Die brillante Lektorin

Das Buch Galicien & Jakobsweg hat eine brüllkomische Entstehungsgeschichte. Nicht etwa, weil der Reiseführer mitten in der Pandemie erschienen ist. Sondern weil meine Frau und ich (Lektorin und Autor) vom DuMont-Verlag zuvor eine Zweitlektorin zur Seite gestellt bekamen. Frau V. Die hat bei ihrer Arbeit nicht nur Redundanzen und Überschriften-Hierarchien bedacht, sondern eine Tierrasse verwechselt, den Namen eines Fußballclubs in Frage gestellt und sogar eine ganze Kirche vom Atlantik ins Landesinnere versetzen wollen.

von Tobias Büscher

Wenn Lektoren-Credo auf Realität stößt, nimmt der Wahnsinn schon mal Fahrt auf. Nein, wir meinen hier nicht kleine Tippfehler, durch die dank V ein Ort wie Rodeiro plötzlich Rodeira heißt. Wir meinen ganz andere vorübergehende Lektoratseingriffe von Frau V, angeblich einer der erfahrensten freien Lektorinnen im Verlag.

Sie haben die Wahl: Welcher Unsinn von ihr ist am schönsten?

1. Da gackern ja die Gänse

In der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada leben zwei Hühner. Grund ist eine berühmte Legende, wonach einem Ortsvorsteher zwei Brathähnchen auf seinem Teller Flügel wuchsen wegen eines Fehlurteils. Da dachte sich Frau V frei nach Horst Schlemmer vom Grevenbroicher Tagblatt: Hühner? Viel zu klein, da gackern besser die Gänse. Gänse im Gotteshaus klingt auch cooler. 

Auf Anfrage beim Bürgermeister, ob man vor Ort nun Gänse in der Kathedrale unterbringen könne, kam die Antwort: Habt ihr einen Vogel?

2. Das Kloster muss am Meer bleiben

Es gibt einen Ort am Jakobsweg, den hat Franco beim Bau eines Staudamms Stein für Stein weiter oberhalb wieder aufbauen lassen. Da dachte sich Frau V: Wenn man schon keine Berge versetzen kann, aber Dörfer, dann geht das sicher auch mit einem Kloster. Passte von der Überschriftenaufteilung einfach besser. Und so setzte sie das ehemalige Zisterzienser-Kloster von Oia mit schönem Blick auf den Atlantik in das Kapitel „Galiciens Inland“.

Auf Anfrage beim Dekan, ob man auch das Oia-Kloster Stein für Stein im Landesinneren neu aufbauen könne, kam die Antwort: Niemand hat vor, in Oia einen Staudamm zu errichten.

3. 120 km im an der Nationalstraße radeln?

Frau V wollte das Buch aktiver. Und so schlug sie vor, aus der 120 km langen Weinroute durch die Rioja eine Fahrradtour zu machen. Wir haben uns überlegt, wie die Leser von Logroño aus zu den Weinmuseen und Bodegas über staubige Straßen keuchen, und danach mit einem Fahrradanhänger 12 Flaschen Gran Reserva zurücktransportieren, ohne vom LKW überfahren zu werden.

Auf Anfrage bei den Winzern, ob sie extra für DuMont-Leser ein Weintaxi einrichten könnten, kam die Antwort: Nein. Transportiert den Rotwein bitte im Kofferraum.

4. Frau V findet Fehler im Vereinsnamen

Frau V mochte es einheitlich. Und daran sollten sich auch alle Namen in Galicien anpassen, egal wie sie in Wirklichkeit sind. Auf Galicisch heißt Kirche schließlich nicht Iglesia, sondern Igrexa, die Straße nicht Calle sondern Rúa, Nicht Plaza sondern Praza (auf google sichtbar: es gibt Plaza und Praza). Und so kann der Fußballverein von A Coruña ja schließlich auch nicht Deportivo La Coruña heißen? Geht gar nicht. Ist nicht einheitlich.

Auf Anfrage bei der Pressestelle des Clubs, ob man den Vereinsnamen auf den Trikots und im Stadion vor Veröffentlichung des Buches aus Gründen der Einheitlichkeit noch ganz schnell in A Coruña umändern könne, also bis spätestens 3. September 2020, kam keine Antwort.

5. Große Fiesta braucht große Stadt

Das Krakenfest von Carballiño: Mit über 500 kg Pulpo auf einem einzigen gigantischen Holzteller. Das hatten wir als Tipp-Kasten markiert, doch Frau V versetzte den Text passend zur Größe und zum Zeilenausgleich in den Fließtext. Unter den Fiesta-Tipps der 27 km entfernten Stadt Ourense. 

Auf Anfrage bei beiden Bürgermeistern, ob sie das berühmte Fest nicht noch schnell in die größere Metropole Ourense verlegen könnten, kam die Antwort: Klar, wenn ihr den Tag der deutschen Einheit auf den 4. Oktober verlegt.

 

PS: Das ist keine Glosse

Der Inhalt dieses Textes ist wahr. Wahr ist auch eine irre Geschichte von einem Teufelsaustreiber im Buch. Der mir eine vom Teufel besessene Frau vorgestellt hat. Frau V hat kein Wort in dem Report in Frage gestellt.

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