Bernardo Atxaga im Porträt

Bernardo Atxaga gehört zu den erfolgreichsten Autoren Spaniens. Weil er auf Baskisch schreibt, übersetzt er die eigenen Werke selber.

von Marcos Fernández Vacas

Über einer großen Nase umspielen breite, schwarze Brauen bogenhaft die kleinen Augen. Das ergraute, dichte Haar lässt sie noch deutlicher hervortreten. Bernardo Atxaga (61) ist kein eitler Mann. Ohne Krawatte und mit offenem Kragen spricht er gerne über seine literarische Arbeit. Sie ist fest verankert in seiner baskischen Heimat und voller Magie und Fantasie: da verwandelt sich ein Kind schon mal in ein Wildschwein und eine baskische Kuh erzählt ihre Memoiren. Sein Oeuvre ist vielseitig und einige seiner Geschichten haben es auf die Leinwand geschafft.

"Ich schreibe in einer seltsamen Sprache"

Er selbst schreibt in seinem Gedicht „El Europeo“: „Escribo en una lengua extraña … Nacida, dicen, en la época de los megalitos … lengua de un país que no se ve en el mapa“ (Ich schreibe in einer seltsamen Sprache … Entstanden, heißt es, in der Zeit der Megalithen … Sprache eines Landes, das man nicht auf der Landkarte sieht). Das Baskenland ist für Atxaga in jeder Hinsicht der künstlerische Raum. Geboren ist er mit dem bürgerlichen Namen Joseba Irazu Garmendia 1951 im kleinen Ort Asteasu in der Provinz Gipúzkoa.

Obaba aus Guipúzkoa

Sein Vater war Schreiner, seine Mutter Lehrerin. Beide vermitteln ihm die Liebe zur Literatur. Er liest Romane von Dickens und begeistert sich für Comics. Aber er ist kein verkopftes oder verträumtes Kind. Gerne erinnert er sich an die Zeit mit seinen Freunden in Asteasu, Provinz Guipúzkoa, wo er mit der grünen Berglandschaft und den verstreuten Bauernhäuser aus Stein aufwuchs und auf Baskisch Märchen von Tieren und Zauberwesen hörte. Diese Magie findet sich später im fiktionalen Ort seiner eigenen Erzählungen wieder: Obaba.

Die Liebe zur baskischen Kultur

Doch bevor Obaba entsteht, muss Bernardo Atxaga das Schreiben erst lernen und üben. Während er sich in San Sebastián an der La Salle-Schule auf das Abitur vorbereitet, nimmt er an Schreibwettbewerben teil und arbeitet an der Schülerzeitung mit. Seine Freunde nennen ihn Fjodor wegen seiner Schwärmerei für Dostojewski. Früh liest er auch Stevenson, Melville und Conrad. Ende der 60er-Jahre zieht Atxaga nach Bilbao, um Wirtschaft zu studieren. In dieser Zeit beginnt sich das Baskenland politisch und kulturell vom repressiven Würgegriff der Franco-Diktatur zu befreien. Die baskische Sprache wird vereinheitlicht, neue Verlage entstehen und die Feria del Libro Vasco, die baskische Buchmesse, findet statt.

Theaterstück "Der Tisch und der Punkt"

In dieser Zeit des Umbruchs veröffentlicht Atxaga ab 1971 Texte in Zeitungen und 1972 erscheint sein erstes Werk in baskischer Sprache, das Theaterstück "Borobila eta puntua" (Der Tisch und der Punkt). Der baskische Schriftsteller Aresti bestärkt ihn nach der Lektüre des experimentellen Textes in baskischer Sprache weiter zu schreiben und die baskischen Autoren wie Axular oder Aguirre zu studieren.

Literarische Anfänge

So öffnet sich für Atxaga eine bis dahin nahezu zum Stillschweigen verdammte Welt, die er nun selbst mit seinen Prosawerken bereichert. Zwar kehrt er nach seinem Militärdienst nach Bilbao zurück, doch muss er sich zunächst mit Jobs als Buchverkäufer oder Drucker über Wasser halten. Aber er findet hier auch die künstlerischen Kollegen, die ihn in seinen Ambitionen fördern und beistehen. Mit Freunden gründet er die Gruppe "Pott"  und gibt sechs Ausgaben einer gleichnamigen avantgardistischen Literaturzeitschrift heraus, die neuen Wind in das literarische Panorama jener Zeit bringt.

Geschichte eines Kükens

Anfang der 80er Jahre beginnt Atxaga die ersten seiner vielen Kinderbücher zu schreiben, darunter "Chuck Aramberri dentista baten etxean" (Chuck Aramberri im Haus des Zahnarztes) oder "Txitoen istorioa" (Geschichte eines Kükens). In einer dieser märchenhaften Kindererzählungen, "Camilo Lizardi erretore jaunaren etxean" (Ausstellung des Briefes des Stiftsherren Camilo Lizardi), taucht 1982 zum ersten Mal der phantastische Ort auf, der nun die magische Welt des baskischen Schriftstellers bestimmen wird: Obaba.

Der Erfolg "Obabakoak"

Atxaga selbst zufolge hörte er das Wort Obaba zum ersten Mal von der Eigentümerin einer Pension, die ein Wiegenlied sang. Die Erzählungen rund um Obaba kreisen um phantastische Begebenheiten und Figuren, die jeder realistischen Logik entbehren. Oft spielt die Verbindung zwischen Mensch und Tier eine Rolle, mit der versucht wird, Unerklärliches verständlich zu machen. Der Höhepunkt dieses Erzählkosmos ist 1988 der Roman "Obabakoak", übersetzt in über 26 Sprachen.

Viele Preise ...

Einzelne märchenhafte Geschichten benutzte Montxo Armendáriz  2005 für seinen Film "Obaba". Atxaga erhält für dieses Werk den Precio Euskadi,  den Premio Nacional de Narrativa und denPremio de la Crítica. Im Laufe der Jahre erhält er über ein Dutzend weitere Auszeichnungen für über 30 Werke. Denn der Erfolg hat ihn nicht gelähmt: weiterhin schreibt er vor allem Kinderbücher und gilt heute schon als einer der wichtigsten Schriftsteller in der Geschichte der baskischen Literatur.

Homepage von

Bernardo Atxaga

Weitere Porträts:

Arturo Pérez-Reverte

Almudena Grandes

Carlos Ruiz Zafón

Jaume Cabré

Der Autor

Marcos Fernández Vacas, Kind baskisch-burgalesischer Eltern, lebt von Geburt an in Bonn. Er hat einen Faible für spanische Philosophen wie Miguel de Unamuno sowie Flamenco und spielt selber Gitarre.