Janosch auf Teneriffa: Oh wie schön

Sein Vater war ein Säufer. Seine Tigerente ging ihm zwischendurch höllisch auf den Nerv. Doch die Hängematte des Kultautors auf Teneriffa entschädigt für alles. Seit Jahrzehnten.

Ein Porträt von Vivien Botin

Teneriffa. Irgendwo in den südlichen Bergen der Kanareninsel liegt ein alter, kauziger Mann in seiner gelb gestreiften Hängematte und sonnt sich. Die Hängematte heißt Elisabeth. So oder so ähnlich kann man sich das heutige Leben des bekannten deutschen Kinderbuchautors Janosch vorstellen. Den Mann mit dem fantasievollen, lustigen und teilweise gesellschaftskritischen Humor. Denn als seine Biografin Angela Bajorek fragte, was der den ganzen Tag macht, antwortete er trocken: „Immer Hängematte!“.

Seit vier Jahrzehnten wohnt der Autor mit seiner Frau Ines schon auf der Insel. Wo, das geht keinen etwas an, vor allem Journalisten nicht. Er lebt dort in einem alten Backofenhaus, fernab vom Trubel um seine eigene Person. Eigentlich wollt er sich auf Teneriffa nur von einem schweren Nierenleiden erholen. Doch es wurde die Traumstation seines Lebens. Im wahrsten Sinne des Wortes auf der Sonnenseite.

Denn was viele nicht wissen: Der deutsche Buchautor kam am 11. März 1931 in Oberschlesien (dem heutigen polnischen Zabrze) als Horst Eckert zur Welt. Und hat als einer der erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren und Erfinder von Tigerente, Bärchen, Tiger und Co. eine schlimme Kindheit hinter sich.

Besoffener Vater, brutale HJ

Janosch selbst bezeichnet sich als Unglücksmenschen. Zusammen mit seinen Eltern wächst er im damaligen Schlesien in ärmsten Verhältnissen auf. Sein Vater, der nie einen Beruf gelernt hat, hält seine Familie nur mit Aushilfsarbeiten über Wasser. Als schwerer Alkoholiker ist er fast immer betrunken und schlecht gelaunt. Er schlägt seinen Sohn und Janoschs nicht minder gewalttätige Mutter mit einem Lederriemen – manchmal bis zur Besinnungslosigkeit. 

Doch damit ist es nicht genug. Der heranwachsende Janosch leidet auch sehr unter den Schikanen seiner Lehrer, Mitschüler und dem Pfarrer. Die versuchten, aus ihm einen frommen Katholiken zu machen. Und schließlich unter den Nazis und seiner Zwangsmitgliedschaft in der Hitlerjugend. Er selbst beschreibt diese Zeit als totale Zerstörung seiner Person.

Nach dem Krieg 1946 wird die Familie aus Polen vertrieben und landet in Oldenburg. Hier arbeitet Horst Eckert zunächst in einigen Textilfabriken und besucht eine Textilfachschule in Krefeld, wo er auch an einem Lehrgang zum Musterzeichner teilnimmt. Seine künstlerische Karriere nimmt ihren Anfang, doch der Erfolg will sich zunächst nicht einstellen. Im Gegenteil. 1953 beginnt er in München ein Kunststudium, das er zwecks „mangelnder Begabung“ nach den ersten Semestern wieder abbrechen muss.

Aus Horst Eckert wird Janosch

Nach seinem vergeigten Studium arbeitet Horst Eckert als freischaffender Künstler. Um seine grauenvolle Kindheit zu verdrängen, betrinkt er sich fast täglich und flüchtet sich mit seinen skurrilen Figuren in eine heile Fantasiewelt, in der es gerade die Schwachen und Unsichtbaren sind, die zu den wahren Helden werden. 1960 veröffentlicht er so auch sein erstes Kinderbuch „Die Geschichte von Valek dem Pferd“, erstmals unter dem Namen Janosch.

Schöpfer seines Pseudonyms ist sein Verleger Georg Lentz. Als Horst Eckert zum ersten Mal sein Büro betritt, verwechselt ihn Lentz mit einem Mann der tatsächlich Janosch heißt und rät ihm – wohl aus einer spontanen Eingebung heraus  – sich selbst Janosch zu nennen und unter diesem Namen zu veröffentlichen. Seine ersten Werke finden jedoch nur wenig Beachtung. So nennt ihn der Schweizer Publizist François Bondy noch 1976, nach bereits etlichen veröffentlichten Werken, den „wahrscheinlich am meisten unterschätzten deutschen Autor“. 

Janoschs großer Durchbruch gelingt ihm erst mit seinem Kinderbuch "Oh, wie schön ist Panama", jener herzerwärmenden Geschichte von Tiger und Bär, die sich ins paradiesische Panama aufmachen, um es dann, ohne es zu wissen, bei sich selbst zuhause zu finden. 1979 erhält Janosch dafür den deutschen Jugendbuchpreis und wird in den folgenden Jahren auch international bekannt.

Janoschs persönliches Panama ist Teneriffa

Dass sich Janosch mit seiner Frau bereits ein Jahr nach seinem großen Erfolg in sein persönliches Paradies aufmacht, wirkt in diesem Zusammenhang kaum wie ein Zufall. Denn Janosch steht nicht gerne im Rampenlicht. Zwar hat er Zeit seines Lebens um Beachtung gekämpft, aber sie ausgerechnet auch für die Figuren bekommen, die er selbst für eher kitschig hält, wie z.B. seine Tigerente. Sie war für ihn eigentlich bloß eine Nebenfigur. 

Mittlerweile hat der Künstler mehr als 300 Bücher geschrieben, die sich millionenfach verkauft haben und weltweit in über 40 Sprachen – sogar chinesisch und japanisch – übersetzt sind. Neben seiner Literatur für Kinder hat er auch zahlreiche Romane und Theaterstücke für Erwachsene geschrieben, wie zum Beispiel „Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm“, „Sacharin im Salat“, „Sandstrand“ oder sein autobiografisches Werk „Leben & Kunst“. 

Auf die Frage, was für ihn in seinem Leben am schönsten war hatte er, trotz oder vielleicht gerade wegen seines hart erkämpften Erfolgs, geantwortet: „die Reise nach hier“. Was ihm daran am meisten gefalle? „Die weite Sicht auf das Meer, und es regnet nie. Und Schnee gibt es auch nicht.“ Auch wenn Janosch zwar behauptet auf Teneriffa vorzüglich in seiner Hängematte zu liegen, sagt seine Biografin auch, dass er nach wie vor viel arbeite. Dazu gehören seine wöchentlichen Kolumnen für das Zeit-Magazin  – so ganz scheint ihn das künstlerische Schaffen wohl immer noch nicht losgelassen zu haben.

 

Zur Autorin

Vivien Botin liebt Janoschs Werke seit Jahren. Und hat die Zeichnung als Aufmacherbild ganz oben erstellt.

Getroffen hat sie den Star der Kinder noch nie, aber das kann sich ja noch ändern.

Sie hat „Technische Redaktion und Wissenskommunikation“ in Merseburg und „Kommunikations- und Medienwissenschaften“ in Leipzig studiert.

Heute lebt die Autorin in Köln und arbeitet als Online Redakteurin und Content Managerin.

Unter dem alias räubertochter-art betreibt sie selbst einen kleinen Kunstblog, in dem sie ihre eigenen kreativen Werke rund um ihre Lieblingskünstler ausstellt.