Andalusierin in Málaga
... und sie nie in Friesland © tb

Ich war noch nie in Spanien

So, jetzt ist es raus: Ich war noch nie in Spanien. Also noch nicht mal in Deutschlands 17. Bundesland. Und doch war ich irgendwie schon immer dort. Wie das kommt? Zur Klärung dieser Frage muss ich Sie entführen: in meine friesische Kindheit.

 

eine Glosse von Britta Kretschmer

 

 

Kennen Sie als Spanienfan Friesland?


Ich bin ein Friesenkind. Friesland, das ist das Stückchen Norddeutschland, das nur jenen bekannt ist, die keine Angst vor schlechtem Wetter haben. Wer schon einmal dort war, erinnert sich an die stoisch anmutenden Einwohner. Zur Begrüßung kennen sie nur ein Wort. Es lautet "Moin" und allen Unkenrufen zum Trotz bedeutet es nicht "Guten Morgen". Wenn Sie Glück haben, treffen Sie hinter dem Deich auf einen Pfeifenraucher im Friesennerz, der Ihnen nach minutenlangem Nicken ein "Jo jo" schenkt. Man versteht sich dort oben eben auch ohne Worte. Ein "Dat is so seker as dat Amen in de Kark" kommt einem Gefühlsausbruch gleich. Apropos Kirche: Wussten Sie, wie standhaft wir Friesen uns gegen die Christianisierung gewehrt haben? Das war ungefähr zu der Zeit, als wir unser ständig überflutetes Land gegen die Wikinger verteidigen mussten. Irgendwas bleibt immer hängen. Wenn der Papst mal wieder nach Deutschland kommt, interessiert das dort oben kaum einen.


In diese Szenerie hinein wurde ich geboren und wuchs auf in einer Neubausiedlung, wie sie wahrscheinlich in allen ländlichen Regionen zu finden ist. Abgegrenzt von den wahrhaftig Einheimischen bauen junge Familien ihr Haus, pflanzen ihren Baum und leben mit Kindern den Traum von im Morgengrauen brüllenden Kühen. Nur dass bei uns noch die beständig steife Brise dazukam.

Andalusisches Feuer unter Teetrinkern

In diese Idylle hinein traf meine mich für alle Zeiten beeindruckende spanische Nachbarin: Maria aus Málaga. Eine erzkatholische Andalusierin allein unter mehr oder weniger gläubigen Protestanten, die Kirchen bestenfalls am Heiligabend von innen sahen. Sie kam mit ihrem Mann und den beiden Kindern, sah - und mischte mit ihrem Temperament die Tee trinkenden Nachbarn so richtig auf.


Maria, die kaum größer war als eines der ältesten Kinder aus der Nachbarschaft, konnte eine sehr attraktive Frau sein. Wenn sie wollte, trat sie als die perfekte Repräsentantin ihrer Familie auf, im konservativ-eleganten Stil entsprechend ihrer politischen Gesinnung. Im alltäglich dörflichen Kontext aber kam sie gerne unfrisiert in hauskittelartigem Gewand daher, schlappte in Hauspantoffeln von Tür zu Tür und erzählte der Nachbarschaft die neuesten Neuigkeiten. Die waren meist höchst privater Natur und ließen das schweigsame Völkchen oft ratlos zurück. Das prägte mein Bild von spanischen Dörfern, in denen ich nie war: Wahrscheinlich, sagte ich mir, macht man das dort so. Man zieht sich möglichst schlecht an und trägt die Neuigkeiten von Tür zu Tür, damit immer alle gut Bescheid wissen. Über was auch immer. Und so haben die anderen wenigstens etwas, wozu sie "Jo jo" sagen können.


Wobei nicht immer zu verstehen war, worum es in ihren Geschichten ging, denn sie sprach pro Minute mehr Worte als ein durchschnittlicher Friese in einem Monat. Und das mit jenem harten Akzent, den nur Spanier in die deutsche Sprache bringen können. Ich weiß noch, wie sie immer sagte, Deutsch klänge in ihren Ohren wie Hundegebell. Daran denke ich noch heute, besonders wenn ich Aufnahmen aus den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts höre.


Gebaut hatte die Familie eines der größeren Häuser, gefühlt natürlich das größte. Das war wichtig und wurde immer wieder betont. Betreten habe ich es so gut wie nie, auch wenn ich mit ihrer Tochter Christina gut befreundet war. Christina war ganz die Mama, klein, temperamentvoll, hübsch mit beeindruckend schwarzem Haar. Ihr kleiner Bruder Michi hingegen kam ganz nach dem Herrn Vater, der so deutsch war, wie einer nur deutsch sein kann. Und gerade hier lag das Problem.

 


Was ist spanisch? Phone ohne H


Wenn spanisch zu sein etwas war, dann war es auf jeden Fall laut. Nun will ich nicht behaupten, dass es in meinem Zuhause immer gesittet und still zugegangen sei - mein Vater spielte Trompete, was soll ich sagen. Und doch nahmen wir uns, die Phonstärke betreffend, eben sehr friesisch aus. Denn wenn Maria einmal in Fahrt gekommen war, gab es kein Halten mehr. Wie oft erzitterte das Mauerwerk, weil sie wegen irgendetwas in Rage war. Legendär die Szenen, in denen Muttern mit einem ihrer Pantoffeln in der Hand hinter ihrer Tochter her durch die Nachbarschaft rannte und ihr lautstark drohte. Bedächtig wurde dann der kollektive Kopf geschüttelt.


Aus Gründen, die ich bis heute nicht wirklich verstehe, war es die Verteilung der Ähnlichkeiten, die dafür sorgte, dass sich Michi so ziemlich jede kindliche Schandtat leisten konnte und Christina dafür regelmäßig einen auf den Deckel bekam. Einzig als Christina zu ihrer Kommunion wie eine kleine Prinzessin herumgezeigt wurde,  schien Maria einmal so richtig stolz auf ihre Tochter zu sein. Schnell habe ich gelernt: Sie schien zu denken, dass spanisch zu sein irgendwie nicht gut genug war. Katholisch zu sein war auf jeden Fall besser.
Nur verstanden habe ich diese seltsame Selbsteinschätzung nie. Habe ich nicht viel von ihr gelernt? Kommunikation muss fließen. Knoblauch riecht nur unangenehm, wenn man nicht mitisst. Geschluckter Ärger macht krank. Das deutsche H wird völlig überbewertet.
Maria, als Kind warst du mir suspekt. Aber du hast Spanien in mein Leben gebracht. Dafür habe ich dir nie gedankt.

 

Über die Autorin

Britta Kretschmer ist Literatur- und Sprachwissenschaftlerin, die angehenden Medizinern das Sprechen mit Patienten beigebracht hat. Geschichten aus dem Leben sind ihr Thema, hier eine aus ihrer Kindheit "Ich war noch nie in Spanien" - oder auf ihrem Blog mehr-welten.de

In ihrer zweiten Glosse fragt sie sich: wohin bloß nach Spanien: mehr

Lesermeinungen

 

"Glückwunsch Britta, dein Betrag ist super und ich musste richtig lachen, denn das alles kann ich mir bestens vorstellen. Mehr davon ..."

 

Ulrike Pfingsten aus Conil, Andalusien, wo sie mit einem Spanier unter Spaniern lebt.

 

 

 

"Die Glosse hat mir sehr gut gefallen. Die Frau hat den Text mit viel Humor geschrieben. Die Maria ist eine typische Spanierin aus Andalusien".

 

José Segura, Anwalt aus Galicien, einer von Andalusien so entfernten nordwestspanischen Region.

 

 

 

Weiterführende Links

Zur Region Andalusien: mehr

Zur Andalusischen Küche mit Rezepten: mehr

Karwoche in Conil: mehr

 

 

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