Anlage Jameos de Agua, Lanzarote
Jameos del Agua, Lanzarote

César Manrique: das verkannte Genie

Weinetiketten, Windspielskulpturen, Wohnhöhlen – César Manrique hat der Insel Lanzarote seinen Stempel aufgedrückt und aus dem kanarischen Aschenputtel ein landschaftliches Gesamtkunstwerk erschaffen.


Von Magdalena Piotrowski (Text & Fotos)

 

In vielen Kunst- und Architekturlexika taucht sein Name nicht auf. Nach Man Ray folgt Manierismus - César Manrique (1919-1992) bleibt unerwähnt. Möglicherweise, weil er kein studierter Architekt ist? Dafür besitzt er ein Diplom in Malerei der altehrwürdigen Madrider Academia de Bellas Artes de San Fernando. Architektur mochte er wegen den Zahlen nicht und Pläne versteht er allenfalls als Grundgerüst. Alles andere erklärt er an Ort und Stelle, hin- und herlaufend und wild gestikulierend. 

Ein Hippie und Visionär

Der drahtige, braungebrannte Mann möchte wie ein Hippie ganzheitlich leben, mit der Natur eins werden und alles auf dieser Welt lieben. Als Pazifist hat er nach seiner Rückkehr aus dem Spanischen Bürgerkrieg seine Uniform verbrannt. Als Freigeist lässt er sich nackt im dunkelgrauen Lavafeld ablichten. Als Asket berauscht er sich an der Natur. Als Menschenfreund will er mit seinen Entwürfen Freude bereiten. Als Visionär ist er mit seiner ökologischen, nachhaltigen Architektur seiner Zeit weit voraus. Und als Kämpfer schließlich setzt er sich für den Schutz der einzigartigen Vulkanlandschaft Lanzarotes ein und legt sich ständig mit Behörden und Investoren an.

Schwer definierbarer Tausendsassa

Manrique, der Tausendsassa, lässt sich schwer einordnen. Definitionen und Eingrenzungen sind nicht seins. Er ist Schriftsteller, Maler, Grafiker, Bildhauer, Möbeldesigner, Gärtner, Denkmalpfleger, Landschaftsschützer, Innenarchitekt und Architekt in einer Person.

Kein zweites Gran Canaria

Der Lanzaroteño kommt 1919 in der Inselhauptstadt Arrecife zur Welt und wächst mit der bizarren Schönheit der Insel auf. Mit der kargen Vulkanlandschaft, dem Meer, dem Himmel und dem gleißenden Licht. Als er nach mehreren Auslandsaufenthalten 1968 nach Lanzarote zurückkehrt, haben Touristen die Kanaren entdeckt. Manrique weiß, dass er die Massen nicht aufhalten kann. Er erkennt aber rasch, dass der neue Boom die einzigartige Landschaft zerstören würde und ihm ist zu verdanken, dass aus Lanzarote kein zweites Gran Canaria wird. Seine Vision: Keine mehrstöckigen Bettenburgen, keine Reklame, keine oberirdischen Leitungen, keine Schnellstraßen und keine Ampeln. Er fordert eine behutsame Bebauung mit einem einheitlichen architektonischem Stil, der sich an traditioneller Bauweise orientiert: weiße kubische Formen mit grünen Türen und Fensterrahmen. Außerdem sorgt er für die Absperrung des Timanfaya-Nationalparks mit seinen rötlich schillernden Montañas del Fuego (Feuerberge) und versieht diesen mit einem Rundweg, der nur vom Nationalpark-Bus befahren werden darf. Kurz: er verhindert, dass seine Heimat zertrampelt wird.

Symbiose zwischen Natur und Architektur

Ob Kunstzentrum, Kakteengarten oder Aussichtspavillon, alles fügt sich perfekt in die Landschaft ein. Und auch im Innenbereich verweist Manrique mit riesigen Glasflächen, Wandeinschnitten und Lavagestein immer wieder auf die Landschaft Lanzarotes. Die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen Natur und Architektur verschwimmen. Alles wird zu einer Einheit, zu einer in Stein manifestierten Vision César Manriques. 1992 stirbt er bei einem Verkehrsunfall in Tahiche auf Lanzarote. Auch wenn César Manrique in vielen Lexika keine Erwähnung findet - auf Lanzarote ist er allgegenwärtig.



Über die Autorin

Magdalena Piotrowski hat visuelle Kommunikation studiert und ist zunehmend im Web 2.0 tätig.

Restaurant El Diablo von César Manrique, Nationalpark Timanfaya, Lanzarote
Restaurant El Diablo im Parque Nacional de Timanfaya auf Lanzarote
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