia aufgeschlagen, denn es läuft natürlich nicht wie geplant. „Wenn man an seinem Traum festhält, kommt er irgendwann. Da glaube ich fest daran. Und Zeit spielt dabei keine Rolle“,  sagt der gebürtige Bayer, nachdem er einige Rückschläge hinnehmen musste. Der große Haken seiner Idee ist nämlich: Er braucht Mitreisende. Schon alleine, weil er alleine nicht seine beiden selbst umgebauten Wohn-LKW’s steuern kann. Interessenten gab und gibt es genug, aber irgendwas kommt immer dazwischen. Die Leute springen wieder ab, sie zerstreiten sich oder werden krank. So legte der reisende Zimmermann in Spanien eine längere Zwischenstation ein. Dabei stieß er auf diesen verlassenen Wohnmobil-Stellplatz, der zum Verkauf steht. Er bot dem deutschen Besitzer an, den Platz zu betreiben, bis sich ein Käufer findet. Seitdem verdient  Marschall hier sein Brot und baut an einem Vorposten zu Afrika.


Der Stellplatz-Betreiber steht in seiner Außenküche und kontrolliert das afrikanische Buffet.
In der Außenküche bereitet Franz Marschall ein afrikanisches Gericht für seine Camper-Gäste

Aussteiger, Afrika-Rückkehrer, Rentner

"Die Finca Caravana ist das ideale Trainings-Camp für mich. Hier kann ich für Afrika vorbereiten, lernen, trainieren und mir am Lagerfeuer die Geschichten von Afrika-Rückkehrern anhören, die hier Station machen, bevor sie wieder in ihren Alltag in Deutschland zurückkehren", erzählt Marschall. Auf knapp 800 Meter Höhe pfeift im Januar kalter Wind über die Ebene, die Wintergäste sind nach Sylvester, Schneesturm und Starkregen weniger geworden. Auch viele frischgebackene Rentner kommen für ein paar Tage oder zwei Monate hierher – zum Entschleunigen. Den Begriff hat er hier zum ersten Mal gehört. Was seine Gäste damit meinen, lebt Franz Marschall schon lange: Er ist sein eigener Herr, lässt sich treiben, nimmt sich Zeit. Das geht hier oben fast von alleine: Es ist beeindruckend still, der Blick geht weit bis zu den fernen Bergrücken am Horizont, die Natur gibt den Rhythmus vor mit spektakulären Sonnenauf- und untergänge. Und dieser Sternenhimmel!


Blick von oben auf den 20.000 Quadratmeter großen Wohnmobil-Stellplatz
Viel Platz haben die Camper in ihren Parzellen auf dem 20.000-Quadratmeter-Stellplatz mit Service-Station

Back to Basic

„Ich biete den Leute auch einen Service. Zur Begrüßung bekommt jeder eine Schale getrocknetes Obst und Gemüse. Von meinen Hühnern gibt‘s frische Eier. Brot und Brötchen backe ich selber und hole auf Wunsch frisches Quellwasser. Der nächste Supermarkt ist 13 Kilometer weg, aber ich kann den Gästen auch mal was mitbringen.“ Mit wenig auskommen, das übt Franz Marschall hier. Gemüse und Früchte hat er im vergangenen Sommer selber eingemacht und getrocknet. Das Material für die selbstgebaute Außenküche hat er aus der Umgebung gesammelt, die Toiletten und Duschen aus alten Paletten aufgebaut. Jetzt bietet er Workshops für den Bau afrikanischer Lehmhütten, er kocht für seine Gäste afrikanisch und am Abend sitzen alle, die wollen, gemeinsam ums Lagerfeuer. 

Yoga und Outdoor

Es ist ein rauer, stiller Charme, der die Reisenden hier erwartet. Mitten auf einer riesigen Hochebene, eingerahmt von Gebirgsketten liegt der großzügige Camper-Stellplatz auf dem 20.000 Quadratkilometer großen Areal, mit kompletter Wohnmobil-Service-Station und großem Esstisch an der Außenküche. Die Finca Caravana grenzt an ein Vogelschutzgebiet und an den Naturpark Sierra Oliva / Santa Barbara. Die Ruhe ist sicher angenehm für Yoga-Fans, die Weite ein Outdoor-Paradies für Hundebesitzer, Wanderer, Läufer, Radfahrer und Drachen- und Gleitschirmflieger. Lange Feldwege führen durch Kräuterwiesen, Wein-, Oliven-, Mandelfelder und an vereinzelten Ruinen vorbei. In einer Höhle im Monte Arabi bei Yecla finden sich prähistorische Malereien. 


Nebel liegt über einem Olivenhain vor einem Bergmassiv.
Die Olivenhaine vor dem Bergrücken liegen am frühen Morgen noch im Nebel

Karawane nach Afrika

Für Franz Marschall hat sich das alles perfekt gefügt. „Das Leben macht das schon. Das Leben wollte, dass ich zur Finca Caravana komme. Es ist der ideale Ort für mich“. Sein Afrika-Projekt „Karawane El Planeto“ hat er weiter fest im Auge. Erster Stopp wird in Marokko sein für mindestens sechs Monate. „Was die Leute immer falsch verstehen: Das wird kein Urlaub, das ist Arbeit.“ Der Zimmermann will vor Ort sein Handwerk gegen Kost und Logis anbieten und mit wenig auskommen. „Dafür konnte ich hier perfekt trainieren“, sagt Marschall. Einen neuen Fahrer für sein zweites Fahrzeug hat er mittlerweile gefunden. Aber dem Camper-Stellplatz bleibt er wahrscheinlich erstmal bis 2018 erhalten. Dann geht nämlich eine deutsche Freundin in Rente, und die will unbedingt mit nach Afrika fahren. Soviel Zeit muss sein.


Sebastian Hampl
Der Autor

Der Autor

Der Kölner Fernsehjournalist Sebastian Hampl hat schon im Jahr 2014 mit Franz Marschall Kontakt aufgenommen, weil er mit ihm eine TV-Doku über seine Afrika-Karawane drehen will. Mehrmals standen sie seitdem kurz vor Drehstart, mussten den Termin aber immer wieder verschieben. Für 2018 hat der Autor noch nichts vor und freut sich sehr, wenn die Karawane dann endlich über die Meerenge von Gibraltar nach Afrika übersetzt. Er will dann unbedingt mit der Kamera dabei sein.

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