Stadtgeschichte von Santiago de Compostela

Die Kelten interessierte der Ort nicht, die Römer bauten nur einen kleinen Posten auf. Dann fand ein Einsiedler, angeblich von Sternen geführt, auf einem Feld die Gebeine des Apostels Jakob. Gefährlich nahe am Wasser. Also entstand die Stadt des Apostels rund 40 km von der Küste entfernt: Santiago de Compostela, was so viel heißt wie „Der Heilige Jakob des Sternenfelds“.

von Tobias Büscher

Die wichtigsten Daten zur Historie von Santiago hier im Überblick. Anlass: Das Heilige Jahr 2021/22, das wegen Corona ganz anders verlaufen wird, als sich die Stadtoberen das beim Planen vieler Veranstaltungen vorgestellt hatten. Allein 17 Millionen Euro hat die Restaurierung der Kathedrale gekostet, extra für das Año Santo, das nun ohne den zunächst einkalkulierten und sogar gefürchteten Ansturm an Pilgern auskommen muss. Und nach der Ansage des Papstes am 1. Januar sogar um ein Jahr verlängert wird.

Bis 500 n. Chr.: Nest ohne keltische Vergangenheit

Forscher haben bei Grabungen unterhalb der Kathedrale von Santiago Bronzebehälter, einige Webmaschinengewichte und Granitsärge entdeckt. Sie stammen aus der Zeit der römische Siedlung Assegonia. Im Vergleich zu den römischen Metropolen Lugo und Ourense war Assegonia damals ein neu gegründetes Provinznest ohne keltische Vergangenheit. Daher machen nach wie vor andere Orte Schlagzeilen, etwa wenn ein Hund eine Keltensiedlung weit ab von Santiago entdeckt.

813 n. Chr. Jakob und der PR-Trick des Mittelalters

Der Einsiedler Pelayo behauptet, durch himmlische Zeichen das Grab des Apostels und Spanienmissionars Jakob entdeckt zu haben. Das spricht sich rum wie ein Lauffeuer. Die Stadt Santiago de Compostela entsteht und damit der Jakobskult. Steinmetze sind in der Folgezeit vollbeschäftigt. Die ersten Kathedralen des Jakobswegs entstehen in Jaca und Santiago. Kirchenpolitisches Motiv für diese Entdeckung ist das Rückerobern (Reconquista) Andalusiens unter der Herrschaft der Mauren.

830: Der erste Pilger war ein König

König Alfonso II pilgert in rund zwölf Tagen die 370 km von Oviedo nach Santiago und begründet damit die Tradition des Ursprünglichen Pilgerwegs Camino Primitivo. Er führt von Asturiens Hauptstadt über Lugo nach Santiago und ist für Hardcore-Pilger nach wie vor ein Geheimtipp.

997: Glockentransport nach Córdoba

Almanzor, der mächtige Heerführer des Kalifats von Córdoba, zerstört am 11. August Santiago samt ihrer Kirche. Nur den Reliquienschrein lässt er unberührt. Die schweren Glocken müssen christliche Gefangene nach Córdoba schleppen. Während die Moslems den Feldherrn feiern, zittern die Christen in dem Glauben, die Verwüstung sei der Vorbote des Weltuntergangs in drei Jahren zur Jahrtausendwende. 

1075 bis 1122: Renaissance einer Kathedrale

1075: Santiago blüht wieder auf. Beginn der romanischen Konstruktion der heutigen Kathedrale von Santiago.

1122: Papst Calixtus II ruft das erste Heilige Jahr für Santiago aus. Es findet immer dann statt, wenn der 25. Juli als Tag des Apostels auf einen Sonntag fällt. Für Calixtus ist nicht nur das ein Erfolg. 1122 erreicht er im sogenannten Investiturstreit mit Kaiser Heinrich V, dass die Kirche ab sofort ihre Bischöfe und Äbte selbst ernennen darf.

1181/82: Nein wie praktisch: Ablass von allen Sünden

Pilgerboom am Jakobsweg nach einer krachenden Entscheidung aus dem Vatikan in Rom. In Santiago ist für Pilger von nun an der Ablass von den Sünden möglich. Selbst von denen, die man am Camino selbst begeht.

1188: Der geniale Steinmetz Mateo

Mateo, der berühmteste Baumeister seiner Zeit, vollendet am Eingang der Kathedrale von Santiago das Figurenportal Pórtico de la Gloria. Die Kirchenleitung macht sich heute Sorgen um den Erhalt dieses Eingangs und hat wegen der Pilgermassen das Haupttor der Kathedrale dauerhaft verriegelt. Das Glanzwerk der Romanik dürfen Besucher nun nur noch gegen eine Gebühr von 10 Euro besichtigen. Grüppchenweise. Ein Priester, der anonym bleiben will, sagte dazu wörtlich: „Denkmalschutz? Ach was, das ist eine Unverschämtheit.“

1492: War Kolumbus etwa Galicier?

Was für ein Jahr. Die letzte maurische Bastion Granada fällt und Kolumbus entdeckt Amerika. Das erste seiner Schiffe landet mit der sagenhaften Nachricht im galicischen Baiona. Viele Galicier allen voran Wissenschaftler der 1495 gegründeten Uni von Santiago, behaupten, Cristobál Colón sei einer von ihnen. In der Ortschaft Poio südlich von Santiago ist sogar ein Museum aus Glas und Granit im Geburtshaus des Seefahrers eingerichtet.

1539: Ist das Jakob oder ein toter Hund?

Aus Angst vor den Soldaten von Francis Drake, der unter englischer Flagge die galicische Küste belagert, verstecken die Kirchenoberen in Santiago den Reliquienschrein mit den Gebeinen des Heiligen Jakob. Und zwar gründlich. Sie bleiben verschollen, bis Papst Leo XIII im Jahr 1879 verkündet, sie seien bei Bauarbeiten wieder aufgetaucht. In der Zwischenzeit ist es ruhiger geworden am Jakobsweg. Das ist auch Martin Luther Schuld, der einmal meinte: „Man weiß nicht, ob in Santiagos Kathedrale Jakob liegt oder die Knochen eines toten Hundes.“

1931-36: Bürgerkrieg mit Folgen

Den Spanischen Bürgerkrieg zwischen der linken Regierung in Madrid und aufständischen Truppen entscheidet am Ende ein Galicier: General Franco. Das Regime des in der Hafenstadt Ferrol geborenen Mannes dauert bis zu seinem Tod im Jahr 1975 an. Seine Heimatsprache lässt er verbieten. Und den Jakobskult wieder erblühen: Unter Franco wird der 25. Juli als Tag des Apostels zum Nationalfeiertag.

1982: Santiago wird Hauptstadt Galiciens

Galicien bekommt einen eigenen Verwaltungsstatus und ist nun eine der 17 Regionen Spaniens. Galicisch wird neben dem Baskischen und Katalanischen als eigenständige Sprache anerkannt. Santiago wird Hauptstadt Galiciens, die Provinzhauptstädte sind Lugo, Ourense, Pontevedra und A Coruña.

Ende der 80er: Was Fraga mit der Spiegelaffäre zu tun hat

1985: Santiagos Altstadt wird UNESCO-Kulturerbe.

1989: Manuel Fraga Iribarne wird Regierungschef und regiert von Santiago aus Galicien bis 2006, als er bereits 82 Jahre alt ist. Der konservative Politiker war einst Minister unter Franco. Und bekam 1969 den Verdienstorden der BRD, weil er zuvor in der Spiegel-Affäre offengelegt hatte, dass nicht Spanier, sondern Deutsche den Spiegel-Autor Conrad Ahlers wegen seines Artikels „Bedingt abwehrbereit“ in Torremolinos festgenommen hatten. Die Folge war eine handfeste Regierungskrise in Bonn. Fraga gilt heute als einer der besten Politiker, die das Land je hatte. Auch weil er die Spanische Verfassung nach Francos Tod mit organisiert hatte. In seiner aktiven Zeit hat er angeblich nie mehr als vier Stunden nachts geschlafen.

1992: Bienvenidos Mr. Castro

Zur 500-Jahrfeier der Entdeckung Amerikas besucht Kubas Staatschef Fidel Castro Santiago de Compostela. Seine Vorfahren stammen aus Galicien. Er kommt statt wie gewohnt in Uniform in Anzug und Krawatte. Beim Empfang hat er auch mir als beobachtenden Journalisten die Hand gedrückt. Aua, ganz schön feste.

1993: "Ich habe doch ein Auto"

Der Politiker und Tourismusbeauftragte Victor Vázquez Portomeñe feiert einen gewaltigen Erfolg. Seine PR-Kampagne für den Jakobsweg (Xacobeo) geht voll auf. Überall auf der Welt erscheinen Artikel und TV-Sendungen über den Camino. Vázquez Portomeñe bekommt später die Ehrenmedaille Galiciens. Und erklärte 2020 in einem Interview, selbst sei er noch nie auch nur einen Meter gepilgert: „Ich habe doch ein Auto.“

2004: 180.000 Pilger

Zwei Jahre nach dem schweren Tankerunglück der „Prestige“ an der Küste Galiciens feiert Santiago sein Heiliges Jahr mit einem Rekord. Die Regierung in Santiago lässt die Sektkorken knallen. Es kommen 180.000 Pilger. Vor 1993 waren so wenige Gläubige auf dem Jakobsweg unterwegs, dass sie in eine einzige Telefonzelle gepasst hätten.

2006: Er ist dann mal weg

Hape Kerkeling veröffentlicht seinen Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Das Buch des Recklinghauseners über den Jakobsweg wird später verfilmt. Weitere berühmte Camino-Autoren sind Shirley McLane, Cees Nooteboom und Paulo Coelho. Etwas weniger gut verkaufen sich Bücher über Jakobstouren mit dem Pferd, mit dem Hundeschlitten auf Rädern oder auch mit dem Traktor („Mit Jockl nach Santiago“). Oder auch meins bei DuMont: Galicien & Jakobsweg.

2007: Galicisch in den Säuglingsstationen

Die Kampagne zum Erhalt der Galicischen Sprache erreicht die Säuglingsstationen. Dort bekommen junge Eltern CDs mit galicischen Volksliedern. Damit die Kleinen von Anfang an das Richtige hören.

2012: Elektriker klaut wertvollstes Buch des Jakobswegs

Ein Elektriker klaut in der Kathedrale von Santiago das wertvolle historische Pilgerbuch Codex Calixtinus und versteckt es in seiner Garage in einer Plastiktüte. Als die Polizei ihn verhört, erklärt er den Grund für die Tat. Die Kirchenleitung hatte ihn über Monate nicht ausbezahlt.

2020: Beste Neuentdeckung des Films, mit 84 Jahren

Benedicta Sánchez bekommt in Santiago die Ehrenmedaille Galiciens. Für ihre Rolle in dem Film „O Que Arde“ (Es wird brennen) hatte sie zuvor den Filmpreis Goya als „beste neuentdeckte Schauspielerin“ erhalten. Die Galicierin ist zu diesem Zeitpunkt 84 Jahre alt. In dem Film von Oliver Laxe spielt sie die Mutter eines Pyromanen. Waldbrände sind in der regenreichen Region Galicien ein großes Problem. Grund sind die aus Australien eingeführten Eukalyptusbäume, die sehr schnell wachsen. Freut die Holzindustrie. Doch sie entziehen den anderen Bäumen das Wasser und brennen wegen dem Öl unter der Rinde extrem schnell.

2020-21: Vom Virus und einem trotzigen Pilger

Das Corona-Virus trifft auch Santiago mit voller Wucht. Vorübergehend schließen die Kathedrale und alle Pilgerherbergen am Jakobsweg. Den damals letzten (trotzigen) Pilger, habe ich der Süddeutschen Zeitung für eine Seite 3 Reportage am Telefon verraten, hat die Polizei aufgegriffen. Er war mit dem Zelt unterwegs. Für das Heilige Jahr 2021 stehen viele Kulturevents wegen der Pandemie auf der Kippe.

2022

Wegen der Pandemie erklärt Rom zum Jahresbeginn 2021: Das sogenannte Heilige Jahr wird bis 2022 verlängert. Über die Planung hatten wir schon zuvor berichtet: mehr

Der Autor

Tobias Büscher arbeitet als Journalist mit Fachgebiet Spanien. Er kann zwar Spanisch, aber das R nicht rollen. Büscher kocht am liebsten Pulpo, tanzt mit seiner Tochter Merengue und vermisst Santiago seit Corona sehr. Vor allem seine Freunde dort.

Anmerkung der Redaktion

Anmerkung der Redaktion
Böses Erwachen für die Reisebuchverlage: 2020 kam der Guide Galicien & Jakobsweg (DuMont) heraus, was die Süddeutsche Zeitung sehr eigenartig fand. Ein von uns ebenfalls geplantes Stadtbuch hatten wir bereits für den Verlag via-Reise in Berlin geplant. Doch mit Corona lief das Projekt ins Leere.