Spaniens Katholiken in der Krise

Während am 25. Juli in Santiago de Compostela das Fest des Heiligen Jakobus steigt, ist der Einfluss der katholischen Kirche auf die spanische Gesellschaft in freiem Fall. Komplett? Nein. Ein Priester aus Madrid sorgt derzeit für Furore.

Von Tobias Büscher

Damián María Montes hat eine große Brille und ansteckend gute Laune. Er sieht aus wie der große Bruder von Harry Potter. Auf TikTok hat er über 175.000 Follower.

Doch der Spanier ist kein Influencer im eigentlichen Sinne. Vielmehr gehört er einer Berufsgruppe an, die in Spanien langsam ausstirbt. Damián ist Priester im Madrider  Arbeiterviertel Aluche.

„Das mach nicht ich, das macht Gott“

Youtube und facebook nutzt er auch, und zeigt schon mal ein Mädchen auf einer Rutsche, der plötzlich die Haare zu Berge stehen. „Guckt mal“, ruft Damián dabei entzückt in die Kamera, „guckt mal, die Haare!“.

Der Madrilene ist ein Phänomen in Spanien. Der Kirchenmann bringt die Leute zum Lachen. Und gibt auch gerne mal klare Antworten, so in einem Interview mit der linksliberalen El País. Ob er Schwule segnen würde? „Klar, nur mache ich das ja gar nicht selber, das macht Gott“. Und setzt nach: „Der schlimmste Fehler der Katholischen Kirche ist, dass sie Sex mit Sünde in Verbindung gebracht hat“.

Im Rausch der Tiefe

Eigentlich müssten Damián selbst die Haare zu Berge stehen. Es müsste ihm sogar das Lachen vergehen. Denn die Lage der katholischen Kirche in Spanien ist dramatisch:

Damián ist einer von nur noch 16.960 Priestern im Land. Als Arzt wäre er einer von rund 180.000. Und während junge Leute vom Arztberuf schwärmen, geht kaum noch jemand ins Priesterseminar.

In vielen Kirchen von Sevilla bis Bilbao, von Badajoz bis Barcelona, herrscht gespenstige Stille. Über 6000 Pfarreien haben keinen Pfarrer mehr. La Vanguardia meldet, dass es landesweit nur noch 2500 katholische Schulen gibt.  Und die UNESCO hält das Gebiet Ribeira Sacra (Heiliges Ufer) nahe Santiago de Compostela für nicht schützenswert: Begründung: Es gibt dort zu viele Staudämme. Und zu viele verlassene Klöster.

Bald, sagen Spaniens Soziologen, ist das einst so katholische Land komplett säkularisiert. Sie begründen das so: Schon jetzt bezeichnen sich kaum noch 60 Prozent überhaupt als Katholiken. Und es werden Jahr für Jahr weniger.

Von der einstigen Macht ist nicht viel übrig

Dort, wo einst die Inquisition wütete und Diktator Franco eine Art Nationalkatholizismus betrieb, ist der Niedergang eklatant. Der Diktator, von 1939 bis 1975 an der Macht, hatte im Einklang mit den Bischöfen so viele religiöse Prozessionen und Feste anberaumt, dass Spanien heute die meisten Fiestas in Europa hat: 25.000. Unter anderem sorgte er dafür, dass der 25. Juli ein Nationalfeiertag zu Ehren des Apostels Jakob wurde.

Wer ein Kind zur Welt brachte, musste Vornamen aus der Bibel wählen, weshalb lebenserfahrene spanische Frauen oft Maria-Jesús heißen und Männer José-Antonio. Zudem übernahm die Kirche unter Franco landesweit das Schulsystem. 

Bikinis in Benidorm, Kinobesuch in Perpignan

Noch drei Jahre vor dem natürlichen Ableben des Caudillo waren Kinofans froh, wenn sie ganz im Norden Spaniens lebten. Dann konnten sie über die Pyrenäen nach Frankreich fahren, um sich in Perpignan den Erotikstreifen „Der letzte Tango“ mit Maria Schneider und Marlon Brando anzusehen. Im Land waren solche Filme selbstverständlich tabu. Und dass sich in Benidorm Ausländerinnen im Bikini sonnen konnten, hatte rein wirtschaftliche Gründe.

Nach dem Tod Francos änderte sich das Land dann noch radikaler als Russland mit Glasnost. Spanien war nun eine parlamentarische Monarchie mit Pressefreiheit und Kommunisten im Parlament. Spaniens Linke atmete damals auf und ahnte noch nicht, dass Regisseur Pedro Almodóvar später den Film „La mala educación“ bringen sollte. Mit scharfen Attacken auf die Rolle des Klerus im damaligen Schulsystem. 

Und die Bischöfe in Sevilla, Toledo und Burgos ahnten noch nicht, wie stark ihr politischer Einfluss schwinden sollte. Und dass die Regierung einmal die Abtreibung und die Blitzscheidung legalisieren sollte.

Die Kehrseite der Medaille

Und nun? Adiós, iglesia? Nicht ganz. Die Kirche hat in der Pandemie dazugelernt, weil Prozessionen und Messen nicht mehr liefen wie bisher. Das Onlineangebot kam sehr schnell.

Auch sind die Bischöfe im Land weniger zögerlich bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen als in Deutschland. Schon 2018 haben sie öffentlich kundgetan, solche Untaten „auszurotten“.

Doch in einem Land, in dem der Staat die Kirche schon lange nicht mehr fördert und kaum noch jemand Priester werden will, hilft das nicht.  

Der Influencer und der Exorzist

Allerdings gibt es eine junge Generation von Geistlichen, die sich fast trotzig gegen den Trend stellen und nicht jede Entscheidung des Vatikans begrüßen. Vor allem nicht das veraltete Frauenbild.

Ein Beispiel dafür ist José aus dem Wallfahrtsort O Corpiño nahe Santiago, ein nachdenklicher Typ, dessen Messen bis auf den letzten Platz besetzt sind. Oder eben auch dieser gut gelaunte Damián aus Madrid, der viel mehr Menschen erreicht, als in eine Kirche passen. Wobei die beiden sehr unterschiedlich sind. 

Damián ist ein technikaffiner Geistlicher aus Spaniens Hauptstadt Madrid. Don José wiederum ein traditioneller Geistlicher mit einem Gespür für den Teufel.

Er gehört zu den letzten 15 Exorzisten, die das Land noch hat. Und die ihre Praktiken in letzter Zeit umgestellt haben: aufs Telefon. Wegen der Abstandsregeln.

Whatsapp der Teufelsaustreiber

Im Magazinteil dieses Buches von DuMont gibt es ein ausführliches Interview mit dem Exorzisten José über den Teufel, seine Ausbildung und warum die Exorzisten eine Whatssapp-Gruppe haben: