Die bewegte Frau: Mercè Rodoreda

Braune Augen, weiße Locken – Wärme strahlte Mercè Rodoreda aus, die Grande Dame der katalanischen Literatur. Eine starke Frau des 20. Jh., beharrlich in ihrem Wunsch zu schreiben.

 von Susanne Reich

Höhen und Tiefen hat sie erlebt. Ihre Heimat war ein Haus mit Garten in Saint Gervasi, einem Stadtteil von Barcelona. Hier wuchs sie auf mit ihren von Literatur und Theater begeisterten Eltern und verbrachte eine behütete und doch ungewöhnliche Kindheit. Mercè Rodoreda (1908-1983) mochte ihren Großvater sehr, einen Redakteur der Zeitschrift La Renaixança, die sich für die katalanische Sprache engagierte. Mit ihm teilte sie ihre Liebe zu den Blumen. Er überzeugte sie davon einen Schutzengel zu haben. Er prägte ihre Verbundenheit zu Katalonien. Alles Motive, die sich später in ihren Romanen und Erzählungen wiederfinden.

Ehe mit dem eigenen Onkel

Leidenschaft und Sehnsucht nach mehr waren die Triebfedern für ihr Leben. Schon früh wollte sie gerne tanzen, aber dieser Wunsch blieb ihr als anständiges Mädchen versagt. Stattdessen wurde sie zu einer begeisterten Leserin. Mit 20 Jahren heiratete sie ihren Onkel und bekam 1929 ihren Sohn Jordi. Dieses Leben behagte ihr so nicht. Bald schon suchte die junge Frau nach einer Beschäftigung. Sie wollte wirtschaftlich und sozial unabhängig sein. Also begann sie zu schreiben und veröffentlichte in den 30er Jahren erste Romane, arbeitete als Journalistin bei Zeitungen und in Ämtern. In den Wirren des Bürgerkriegs trennte sie sich 1937 von ihrem Mann. Damals ein gewagter Schritt im Leben einer jungen Frau. Für ihren Traum traute sie sich etwas und lebte manchmal gefährlich.

Flucht vor den Nazis aus Paris

Unter der Diktatur Francos lebte die Autorin im Exil. Stationen waren Toulouse und Paris. In dieser Zeit schrieb sie Gedichte und begann zu malen, inspiriert von Klee und anderen zeitgenössischen Künstlern. Aus Paris musste sie zu Fuß vor den Nazis fliehen. Das brennende Orleans blieb ihr zeitlebens im Gedächtnis. Damals im Zweiten Weltkrieg vernachlässigte sie das Schreiben, wie sie selbst sagte, weil es um Wichtigeres ging - ums Überleben. Ihr Rezept, die Schrecken des Krieges unbeschadet zu überstehen, verrät sie in ihrem Vorwort zu "Der zerbrochene Spiegel": "Ich habe mich im Vergessen von all dem geübt, was mir für meine Seele schädlich schien und in der Bewunderung für die Dinge, die mir guttun."

Die Reifeprüfung

Später erst, in der Ruhe des Genfer Sees, begann sie wieder zu schreiben. Sie wollte sich beweisen, sich selbst übertreffen und beim Schreiben „dieses winzige Etwas von einer kaum wahrnehmbaren Bewegung“ festhalten und seine Bedeutsamkeit sprachlich vermitteln. Zunächst ließ der Erfolg auf sich warten. Er kam mit dem gefeierten katalanischen Roman „Auf der Plaça del Diamant“.Die Augen waren für Mercè Rodoreda der Spiegel zur Seele und sie entwickelte ihre Figuren an diesem besonderen Ausdruck in den Blicken von Menschen, die ihr manchmal nur flüchtig begegnet waren. Die Charaktere sollten "jene Last von Wehmut spürbar werden lassen, die alles hat, was intensiv gelebt hat und zu Ende geht." Mit dieser Kunst zog und zieht sie noch heute die Leser in ihren Bann.

Subtil verwobene Erinnerungen

Krisen und Kriege hatten aus der jungen Wilden eine lebenserfahrene Autorin gemacht. Auf die Frage, warum sie schreibt, antwortete sie in einem Interview: "Um zu schreiben. Weil ich Schriftstellerin bin, so wie ein Musiker Musik machen möchte … und außerdem um zu fühlen." Die in ihren Romanen subtil verwobenen Erinnerungen verweisen auf die vielen Brüche im Leben dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin, die sie manchmal zum Straucheln brachten, ohne sie dabei zu zerbrechen. Mercè Rodoreda starb 1983 in Girona.

 

 

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Die Autorin

Susanne Reich hat Literaturwissenschaft, Kulturanthropologie & Geschichte in Karlsruhe und Bonn studiert. Sie arbeitet als Texterin für das Internet und organisiert Veranstaltungen für StattReisen Bonn.