Luis Buñuel: Porträt eines Bourgeoisie-Spötters

„Die Welt wird immer absurder. Nur ich bin weiter Katholik und Atheist. Gott sei Dank!“ Luis Buñuel liebte das Widersprüchliche, das Sinnfreie. Er, den Alfred Hitchcock als besten Regisseur aller Zeiten lobte, zerstörte in seinen Werken Sehkonventionen. Der Spanier Buñuel brachte den Surrealismus in die Welt des Films.

von Michael Dlugosch

Ein Mann zerschneidet einer Frau das Auge. Der Zuschauer sieht dies aus nächster Nähe. Ein Radfahrer kippt auf der Straße einfach um. Eine Frau spielt in einer Menschenmenge mit einer menschlichen Hand. Nachdem die Frau von einem Auto überfahren wird, krabbeln aus der Hand Ameisen. Ein Mann will sich einer Frau sexuell nähern. Doch er ist an ein Klavier, zwei Priester und zwei tote Esel gebunden; er kommt nicht vom Fleck, seinem Ziel nicht näher.Dies ist der „Inhalt“ von „Ein andalusischer Hund“, Luis Buñuels erstem Film von 1929. Es ist der berühmteste Kurzfilm der Kinogeschichte überhaupt. In 16 Minuten Filmlänge zeigten der Spanier und sein Landsmann und Künstlerkollege Salvador Dalí diese absurden, nicht zusammenhängenden, kaum in irgendeiner Logik erklärbaren Szenen in seinem Stummfilm mit Musik von Wagner und argentinischem Tango. Kaum – denn Buñuel versuchte zwar, Interpretationen entgegenzusteuern: „Wir mussten alle Türen zum Irrationalen öffnen“. Aber wenn Geistliche zu sehen sind, die einen Mann an Erotik hindern, ist klar: Der wohl berühmteste spanische Regisseur hat aus seiner Abneigung gegen die Religion kein Hehl gemacht. Ansonsten verfilmten Buñuel und Dalí ihre Träume. Wahllos zusammengestellt.

Der Skandalregisseur

Am 22. Februar 1900 in der aragonischen Kleinstadt Calanda geboren, geht Luis Buñuel 1925 nach Paris. Da weiß er noch nicht, was mal aus ihm, dem Sohn eines reichen Geschäftsmanns, werden soll. Schon bald gerät Buñuel in Kontakt mit den Surrealisten um André Breton. Kurz beim Theater, wendet sich der junge Spanier dem Film zu, beeinflusst von Sergei M. Eisenstein und Fritz Lang, zwei der bekanntesten Filmemacher der Zeit. Mit Buñuels Besteigen des Regiestuhls erhält der Surrealismus Einzug ins Kino. Auf „Ein andalusischer Hund“ folgt „Das goldene Zeitalter“ 1930. Der exakt einstündige Tonfilm ist erneut gegen jedwede Konvention inszeniert. Wieder sind absurde Situationen auf der Leinwand zu sehen, während zwei Liebende das inhaltliche Grundgerüst bilden. Mehr noch als zuvor entlarvt der Regisseur in „Das goldene Zeitalter“ die Bigotterie des Bürgertums und der Kirche. Er sagt später mal: „Die bürgerliche Moral ist für mich Unmoral, die man bekämpfen muss; diese Moral, die sich auf unsere äußerst ungerechten sozialen Institutionen wie Religion, Vaterland, Familie, Kultur gründet, überhaupt, was man so die Pfeiler der Gesellschaft nennt.“

Buñuel im Reich der Bigotten

Mit dem „Zeitalter“ schuf Buñuel einen handfesten Skandal. Rechtsextremisten stürmten einen Kinosaal, verwüsteten ihn und bewarfen die Leinwand mit Tinte. Eine Front aus Klerikern und Bürgerlichen startete eine erfolgreiche Kampagne gegen den Film: Ein Verbot folgte. Sogar der Produzent des Films, Vicomte de Noailles, änderte bald seine Meinung über das „Zeitalter“, bezeichnete den Film als „Gotteslästerung“ und nahm ihn aus dem Vertrieb.

Sozialstreifen "Land ohne Brot"

Der dritte Film, „Las Hurdes – Land ohne Brot“ (1932), nahm ein neues Thema im Schaffen Buñuels auf: die Armut in der spanischen Region Extremadura. Dem Sozialismus war der Regisseur nicht abgeneigt. Dies sollte einen längeren Aufenthalt in den USA stoppen: Salvador Dalí bezeichnete ihn als Kommunisten und Atheisten, was zum endgültigen Bruch Buñuels mit dem Maler führte. In den Vereinigten Staaten der antikommunistischen Tendenzen, die sogar seinen Bekannten Charlie Chaplin aus dem Land warfen, konnte der spanische Regisseur nicht bleiben.

Mexikanischer Staatsbürger

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Faschismus in Form Francisco Francos in Spanien geblieben. Luis Buñuel ging nach Mexiko, übernahm gar die Staatsbürgerschaft und blieb bis zu seinem Tod am 29. Juli 1983 dort. In dem lateinamerikanischen Land, in Frankreich und auch in der alten Heimat drehte er weitere Filme, insgesamt 35; darunter die Romanverfilmung „Belle de jour – Schöne des Tages“ (1967) mit Catherine Deneuve. Das Spätwerk wurde zunehmend satirischer. Die Themen blieben, was man am Filmtitel „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ (1972) sehen kann: Der Filmemacher verspottet das Bürgertum. Träume waren schon im ersten Film Buñuels inhaltsprägend. Im drittletzten des Wahlmexikaners kehren sie wieder: Die Reichen und Superreichen träumen, erträumen sich das jeweils andere Leben des reichen Mitbürgers, träumen bis zum eigenen Trauma, bis der Filminhalt durch die ständige Träumerei infrage gestellt wird: Ist das bisher Geschehene wirklich geschehen? Kernthema der Filmsatire ist das vergebliche Bemühen von sechs Vermögenden, gemeinsam zu Abend zu essen. Immer wieder werden sie gestört – oder stören sich selber.

Die Liebe zu Jeanne

Der Privatmann Luis Buñuel heiratete 1934 die acht Jahre jüngere Jeanne Rucar. War der Filmemacher stets antiklerikal eingestellt, überrascht er mit einer Ehe, die erst durch seinen Tod knapp 50 Jahre später endete. Aus der Verbindung gingen zwei Söhne hervor, darunter der 1934 geborene Regisseur Juan Luis Buñuel („Die Frau mit den roten Stiefeln“, gedreht 1974 mit Catherine Deneuve und Fernando Rey, zwei Stars aus Filmen seines Vaters).Ist der Regisseur Luis Buñuel irgendwann in seinem Leben von seinen Idealen abgewichen? Bis zu seinem Tod vermutlich durch Leberzirrhose im Alter von 83 Jahren nicht. Er blieb der Satiriker, der Surrealist, der Spötter. Und der Ironiker. Ein weiteres Zitat Buñuels über sich, das der eingangs erwähnten Aussage ähnelt und mit ambivalentem Wortwitz spielt, lautet: „Gott sei Dank bin ich Atheist.“

Über den AutorMichael Dlugosch liebt gute Filme und veröffentlicht häufig Rezensionen von Neuerscheinungen im Kino. Siehe filmrezension.de

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