Blick auf Segovia
Segovia: hier kam Abraham Senior zur Welt

Die unglaubliche Geschichte des Abraham Senior

Abraham Senior: Spaniens Hofjude

Wie der jüdische Geschäftsmann Abraham Senior zum königlichen Berater und Oberhaupt der spanischen Juden aufstieg und als Christ das Adelsgeschlecht der Coronel begründete. Ein historisches Porträt.

 

von Juri Küstenmacher


Um 1412 in Segovia geboren, startet der Spross der Familie Senior (auch: Senneor, Seneor) eine steile Karriere in Finanz und Politik. Leider schweigen sich die Quellen zu Aussehen, Charakter und Jugendjahren des Mannes aus. Spätestens in den 1460er Jahren hat Senior als Förderer des städtischen Patriziertums beste Kontakte zu den wichtigen Bürgern Segovias aufgebaut. Etwa zu dieser Zeit wird er auch Finanzier und Berater der Krone Kastiliens in Valladolid. Er genießt höchstes Ansehen beim Hochadel und pflegt selbst einen aristokratischen Lebensstil.

Hofrabbi von Kastilien

Als Berater der jungen Isabella I. von Kastilien, die sich ihren Mann gegen den Willen der Familie selbst aussucht, arrangiert er die Heirat mit Ferdinand II. Die Verbindung der Kronen Kastiliens und Aragóns schafft die Grundlage für ein gesamtspanisches Königtum. Abraham Senior steigt zum obersten königlichen Steuereinnehmer auf. Ferdinand ernennt ihn trotz fehlender religiöser Ausbildung zum Hofrabbi von Kastilien und damit zum Oberhaupt aller spanischen Juden (Sephardim).

Zwangstaufe oder Ausweisung

1492 im Jahre des Herrn. Die christliche Rückeroberung der maurischen Gebiete Spaniens endet mit der Kapitulation des letzten muslimischen Herrschers. Granada und seine Zitadelle Alhambra sind gefallen. Isabella und Ferdinand erlassen das Alhambra-Edikt (Edicto de Granada) und beschließen damit die Ausweisung aller spanischen Juden, die sich der Zwangstaufe widersetzen.

Das Edikt gilt selbst für Abraham Senior

Jahrzehnte lang hat er dem Herrscherpaar treu gedient und den Krieg gegen die Mauren mit seinem Vermögen erst möglich gemacht. Der Versuch, Königin und König umzustimmen, scheitert. Die Tragik dieses Moments hat Emilio Sala Francés 1899 in dem Gemälde „Die Verteibung der Juden“ f

Zwangstaufe des Abraham Senior

Als Abraham Senior die Zwangstaufe über sich und seinen Sohn ergehen lässt, ist er über 80 Jahre alt. Er steht als Hofrabbi unter beträchtlichem Druck, den spanischen Juden als leuchtendes Beispiel voranzugehen. Als Taufpaten fungieren Königin und König. Aus Abraham wird Fernando, aus Senior wird Coronel. Senior hat sich zeitlebens für seine jüdischen Mitbürger eingesetzt. Nach der Eroberung Málagas durch die christlichen Heere etwa, kauft er die gefangenen Juden der Stadt frei. Es heißt, er soll dafür sämtlichen Schmuck seiner Frau veräußert haben. Die jüdische Geschichtsschreibung hat ihm die Übernahme des Christentums dennoch nie verziehen.

Der Tod

Ein Jahr nach seiner Konversion stirbt Fernando Pérez Coronel (auch: Ferrán/Fernán Pérez Coronel oder Fernando Núñez Coronel). Er begründet das Adelshaus „los Coronel“, welches in den folgenden Jahrhunderten Geschichte in ganz Europa und Lateinamerika schreiben wird.

Die Vertreibung der spanischen Juden

Die Ausweisung der Juden im Jahre 1492 beendete schlagartig 800 Jahre jüdischen Lebens und Wirkens in Spanien. Die wirtschaftlichen Folgen waren katastrophal, konnten allerdings durch die Kolonialisierung Amerikas abgemildert werden. Historiker schätzen, dass mindestens 100.000 Juden das Land verließen, welches damals weniger als eine Million Einwohner hatte. Der Sultan des Osmanischen Reiches, Bayezid II., soll gesagt haben: „Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen.“


 

 

 

Der Autor

Juri Küstenmacher ist Journalist und war mehrere Jahre Redakteur und Autor für „Das Quiz mit Jörg Pilawa“. Er studierte Mittlere und Neue Geschichte, Alte Geschichte, Byzantinistik und Anglistik an der Uni in Köln.

 

 

 

 

Weiterführende Themen

Spaniens Geschichte: mehr

Das Leben des El Cid: mehr

Der Reformer Juan de la Cruz: mehr

 

 

Literaturtipp

Roman (annähernd) zum Thema: „Die Vertreibung aus der Hölle“ von Robert Menasse

 

 

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