Kontroverse um den Bürgerkrieg

Georg Pichler hat im Rotpunktverlag eine beachtliche Arbeit veröffentlicht. Der Professor der Uni von Alcalá widmet sich der Frage, wie Spanien heute mit dem Bürgerkrieg und der Franco-Zeit umgeht. Eine Rezension.

von Tobias Büscher

Die Szene ist anrührend und bedrückend zugleich. Eine kleine Gruppe einstiger Folteropfer Francos steht auf der Puerta del Sol in Madrid und brüllt in die Lautsprecher. Kaum jemand beachtet sie. Ohnehin ist ihr Frust groß, denn ein Amnestiegesetz aus den 1970er Jahren verbietet die Verfolgung der damaligen Verbrechen. Auf dem Plakat der Demonstranten steht deshalb: "Gegen die Straflosigkeit - Solidarität mit den Opfern des Franquismus". Die Medien schauen weg, die Anwohner auch (mehr) und ein paar herumstehende Japaner fotografieren lieber die nahe Statue mit dem Bär am Erdbeerbaum.

Die Transición brauchte ihre Tabus

Doch der Fall ist kompliziert. Ohne das damalige Amnestiegesetz wäre die Übergangszeit von der Diktatur zur Demokratie viel langsamer verlaufen: Weil beide Lager eine gewaltige Prozesswelle vor Gericht initiiert hätten. Zudem beschäftigte sich das Land nach Francos Tod 1975 lieber mit EU-Beitritt, Scheidungsrecht und freien Medien. Die Dramen der Vergangenheit waren lästig. Heute, Jahrzehnte später, ist Spanien längst eine gefestigte Demokratie. Und die Vergangenheit kaum noch der Rede wert, auch wenn Massengräber aus der Zeit des Bürgerkriegs (1936-1939) untersucht worden sind und Promis wie der Schauspieler Javier Bardem und der Jurist Baltasar Garzón ihre Stimme erheben. In dem Zusammenhang ist nun ein Buch erschienen, das Licht ins Dunkel bringt. Titel: Gegenwart der Vergangenheit, Die Kontroverse um Bürgerkrieg und Diktatur in Spanien. Geschrieben hat es ein Österreicher namens Georg Pichler, Professor für deutsche Sprache und Literatur an der spanischen Uni von Alcalá de Henares.

Das Gedächtnis der Nachfahren

Pichler beschäftigt sich in seinem Buch mit dem kollektiven Gedächtnis der Spanier. Er hat Nachfahren der Faschisten und Republikaner, Historiker und Politiker interviewt und fragt sich, wie stark die jüngste Geschichte das heutige Spanien eigentlich wirklich beeinflusst. Denn es gibt ein Kuriosum erster Güte in Spanien: Viele wollen nichts mehr mit den historischen Altlasten zu tun haben, die sie gleichzeitig für sich beanspruchen. Etwa, wie der Autor richtig schreibt, beim jüngsten Unabhängigkeitsbestreben der Katalanen, die bei ihren Begründungsversuchen sehr gerne vom Franquismus und den Folgen sprechen ...

333 Seiten geballte Fleißarbeit

Mit erfrischender Objektivität beleuchtet der Autor, wie die Nachfahren der Franquisten, Kommunisten und Exilspanier mit der Vergangenheit umgehen und lässt sie zu Wort kommen. Das Buch ist reich an Interviews und Analysen und eine echte Fleißarbeit in Sachen Dokumentation. Im letzten Teil des Buchs wird es richtig spannend. Der Autor beschreibt die Zeit von 2000 bis heute. Beispielsweise die Prozesse um den einst so medienwirksamen Star-Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, die Arbeit der Königlichen Akademie der Geschichte und das brisante Jahr 2006.

 

Krieg der Todesanzeigen

Damals, zum 75. Jahrestag des Spanischen Bürgerkriegs, kam es zu einer Flut von Todesanzeigen in den Medien. Die einen erinnerten an gefallene Priester, erschlagen von den roten Hunden, die anderen an aufrechte Kommunisten, gelyncht von den Faschisten. Eine Tochter, schreibt Pichler, habe für die Todesanzeige zu Ehren ihres republikanischen Vaters 7420 Euro bezahlt. Der Zeitung El Mundo erklärte sie anschließend: "Das war das bestausgegebene Geld meines Lebens".

 

Fazit

 

Wer sich für das Thema Spanier und ihr Umgang mit der Geschichte interessiert, wird von diesem Buch begeistert sein. Georg Pichler ist ohne Frage ein sehr gutes Werk gelungen. Wer dagegen leichte Kost mag, dem empfehlen wir Rosamunde Pilchers "Sommer des Erwachens" ...