Buchrezension

Barcelona im Spiegel der Phantasie

„Das Spiel des Engels“ funktioniert nach Zafóns eigenen Regeln. Rezension über eines der bekanntesten Bücher der spanischen Gegenwartsliteratur.

 von Tanja Großmann

Sein erster Barcelona-Roman „Der Schatten des Windes“ katapultierte Spanien ins Schlaglicht internationaler Aufmerksamkeit: Der katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón erntete mit seinem Bestseller großen Beifall – seit Cervantes’ „Don Quijote“ hatte Spanien kein so erfolgreiches Buch mehr in die Welt geschickt. In „Das Spiel des Engels“ entführt Zafón seine Leser wieder ins bizarre historische Barcelona und begeistert damit erneut ein Millionenpublikum.

Schaurig-schönes Ambiente

Wer mit Barcelona die farbenprächtige, locker-leichte Stadt einer Woody Allen-Komödie verbindet, wird davon im Zafonschen Kosmos wenig wiedererkennen. Hier regieren Düsternis und Fäulnis, ein mysteriöses und schaurig-schönes Ambiente. Gefährliche Banden lungern in den Gassen, altersschwache Fassaden ragen empor, dichter Nebel trübt den Blick und gewaltbereite Anarchisten machen die Stadtviertel unsicher. Es ist aber auch das bewegte Barcelona der 1920er und 30er Jahre, in dem man die Zukunft knistern hört: Der Spanische Bürgerkrieg schwelt als diffuse Wirklichkeit im Hintergrund und die wachsende „La Sagrada Familia“ Gaudís kündet vom Anbruch einer neuen Zeit.

Spiel mit dem Teufel?

In dieser faszinierend-verstörenden Welt wächst David Martín auf, ein von Büchern besessener Junge, der unter dem frühen Verlust seiner Mutter und einem tyrannischen Vater leidet, der schließlich vor den Augen seines Sohnes erschossen wird. Vom Laufburschen bei einer „heruntergewirtschafteten“ Tageszeitung avanciert der elternlose David zum Redakteur und bald auch Verfasser von Kriminalromanen und Detektivgeschichten. Gefördert wird er dabei von Pedro Vidal, seinem dandyhaften Mentor. Zwar unter Pseudonym und zu den Bedingungen eines Knebelvertrages, doch immerhin stillt David den trivialliterarischen Lesehunger eines Massenpublikums. Kurz nachdem er von einem todbringenden Geschwür in seinem Kopf erfahren musste, schleicht sich ein merkwürdiger Fremder in Davids Leben. Andreas Corelli stellt sich als Pariser Verleger vor und verwickelt den resignierten Jungautor in einen faustischen Pakt: Erschafft David binnen eines Jahres ein modernes Erweckungsbuch, ein diabolisches Werkzeug zur Manipulation der Menschheit, wird er mit Gesundheit und einer horrenden Geldsumme belohnt. Ehe er sichs versieht ist Zafons Held Teil eines blutigen Spiels und weiß im Strudel höchst sonderbarer Ereignisse nicht mehr, wem er noch vertrauen kann. Und auch die Vorgeschichte seines neu erworbenen Anwesens, das gespenstische „Haus mit dem Turm“, verheißt nichts Gutes.

Eine literarische Tour zum Mitfiebern

Zafón lässt den Leser bis zur letzten Zeile im Dunkeln tappen: Sind die Figuren und Ereignisse Kopfgeburten eines dem Wahn Verfallenen oder verbirgt sich dahinter ein ganz anderer Sinn? Mysteriöse Geschehnisse, undurchschaubare Personen und blutige Gewalttaten wirbeln übers Papier, so dass es passagenweise schwerfallen kann, den Überblick zu bewahren. Der Finalteil mündet in filmisch-rasante Szenen und kinoreife Bilder. Hier ist die berufliche Vergangenheit Zafóns als Drehbuchschreiber nicht zu überlesen.  Doch bei allen Turbulenzen, Intrigen und Romanzen: Wer sich auf Zafóns über 700 Seiten währendes Spiel einlässt, wird sich so schnell nicht entziehen können. Er jagt uns mit seinen Figuren durch Höhen und Tiefen des Lebens und macht uns zu mitfiebernden Begleitern auf einer wilden Reise, die auch immer ein wenig unsere eigene ist:

"traumhaft-phantastisches Barcelona"

„Mit Zafóns Helden taumeln wir durch ein traumhaft-phantastisches Barcelona und durchleben große Träume und große Enttäuschungen – in dieser Welt ist alles etwas bedeutsamer, als in unserem eigenen Leben, und doch erkennen wir uns in den Helden und ihren Kämpfen wieder. Vielleicht liegt darin der große Zauber seiner Bücher“, sagt Britt Somann, die deutsche Lektorin Zafóns. Und dieser Zauber ist nicht zuletzt auch Produkt eines bewussten Erzählvorgangs des handwerklich ehrgeizigen Autors, der großen Wert auf lustvolles und unvoreingenommenes „Bauen“ von Texten legt. Phantastische Elemente sind hier ein literarisches Werkzeug von vielen und die Hand des Richtigen vermag damit eine wunderbare Geschichte zusammenzuschrauben. Wichtig ist nicht, ob man diese als Harry Potter für Erwachsene, moderne Gothic Novel versteht, als Thriller, historischen Roman oder Liebesgeschichte, „Das Spiel des Engels“ jongliert in einer opulenten Sprache, in pointierten Dialogen mit den Genres und der Phantasie des Lesers.

Nachtrag:

von fliegenden Drachen und Heimatgefühlen

Auch aus Zafóns Alltag lässt sich die Phantastik nicht ganz verbannen. Denn der Katalane ist vernarrt in Drachen. Eine Leidenschaft, die schon für manche surreale Situation gesorgt hat. Schließlich sieht man als Flugzeugpassagier nicht alle Tage einen riesigen Stoffdrachen, der seinen Besitzer auf einem eigenen Platz über den Atlantik begleitet. Zafón war auf dem Weg zu seiner Wahlheimat, nach L. A. Trotz der Ferne zu seiner Geburtstadt ist ganz klar: Zafóns Herz hängt an Barcelona. Und die vielen Details und Orte im Text bringen auch dem Leser die katalanische Stadt auf besondere Weise nahe.

 

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