Die Ruinen von Belchite aus dem Jahr 1937

Goya und das Geisterdorf

Francisco de Goya hat um das Jahr 1810 weltberühmte Antikriegsbilder gemalt. Kurios daran: Nur wenige Kilometer von seinem Geburtsort entfernt ist ein zerstörtes Dorf aus dem Spanischen Bürgerkrieg ebenfalls ein Mahnmal der Geschichte. Die Ruinen von Belchite stehen da wie damals. Das hat nicht nur spanische Historiker angelockt, sondern auch Regisseure von Filmen wie Spider Man, Der Baron von Münchhausen und Pans Labyrinth.

Von Tobias Büscher

Fremdenführerin Nati kennt sich aus. Die Aragonesin zeigt Besuchern alles, was Belchite ausmacht. Die Hauptstraße Calle Mayor, das Kloster San Agustín, die kunstvoll geschmückte Kirche San Martín de Tours, den Dorfplatz und das Cine Goya, wo ihr Vater einst Madame Bovary sah. Sie zeigt das Haus ihrer Eltern und hält plötzlich ihr Handy in die Luft. Zu sehen ist die Plaza Nueva aus den 30er Jahren. Irre daran: Der Platz sieht heute genauso aus.

Belchite ist keine Sehenswürdigkeit im eigentlichen Sinne. Es ist ein durch Kugelhagel zerstörtes Dorf in Nordspanien, das seither niemand mehr aufgebaut hat. Belchite ist ein Geisterdorf der Geschichte, ein stehen gelassener Kriegsschauplatz mit eingestürzten Balken, durchlöcherten Fresken und zerschossenen Hausfassaden. Ein Dorf, dessen Silhouette in vielen historischen Dokus auftaucht und aussieht wie eine Filmkulisse.

Erst der Kugelhagel, dann der Caudillo

Zwischen dem 24. August und dem 7. September 1937 tobte die Schlacht von Belchite. Die Republikaner versuchten mit ihren T-26 Panzern verzweifelt, die durch Franco-Truppen geschützte Stadt Zaragoza einzunehmen. Sie bissen sich an der Metropole am Ebro die Zähne aus, denn der spätere Diktator hatte Zaragoza in seiner Hand. Bereits 1926 war er dort Chef der Militärakademie geworden.

Stattdessen legten die Soldaten der „XI Internationalen Brigade“ Belchite in Schutt und Asche. 

Als der Horror vorbei war, erzählt Nati, musste ihre Mutter und die anderen Überlebenden Monate, sogar Jahre in den Ruinen überleben. Ohne Strom und fließendes Wasser. Natalio (1937-2021), der berühmteste Bewohner von Belchite, kam im Kugelhagel zur Welt und verließ die Ruinen sogar erst 1964.

General Franco versprach zwar zunächst, das Dorf wieder aufzubauen. Allerdings ließ er die Idee fallen. Ohnehin interessierte sich der Caudillo eher für Dörfer, die Staudämmen im Weg standen. Und so ließ er das Dorf wie es war. Als eine Art „Mahnmal gegen die Untaten der Kommunisten“.

Belchite und der Film

Belchite liegt gerade einmal 18 km von Goyas Geburtsort Fuendetodos und 50 km von Zaragoza entfernt. Etwas entlegen also, weshalb das Dorf nie ein Disney-Land für Schaulustige gewesen ist.

Stattdessen zieht der schaurige Ort die Studenten der Filmhochschulen an. Und die Regisseure. Erst kürzlich ist hier eine neue Folge von „Spider Man“ gedreht worden. 1988 erschien mit Motiven aus dem Dorf Terry Gilliams Fantasiefilm „Der Baron von Münchhausen“, 2006 das mit drei Oscars prämierte Drama „Pans Labyrinth“ von Guillermo del Torro mit den Schauspielerinnen Ariadna Gil und Maribel Verdú. 

Tipp: In der hervorragenden Doku-Serie „Die Wahrheit über Franco -  Spaniens vergessene Diktatur“ von Isabel Andres und Klaus Kastenholz (zdf mediathek) taucht der Ort schon nach den ersten zehn Sekunden auf. Zur Vorbereitung auf den Besuch ist das eine sehr gute Einstimmung.

Wer hier drehen will, zahlt übrigens rund 370 Euro pro Tag. Das ist zwar wenig, hilft aber dem Erhalt der Ruinen und finanziert auch Natis Arbeit.

Das neue Dorf Belchite

Neben dem ursprünglichen, zerstörten Dorf Belchite ist ein neuer Ort mit selben Namen entstanden belchite.es. Hier leben mit 1500 Einwohnern nur halb so viele Menschen wie einst im ursprünglichen Ort. Dafür geht es dort regelrecht friedlich zu.

Übrigens ist Belchite nicht der einzige Zeuge des Spanischen Bürgerkriegs. Auch die Ruinen des Ortes Corbera de Ebro (Tarragona) sind noch erhalten, der in der sogenannten „Ebro-Schlacht“ zerstört wurde. 

Besuch von Belchite

Wer den Ort besuchen möchte: Per Flug nach Barcelona, dort mit dem Zug nach Zaragoza und dort am besten ein Hotel nehmen. Ein Tagesausflug lohnt dann zum Geburtsort Goyas Fuendetodos, nach Belchite und auch zu den Cariñena-Weinbodegas der Gegend. 
Belchite lässt sich nur mit einer geführten Tour besichtigen.

Übrigens: Goya hatte in seinem Geburtsort Fuendetodos 1762 die Pfarrkirche von innen bemalt, mit gerade einmal 16 Jahren. Doch zu sehen sind die Bilder nur noch auf alten Schwarzweiß-Fotos. Auch sie sind dem Spanischen Bürgerkrieg zum Opfer gefallen.

Es gibt sie von Mo bis Fr um 12 und 16 Uhr, Sa und So 11, 12, 17 und 18 Uhr, Eintritt 8 Euro, unter 13 gratis. Tickets gibt es auch online