Foto des spanischen Autors Benjamin Prado
Optisch wie gemacht für die Rolle des Don Quijote. Spaniens Autor Benjamín Prado bei einer Buchvorstellung in Madrid. Foto: tb

Benjamín Prado im Porträt

"Mit 18 wollte ich zuerst Bob Dylan, dann Rafael Alberti sein. Schließlich musste ich mich mit mir selbst zufrieden geben." Mit Selbstironie und Poesie dringt der spanische Lyriker, Krimiautor und Liedermacher Benjamín Prado in die Wirklichkeiten und Fantasmen seines Landes ein, zwischen Franco-Zeit und Wirtschaftskrise.

von Roberto Di Bella

Realismo sucio: mit diesem Etikett versah die Kritik in den 1990er Jahren eine Reihe junger Autoren, welche damals die spanische Literatur- und Kulturszene nachhaltig aufmischten. Auf der Spur des amerikanischen Dirty realism eines Bukowski, Burroughs oder Bret Easton Ellis beschrieben Autoren wie Francisco Casavella (1963-2008), Ray Loriga (*1967) oder José Ángel Mañas (*1971) ihre Sicht der Dinge. Mit einer teils drastischen Sprache und einem Stil, der bewusst unpoliert daherkam. So auch der 1961 in Madrid geborene Prado mit seinem Debütroman "Raro" (also: seltsam, bizarr) von 1994. Die oftmals erfolgreich verfilmten Bücher sind zugleich der Ausdruck einer Generation, die die Franco-Ära nicht bewusst miterlebt hat - und gerade deshalb umso irritierter auf die offenen Risse und unverarbeiteten Widersprüche der heutigen Gesellschaft ihres Landes zeigt. 

Den Sound des "rocanrol" im Ohr

"Die Figuren von Prado, wie von Manas oder Loriga, scheinen aus einer Galaxie zu stammen, in der es weder spanische Literatur noch Kultur gibt", ätzte der bekannte Journalist und Krimiautor Manuel Vázquez Montalbán. Doch in der globalisierten Welt fanden und finden diese Autoren ihre Bezüge längst jenseits der iberischen Halbinsel. "Meine Wurzeln sind die Rolling Stones", bekennt z.B. Ray Loriga. "Und ich habe sie mir nicht ausgesucht, sie waren einfach schon da." Das gilt auch für Prado. "Die Musik ist immer da, wenn ich schreibe". Immer. Vor allem die des "rocanrol". Und die Lieder eines Bob Dylan, Tom Waits oder Leonard Cohen sind für Prado vor allem eines: gute Literatur. Immer wieder tritt er auch mit populären spanischen Liedermachern auf, wie Marwan oder Joaquín Sabina.

Ein Romancier mit Kultpotenzial

Bekannt wurde Prado in Spanien zwar mit seinen Romanen. Doch seine Anfänge liegen in der Lyrik, die auch weiterhin seine bevorzugte Gattung bleibt. Jiménez, Paz, Eliot und Lorca nennt er als Vorbilder. Eine besondere Bedeutung hat seine 13-jährige Freundschaft mit dem berühmten Dichter Rafael Alberti (1902-1999). Der sagte ihm: "Eines musst du dir stets vor Augen halten: Du musst dein Schreiben sehr ernst nehmen, aber dich selbst überhaupt nicht". Ein umfangreiches Werk aus Romanen und Erzählungen, Essays und Poesie aus drei Jahrzehnten liegt mittlerweile vor. Zudem ist er als Radiomoderator und Kolumnist aktiv und auch im Fernseher ein gern gesehener Gast. Da wirkt seine Selbstironie nach dem Rat Albertis manchmal etwas aufgesetzt.

Hierzulande sind vier Romane erschienen und erhielten viel positive Resonanz. "Ein Romancier mit einer umwerfenden Persönlichkeit, der alle Voraussetzungen mitbringt, um zum Kultautor zu werden," schrieb z.B. "Der Spiegel". Doch seit 2004 ist kein weiterer Titel übersetzt worden. Zurzeit ist der Autor in Deutschland ohne festen verlegerischen Wohnsitz.

Was glaubst du eigentlich, wer du bist?

Auf Deutsch liegt aber z.B. sein (Nicht-nur-)Jugendbuch "Was glaubst du eigentlich, wer du bist?" (1996) vor. Ein Junge entdeckt auf dem Schreibtisch seines kürzlich verstorbenen Vaters ein geheimnisvolles Buch. Die Lektüre führt den 15-Jährigen in ein Labyrinth aus Geschichten, an der Seite der Helden von Charles Dickens, Hans Christian Andersen und Walter Scott. Es ist eine bisweilen arg verschachtelte Erzählung, in der es aber auch darum geht, wie Bücher unser Leben verändern und unsere Persönlichkeit prägen. "Kann ein Junge die Abenteuer von David Copperfield lesen und nach der Lektüre noch derselbe sein wie vorher?" Die Frage ist aber auch, wie sich die Jugendbuchklassiker von einst in der Konkurrenz mit Games, Mangas und TV heute behaupten können.

Erkundungen im Land des „pelotazo“

Vor der Kulisse der aktuellen Lage seines Landes spielt Prados jüngster Roman "Ajuste de cuentas" (Alfaguara, 2013). Dessen Held Juan Urbano, Universitätsprofessor und Schriftsteller, steckt dreifach in der Krise: die Wirtschaft liegt lahm, er ist arbeitslos und unfähig zu schreiben. Da erhält Urbano ein 'unmoralisches Angebot'. Er soll ein Buch über den mafiösen Bankier Martín Duque schreiben. Der kommt gerade aus dem Gefängnis und will alte Rechnungen begleichen. Die Recherchen für dieses Buch führen Urbano nicht nur in gefährliche Situationen, sondern auch in Gewissenskonflikte.

Sich so unter Wert zu verkaufen, entspreche der aktuellen Lage vieler Menschen in seinem Land, so der Autor. "Am Ende eines Stricks ist immer eine Schlinge. Genau darum geht es in der Geschichte". Es ist eine Reise in das Spanien des "pelotazo". Als es im nun längst verrauschten Wirtschaftsboom nur zwei Wege zu geben schien: das schnelle Geld und die Korruption. Es ist bereits der dritte Roman mit Urbano, die jedoch stilistisch immer anders ausfallen: mal Krimi, mal historische Erzählung. Durch die Augen seiner Figur zeigt uns Prado so verschiedene Facetten aus Spaniens krisenreicher Geschichte im 20. Jahrhundert.

Der linkshändige Revolverheld

Seine Geschichten könnten jedoch an vielen Orten unserer urbanisierten Welt spielen. Wer also Lokalkolorit nach der Art von Donna Leon und Venedig sucht, wird enttäuscht. Dabei spielt Prado gerne mit Krimi- und Thrillerelementen, ohne sich den Genreregeln zu unterwerfen. Im Gegenteil: er blufft gerne seine Leser, führt sie auf falsche Fährten oder wechselt zwischen den Erzählperspektiven. So auch in "Der linkshändige Revolverheld" (dt. 1998) oder "Als einer von uns Laura Salinas töten wollte" (dt. 2004). Wer das letztgenannte Buch aufschlägt, erhält gleich eine unmissverständliche Warnung: "Versuchen Sie bloß nicht, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen und Schlüsse zu ziehen. ... In dieser Erzählung funktioniert alles andersherum als üblich, weil nämlich die Figuren echt sind und der Erzähler erfunden ist. ... Das sind die Regeln, und wenn sie Ihnen nicht passen, dann sollten Sie jetzt besser aufhören zu lesen."


Bücher von Benjamín Prado auf Deutsch:


Der linkshändige Revolverheld. Roman. Aus dem Span. von Michael Hofmann. München: Malik 1998.
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Roman. Aus dem Span. von Katrin Fieber. München: Hanser 2000.
Nicht nur das Feuer. Roman. Aus dem Span. von Matthias Strobel. München: Luchterhand 2004.
Als einer von uns Laura Salinas töten wollte. Roman. Aus dem Span. von Matthias Strobel. München: Luchterhand 2004.

Die meisten seiner spanischen Bücher sind erschienen bei Alfaguara, Madrid.

Aktuelles Interview (auf Spanisch) mit dem Autor über seine Vorbilder, Arbeitsweise und Projekte.


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