Orujo, Spaniens Tresterschnaps

Eigentlich ist Orujo ein Abfallprodukt, wenn auch ein äußerst beliebtes. Der bekannte Tresterbrand wird vor allem in Galicien hergestellt, aber auch in Kantabrien wird der ein oder andere hervorragende Tropfen destilliert. Heute hat der Orujo einen Alkoholgehalt zwischen 37 und 50 Vol.-%.

Über viele Jahrhunderte verfütterten Weinbauern die Pressrückstände (Orujo) aus der Weinkelterung an ihr Vieh. Eine durchaus sinnvolle Verwertung, denn die Überreste aus Schalen, Kernen und Hefesatz enthalten immer noch viele wertvolle Inhaltsstoffe. Vielleicht sind die Tiere schon damals in den Genuss von Alkohol gekommen, denn die Kelterrückstände gären schnell. Spätestens im 17. Jahrhundert war es allerdings vorbei mit der leckeren Kost. Ein neues Verfahren setzte sich durch, das aus dem bisherigen Futter wieder einen begehrten Rohstoff machte: die Destillation.

Alkohol für die Medizin

In der arabischen Welt war die Destillation zu dieser Zeit längst ein alter Hut. Zeitzeugen erwähnen die Prozedur und erste einfache Apparaturen bereits im vierten nachchristlichen Jahrhundert in ihren Aufzeichnungen. Sicher kannten die Gelehrten damals bereits die berauschende Wirkung des Alkohols. Eine weitaus größere Bedeutung maßen sie allerdings dessen medizinischer Wirkung als Antiseptikum und als Lösungsmittel für Kräuterextrakte zu.

Erste Destille in Europa

Mit Beginn der Kreuzzüge im 11. Jh. kam das Wissen um die Destillationskunst nach Europa und landete, wie sollte es sein, im Schoß der Kirche, genauer gesagt in den Klöstern. Die gebildeten Mönche experimentierten und behielten ihre Kenntnisse lange Zeit für sich. Aber wie es mit Geheimnissen nun mal so ist: Irgendwann kommen sie ans Tageslicht.

Trester statt Wein

Jetzt brannten auch die einfachen Leute. Zunächst Wein, denn die Grundzutat muss Alkohol enthalten. Trester, also Pressrückstände, gären schnell - dass war bekannt. Mit direkter Befeuerung ließ sich einfach und vor allem billig ein hochprozentiges Gebräu aus den bisher so wenig bedachten Abfällen herstellen. Ein Genuss für den Gaumen war der scharfe Schnaps allerdings nur bedingt. Das das Getränk verbrannte durch die offenen Flammen schnell und verlor dadurch an Geschmack.

Destillat der Spitzenklasse

Billige Zutaten, ein nicht ausgereiftes Verfahren – wen wundert es, dass Tresterschnaps im Mittelalter als Arme-Leute-Getränk galt. Im gesamten Mittelmeerraum wurde und wird auch heute noch gebrannt, was das Zeug hält. Was dem Italiener sein Grappa, ist dem Spanier sein Orujo. Die Herstellungstechniken sind natürlich heute ausgefeilt und sicher. Und je nach Alkoholgehalt und Lagerung ist der Tropfen im Glas oft ein weicher aromatischer Hochgenuss – viel zu schade, um ihn in den Kaffee zu schütten.

Orujo mit Gütesiegel

Derzeit gibt es rund 20 kommerzielle Anbieter in Galicien. Sie gehören dem 1989 gegründeten Kontrollrat (Concello regulador) an, der das Gütesiegel Denominación Específica (D.E.) de Orujo de Galicia vergibt. Den Tresterbrand gibt es als Orujo seco, einem glasklaren Brand, oder als Orujo envejecido, der bersteingelb im Glas funkelt, nachdem er mindestens zwei Jahre im Eichenholzfass gereift ist.

Liköre auf Orujo-Basis

Neben den klaren Orujo-Varianten werden auch verschiedene Liköre hergestellt, beispielsweise Orujo de Hierbas. Der Kräuterlikör ähnelt dem mallorquinischen Herbas, schmeckt aber etwas weniger nach Anis. Weitere Varianten sind Kaffee- oder Honiglikör. Orujo ist übrigens auch Grundzutat für den Hexentrank Queimada. Für dessen Gelingen ist er mindestens ebenso wichtig, wie die obligatorischen Beschwörungsformeln.

Zahlreiche Feste zu Ehren des Orujo

Heute feiern die Menschen vielerorts Feste, bei denen Orujo gebraut wird –nach alter Vorgehensweise mit offenem Feuer. Ein Muss für alle Freunde des Tresterbandes. Natürlich darf auch verkostet werden. Am Ostersonntag steigt im galicischen Hafenort Portomarín die größte Schnapsparty Galiciens. Konkurrent im östlich gelegenen Kantabrien ist der Ort Potes, wo die lokalen Hersteller Mitte November ihre Produkte werbewirksam unter die Leute bringen.

 

Weiterführende Links

Rezept Queimada

Spaniens Getränke

Spaniens Brandy

Anmerkung eines Lesers zu diesem Text

Bert aus Valencia schreibt (Auszug): "Orujo (Tresterbrand) wurde nicht wirklich in Galizien "erfunden" ,  denn das raue Klima dort eignet sich kaum für den Weinbau, ergo... Es gibt dort kaum/kein Trester! Galizien ist bekannt für sein Apfelcider und Viehhaltung. Von Apfeltrester wird jedoch kein Orujo hergestellt, sondern dies wird auch jetzt noch an das Vieh verfüttert."

Unsere Antwort:

Schade, lieber Bert, dass Du noch nie einen Ribeiro-Weißwein aus Galicien probiert hast, einen Albariño oder auch einen guten Rotwein aus der Ribeira Sacra. Für diese Weine ist Nordwestspanien weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Und das mit dem Apfeltrester, oha. Sollen wir unseren Freunden in Galicien mal erzählen, dass ihre Kühe Apfeltrester fressen? Und unseren Freunden aus Asturien mal sagen, dass Bert findet, Apfelcider sei eine Spezialität aus Galicien? Die werfen dann wahrscheinlich mit Clara, Ernestina und Prieta nach dem Leserbriefschreiber: Den bekanntesten Apfelsorten aus Asturien.

Sie werden Bert aber kaum treffen. Denn Galicien und Asturien sind von Valencia sehr weit entfernt. A propos Entfernung: Galicien liegt in Spanien, Galizien in Polen. (tb)

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