Interview mit einem spanischen Arzt

Dr. Alejandro Barros hat in Deutschland erlebt, wie schwer die Integration für ausländische Mediziner ist. Und dass der deutsche Datenschutz tödliche Folgen für seine Schlaganfall-Patienten haben kann. Zudem hat der Galicier auf eigene Faust die Organisation „Spanische Ärzte in Europa“ gegründet, was eigentlich eine Initiative aus Berlin, Madrid oder Brüssel sein müsste. Hier unser Sommer-Interview, illustriert mit den Drohnen-Fotos des Arztes aus seiner Heimat.

Zur Person

Dr. Alejandro Barros González ist Assistenzarzt in der Neurologie für die Behandlung von Schlaganfall am Sankt Katharinen Hospital in Frechen. Darüber hinaus ist er Gründer der Organisation Médicos Españoles en Europa.

Er stammt aus Nordwestspanien, studierte in Madrid Medizin und ist einer von vielen jungen Spaniern, die das Land seit Beginn der Wirtschaftskrise verlassen haben. Alejandro Barros liebt Galicien, doch in Deutschland fühlt er sich beruflich besser aufgehoben.

Das Interview gibt es hier auch auf Spanisch

"Nicht mit MIR": Gründe für den Wechsel nach Deutschland

Alejandro, in der Komödie “Ab nach Deutschland” (perdiendo el norte) kommen zwei junge Spanier nach Berlin und arbeiten plötzlich in einem türkischen Kebab-Restaurant. Ist Dir auch so etwas passiert?

Dr. Alejandro Barros: Der Film “Ab nach Deutschland” beschreibt auf komische Weise die Realität vieler junger Spanier, die nach Deutschland  kommen. Allerdings habe ich es etwas leichter gehabt. Mit der finanziellen Hilfe meiner Familie habe ich an verschiedenen Sprachschulen Deutsch gelernt, in Krankenhäusern hospitiert und früh meinen Doktor gemacht. Hätte ich Geld gebraucht, hätte ich natürlich auch in einem Kebab-Restaurant oder einer Bar gejobbt. 

Warum Deutschland?

Es begann eines Nachts in einem Restaurant im Madrider Stadtviertel Lavapiés. Wir waren dort 15 Medizinstudenten und haben Tapas gegessen. Plötzlich fragte einer in der Gruppe, wo man nach dem Studium sein Examen zum Facharzt (MIR) machen kann, was sieben bis acht Monate dauert. Wie sich herausstellte, hatten die meisten meiner Freunde bereits einen Platz dafür im asturischen MIR Asturias de Oviedo reserviert, andere in Madrid. Ich habe mich fast an den Tapas verschluckt, als ich hörte, wie weit sie vorausplanten. Ich selber hatte bislang nie großartig über meine Zukunft nachgedacht, sondern mehr oder weniger in den Tag hinein gelebt. 

In dieser Nacht habe ich mich gefragt, warum wir so schnell und so jung nach sechs Jahren Studium einen Facharzt machen sollen, ohne weitere Erfahrungen im Leben und in der Medizin zu sammeln. Am Tag darauf habe ich stundenlang im Internet nach Alternativen zum MIR und zur Arztausbildung in anderen Ländern gesucht, allerdings kaum etwas Brauchbares gefunden. Schließlich habe ich drei Monate lang deutsche Ärztekammern, den DAAD und die deutsche Botschaft in Madrid mit Anfragen bombardiert – und das fast ohne Deutschkenntnisse.

"Wie ein Lachs, der gegen den Strom schwimmt"

Das System in Deutschland interessierte mich immer mehr. Allerdings war ich bereits sechs Jahre lang fern von meiner geliebten Heimat Galicien. Wie sollte ich meinen Eltern erklären, dass ich nun sogar ins ferne Deutschland gehe, ohne genau zu wissen, was mir dort passiert? Ich fühlte mich wie ein Lachs, der gegen den Strom schwimmt. Und einige meiner Freude hielten mich für verrückt. Sie bereiteten sich intensiv für den Gastroenterologie- oder Kardiologie-Facharzt vor, während ich Deutsch lernte und das Buch „Die 50 wichtigsten Fälle Innerer Medizin“ las.

Der Dekan meiner Uni hat mir schließlich grünes Licht gegeben, einige Wochen in deutschen Krankenhäusern zu praktizieren. Nach langer Suche lernte ich den deutschen Arzt Dr. Schwicker kennen, der mich für zwei Wochen in einer Ortschaft nahe Nürnberg aufnahm. Dort lernte ich den fränkischen Dialekt und die Rivalität mit München kennen. Auch machte ich Praktika in Innerer Medizin beim türkischstämmigen Arzt Dr. Kalayci in Berlin und stellte fest: Etwas Türkisch können hilft in Deutschland auch. 

Warum Deutschland? Hier kann ich mich als Facharzt nach eigenen Wünschen entwickeln und mich auch umorientieren, das Krankenhaus wechseln und sogar die Stadt. Ohne jegliche Sanktionen. Deutschland hat mir weit mehr als Spanien die Chance gegeben, wirklich auf dem Gebiet zu arbeiten, auf dem ich mich selbst am wohlsten fühle. 

Dazu kommt das Finanzielle. Meine Eltern haben mein ganzes Studium mitfinanziert, sechs Jahre lang. Und es wäre mir peinlich, sie auch als junger Arzt noch um Hilfe bitten zu müssen, etwa beim Bezahlen der Miete. In Spanien brauchen meine Kollegen in den ersten Berufsjahren zumeist noch die Hilfe der Familie.

"Der Datenschutz kann lebensgefährlich sein"

Spanien oder Deutschland: Wer hat die besseren Kliniken?

Seit drei Jahren arbeite ich schon in Deutschland und sehe sowohl Vor- als auch Nachteile. Die Krankenhäuser in unseren beiden Ländern sind ganz unterschiedlich organisiert. Deutschland hat mehr Krankenhäuser. Doch viele davon sind kleiner und weniger gut mit Fachärzten und medizinischen Geräten ausgestattet. In Spanien sind die Krankenhäuser vom Provinz-Hospital bis zur Madrider Klinik sehr groß, bieten fast alle Fachgebiete an und sind für die Patienten sehr leicht erreichbar.

Der Vorteil: Vieles lässt sich direkt im Krankenhaus regeln. In Deutschland ist das komplizierter, vor allem was die Zuständigkeiten und die Konsil-Beratung betrifft. Wenn ich auf meiner Neurologischen Station einen Patienten mit Augen- oder Hautproblemen habe, muss ich ihn oft für mehrere Tage in eine Fachklinik schicken. In Spanien lassen sich solche Dinge innerhalb einer einzigen Klinik in wenigen Stunden regeln. Das kostet nicht nur weniger, es spart vor allem enorm viel Zeit, was für den Arzt und vor allem für den Patienten gut ist. 

"Die Zeit rennt, die Gesundheitsdaten kommen (vielleicht) per Fax"

Ein anderes Beispiel für Zeitverzögerung: Kommt ein Patient mit Verdacht auf Schlaganfall (Stroke Unit) in ein örtliches Krankenhaus wie Bergheim oder Erftstadt, haben solche Hospitäler keine passende neurologische Abteilung. Daher muss der diensthabende Arzt den Patienten bei Verdacht auf Schlaganfall oder Hirnblutung in ein naheliegendes Krankenhaus überweisen in der Hoffnung, dass dort gerade genug Versorgungsmöglichkeit besteht.

Um einen Schlaganfall zu behandeln, haben wir Neurologen ab Beginn der Symptome aber nur 4,5 Stunden Zeit. Das Überführen in ein anderes Krankenhaus kann für den Patienten also dramatische Folgen haben: Lähmungen, Sprachstörungen, im schlimmsten Fall der Tod. Dazu kommen in Deutschland dann die hohen Kosten der Rehabilitation, um die Patienten wieder in die Arbeitswelt überführen zu können.  

Auffällig ist für spanische Ärzte in Deutschland auch die Bürokratie und der Datenschutz. Wenn ich einen Patienten habe, der bewusstlos am Boden lag und ins Krankenhaus eingeliefert wird, kann ich nur hoffen, dass er zuvor schon bei uns war bzw. eine Telefonnummer mit sich führt. Andernfalls weiß ich nichts über ihn. Mein Krankenhaus ist nicht mit einer regionalen oder nationalen Datenbank verbunden, wie das in Spanien der Fall ist.

Mir sind die Hände gebunden. Nimmt er blutverdünnende Medikamente? Hat er Vorerkrankungen wie epileptische Anfälle? Es ist unglaublich. Sollte ich herausfinden, in welchem Krankenhaus er vorher war, dürfen sie mir dort am Telefon keine Auskunft geben und schicken zeitverzögert ein Fax, was oft nicht oder nicht rechtzeitig ankommt. Das bedeutet: ich will dem Patienten schnell helfen, kann es aber nicht. Oder eben nicht rechtzeitig. Die Folgen, gesundheitlich wie wirtschaftlich, sind oft dramatisch. 

Der Verband spanischer Ärzte in Europa

Wie ist die Situation für Deine Kollegen in Spanien?

Schwierig. Meine Kollegen dort müssen sich an das System anpassen. Und durchgehend arbeiten. Ihr Privatleben interessiert nicht. Wer als junger Arzt eine Familie gründet, kann die Arbeitszeit nicht reduzieren oder in Elternzeit gehen. Das ist in Deutschland viel besser geregelt. 

Warum hast Du Médicos Españoles en Europa gegründet?

Als ich alleine nach Deutschland kam, lernte ich sehr schnell andere spanische Ärzte kennen. Heute habe ich Kontakt zu mehr als 100 Medizinern in Deutschland, der Schweiz, Italien, England, Portugal, Luxemburg usw. Viele haben ihren Arbeitsplatz ganz in der Nähe zu anderen und wissen das nicht. Das gilt auch für die vielen spanischen Krankenpfleger. Wir brauchen ein Netzwerk, um uns zu informieren, bei der Integration zu helfen. Vieles musste ich mir bei der Integration mühsam selbst erarbeiten. Und die Erfahrungen möchte ich weitergeben. Wir sind so etwas wie das andere Spanien, das außerhalb lebt. Das kämpft und sich eine Zukunft aufbaut. Und das einen Zusammenhalt braucht. 

Wie arbeitet diese Organisation?

Im Kern sind wir acht Ärzte, sieben in Deutschland und eine Ärztin in Portugal. Wir arbeiten eng mit Ärzten in anderen Ländern wie Italien und England zusammen. Wir informieren uns gegenseitig über die jeweiligen Gesundheitssysteme und Anforderungen. Dabei unterstützen wir selbstverständlich auch unsere Kollegen aus Lateinamerika. Wir sind noch am Anfang, wachsen aber stetig.

Helft ihr auch Deutschen, die nach Spanien wollen?

Ja. Das ist ein großartiges europäisches Gesundheits-Integrationsprojekt. Derzeit sind wir dabei, den Verein als Gemeinnützigen Verein mit Sitz in Köln zu etablieren. Unser großes Ziel ist, Spanien und Deutschland in medizinischer Hinsicht besser zu vernetzen. Damit auch deutsche Mediziner leichter in Spanien praktizieren und sich etablieren können. Wer wäre dafür besser geeignet als wir? 

Wer unterstützt Euch?

Im Prinzip arbeiten wir  Ärzte auf eigene Faust, doch wir erwarten in Zukunft offizielle Hilfe aus Deutschland und Europa von Entscheidungsträgern, die den Wert unserer Organisation erkennen.

Hast Du neben der Arbeit überhaupt Zeit für die Beratung?

Kaum. Meine Arbeit als Spezialist für Schlaganfall erfordert viel Zeit und Hingabe. Deshalb habe ich ein fantastisches Team an der Seite, das unsere Ziele mit Nachdruck voranbringt. 

"Nichts ist schwerer als die deutsche Bürokratie"

Wie behandeln Euch die deutschen Kollegen?

Sehr gut. Wir verstehen uns bestens, was sicher auch daran liegt, dass die Deutschen unsere Kultur schätzen. Ich kenne kaum einen Kollegen, der nicht schon mal im Urlaub in Spanien war oder dort ein Erasmus-Studium gemacht hat. 

Wie ticken die Deutschen denn so?

Meine persönliche Sicht, auch wenn man das nicht verallgemeinern kann: Die Deutschen sind eher rational, die Spanier eher spontan. Auf jeden Fall ist die Arbeitswelt besser organisiert. Ich finde die Deutschen diszipliniert, strukturiert und ehrlich. Das Paradies wäre ein Land, das die deutsche und spanische Mentalität vereint. 

Ist die deutsche Sprache schwerer als die deutsche Bürokratie?

¡Super Frage! Nein, nichts ist schwerer und komplexer als die deutsche Administration.

Du stammst aus Ourense. Was kommt Dir hier in Deutschland Spanisch vor?

Ja, ich stamme aus einer Gegend, die selbst viele Spanier nicht kennen, obwohl sie wunderbar ist mit ihren schönen Landschaften wie der Ribeira Sacra. Ourense lässt sich vielleicht am besten mit Bayern und mit Rheinland Pfalz vergleichen, wegen der Wälder und dem Wein respektive. Und was den Karneval angeht: mit Köln. 

Der Doktor und sein Deutsch ...

Was war Deine komischste Erfahrung in Deutschland?

Ganz am Anfang meiner Arbeit als Arzt in Deutschland lernte ich auf der Intensivstation einen Mann kennen, der einen epileptischen Anfall hatte. Der Mann war wach und ansprechbar und erzählte mir, dass er in einem wunderschönen Ort namens “Phantasialand” zusammengebrochen war. Er sagte, dass die Leute dort grün verkleidet sind, Bier trinken und es knallbunte Häuser gibt. Er erzählte wie im Delirium, und als seine Frau dazukam, und ebenfalls von grünen Menschen erzählte, rief ich meinen Vorgesetzten an und sagte, die beiden seien auf Droge und müssten dringend in die Psychiatrie verlegt werden. 

Mein Deutsch war noch nicht so gut damals und die Rheinländer waren mir auch noch fremd. 

Mein Vorgesetzter kam dazu und fing schallend an zu lachen. Ich dachte, die beiden hätten nun auch ihn auf Droge gesetzt. Später erfuhr ich, dass sie vom Freizeitpark in Brühl erzählten. Die Geschichte ist heute noch der Lacher im Krankenhaus. 

Was ist leckerer, Estrella Galicia oder Kölsch?

Estrella Galicia. Clarísimamente.

Und Dein Fußballverein?

Celta de Vigo. Mit aller Leidenschaft.
 

"Wir sind die Kelten Südeuropas"

Warum sollten wir Deine Heimatregion Galicien besuchen?

Galicien ist die große Unbekannte in Spanien und dabei wunderschön. Wegen dem Kathedralenstrand und dem Kräuterlikör, den Thermen, den Jakobswegen und den Steilküsten. Galicien ist eine Tapa-Hochburg. Die Tapas sollten Deine Leser in den gut erhaltenen Zentren von Pontevedra, Santiago de Compostela, Lugo und Ourense probieren. Oder in den Fischertavernen am Atlantik. Wir Galicier sind die Kelten Südeuropas, die Nachfolger von Breogán, den Sueben und Wikingern. Und wir sind eine Weinregion mit unseren Trauben Treixadura, Ribeiro, Albariño, Godello und Mencía. Wir sind das Volk der Wallfahrten, der Musiker und der Seekraken. 

Und außerhalb der Pandemie feiern wir das Leben: Bei der Fiesta del Lacón, der Fiesta del Pulpo und der Pfefferschote, beim Wikingerfest in Catoira und beim Wasserfest in Villagarcía. Wir sind das Volk der Folklore. Wir haben Carlos Núñez, Luar na Lubre, Xabíer Díaz und Luz Casal. Wir haben das wichtigste Event für Dudelsackfans in Ortigueira. Und die beste Keltenband ganz Spaniens: La Real Banda de Gaita de Ourense. Und, sorry liebe Kölner, den besten Karneval der Welt sowieso: O Entroido de Laza, Verín y Xinzo.

In der Johannisnacht verscheuchen wir die Hexen mit Zaubersprüchen und Tresterschnaps. Wir springen übers Feuer. Ja, wir sind abergläubisch. Wir sind die perfekte Kombination aus Mystik und Empathie. Wir machen keine Grillfeste, wir machen Churrasco. Wir haben kein Heimweh, wir haben “morriña”.

Und wir haben Licor Café. Als Arzt sag ich Dir: Das ist das Heilmittel aller Heilmittel.
 

Text und Bilder

Das Interview führte Tobias Büscher. Die Fotos hat Dr. Alejandro Barros in seiner Heimat mit der Drohne vom Typ Mavic Air 2 realisiert.
 

Buchtipp

Dieses Buch über Galicien ist in unserer Redaktion entstanden und von DuMont im Jahr 2020 veröffentlicht worden. Selbstverständlich habe ich es Alejandro signiert geschenkt.