Ratoncito Pérez in Aktion, Bild Julia Schulz
Ratoncito Pérez in Aktion, Bild Julia Schulz

Ratoncito Pérez: Spaniens Märchen von der Zahnmaus

Für Erwachsene ein Graus, für Kinder eine Freude: Das Ausfallen der Zähne. Denn wer den Milchzahn abends unter seinem Kopfkissen platziert, findet dort am morgens eine Münze, so heißt es. In Deutschland ist dafür die Zahnfee zuständig. In Spanien hingegen Ratoncito Pérez, die Zahnmaus. Aber warum eine Maus? Der Ursprung liegt in einem uralten Märchen ...

Von Julia Schulz

Tatsächlich kursieren im Internet ganze Videos über die Zahnmaus, zumeist auf Spanisch. Und Bücher zum Thema gibt es auch. Daher kennen die meisten Chicas und Chicos von Madrid bis Buenos Aires um die fünf Jahre die Zahnmaus, die ihnen nachts eine Überraschung unters Kopfkissen legt. Als Dank für den ersten Zahn.

Die ursprüngliche Geschichte dazu hat allerdings mit den Dientes, den Zähnen, wenig zu tun:

Und wie fangen Spaniens Märchen an? Mit erase que se era (es war einmal):

 

Es war einmal ein Ort mit zwei benachbarten Königreichen. Das eine bekannt als Land der Freude, denn das Königspaar liebte sich über alles und versprühten ihre Lebensfreude auch bei ihren Untertanen.

Im anderen Reich hingegen regierte ein böser König, der gerne Menschen quälte. Und als er von der fröhlichen Stimmung im Nachbarreich erfuhr, erklärte dem anderen König den Krieg. Im Land der Freude war man zwar sehr fröhlich, dafür aber leider nicht so erprobt im Kampf. Und so starb der gute König in der Schlacht und ließ die schwangere Königin zurück.

Der böse König kam bald darauf in das Schloss und holte sich die Königin, um sie zu erhängen.

Die Schönste im ganzen Land

Als er aber ihren dicken Bauch entdeckte, hielt er inne. Natürlich nicht aus Mitleid! Nein, er dachte an seinen furchtbar hässlichen Sohn, der ja eines Tages einmal heiraten musste. Und wenn das Kind ein hübsches Mädchen würde, könnte er es sozusagen für ihn aufbewahren. Also rief der König eine Fee herbei und die prophezeite, dass es sich bei dem ungeborenen Kind um ein Mädchen handelte, das schöner war, als alle Mädchen im ganzen Land.

Also musste der König das Erhängen schweren Herzens verschieben. Dafür sperrte er die Königin in ein winziges, kaltes Zimmer im Turm und gab ihr drei Erbsen zu essen. Und die ließ er ihr zum Scherz in einer riesigen Schüssel bringen. Das Scheusal!

Die Maus und die drei Erbsen, Bild Julia Schulz
Die Maus und die drei Erbsen, Bild Julia Schulz

Die kleine gute Maus

Hier kommt die Maus ins Spiel. Eines Abends schlüpfte sie durchs Mauerloch und fraß die Erbsen. Als der Nager die weinende Königin bemerkte, begann er zu tanzen. Das heiterte die Frau tatsächlich ein wenig auf. Doch was noch erheiternder war: Wenn das Mäuschen ging, war die Schüssel wie durch Zauberei plötzlich gefüllt mit warmen Speisen.

Endlich kam die Königin zu Kräften und sie begann, ein Körbchen zu flechten aus dem Stroh, das die Maus ihr jeden Abend mitbrachte.

Eines Tages ging eine alte Frau am Fuße des Turms entlang. Die Königin fragte, ob die Alte ihr Kind versorgen würde, wenn sie es mit Hilfe des Korbs zu ihr herablassen würde. Die Frau willigte ein. Die Königin sollte dafür bloß die freche Maus erschlagen, die ihr immer nachts die Vorräte klaute. Doch das brachte die gute Königin nicht übers Herz.

Gut und Böse

In derselben Nacht kam das Baby zur Welt. Und es war tatsächlich ein wunderschönes Mädchen und es lachte schon bei der Geburt. Die Königin legte es in den geflochtenen Korb und legte einen Brief bei auf dem stand: Dieses unglückliche kleine Mädchen trägt den Namen Joliette.

Die kleine Maus kuschelte sich zu dem Kind und die Königin weinte: „Weil ich Dich retten wollte, du kleine Maus, ist mein Kind nun verloren!“. Da verwandelte sich die Maus in eine Fee. Sie hatte sich natürlich nur in die Maus verwandelt, um das Herz der Königin auf die Probe zu stellen. Dazu war sie auch in die Rolle der alten Frau geschlüpft.

Jetzt könnte man meinen, das sei ein gutes Ende, oder? Weit gefehlt!

Der König hatte nämlich schon geahnt, dass die gute Fee etwas im Schilde führte und deshalb eine andere Fee damit beauftragt, das Baby zu stehlen und zu verstecken, bis es im heiratsfähigen Alter war. So brachte er das Mädchen in seine Gewalt und die Königin zu einem Baum, an dem er sie endlich in Ruhe erhängen wollte. Doch wenigstens hier konnte die gute Fee seinen Plan durchkreuzen: Sie machte sich unsichtbar, schlug dem König die Zähne aus und flüchtete mit der Königin in ihr Feenschloss.

Der böse König im Märchen, Bild Julia Schulz
Der böse König im Märchen, Bild Julia Schulz

Joliette und die Fee

Jahre später sprach sich herum, dass eine Hochzeit im Königreich bevorstünde. Überraschenderweise wollte der Prinz eine einfache Magd heiraten. Das kam der guten Fee spanisch vor und sie suchte die Magd auf. Die war das schönste Mädchen, das sie je gesehen hatte und sie hieß Joliette.

Wer jetzt wieder denkt: Das ist das Ende, der täuscht sich. Der König bekam nämlich Wind von der Entdeckung und ließ das Mädchen in einen hohen Turm sperren.

Doch die gute Fee verwandelte sich zurück in die kleine Maus und suchte den bösen König und seinen schrecklich hässlichen Sohn in der Nacht auf: Sie biss ihnen in die Ohren und in die Augen, bis sie fast blind waren und auch kaum noch etwas hörten. So stolperten sie mit ihren Schwertern durch das Schloss und suchten ihren Angreifer. Und als sie aufeinandertrafen, hielten sie den jeweils anderen für den Täter und erstachen sich gegenseitig.

Die Fee suchte den schönsten und liebsten Prinzen im ganzen Land und endlich wurde Hochzeit gefeiert. Die Untertanen des bösen Königs waren froh, endlich nicht mehr unter ihm leiden zu müssen und so wurde auch aus ihrem Königreich ein Land der Freude.
Jetzt aber Ende! Wirklich!

König Alfonso XIII
König Alfonso XIII
Straßenschild in Madrid
Straßenschild in Madrid
Gehry-Dach im Baskenland
Märchenhaftes Dach im Baskenland: Bodega Riscal, tb

Hintergrund des Märchens

Die Maus als Zahnfee kennen viele Kinder. Italiener nennen sie Topolino, Franzosen „La bonne petit souris“, die gute, kleine Maus. Und so heißt auch dieses Märchen in seinem Original von Baronin Marie-Catherine d’Aulnoy, verfasst im 16. Jahrhundert. Im Jahr 1894 soll die Geschichte dem zukünftigen König Alfonso XIII. erzählt worden sein und wurde danach in ganz Spanien bekannt.

Die Spanier glauben, dass sich die Geschichte von der kleinen Maus Pérez der Jesuitenpater Luis Coloma eigens für den Thronfolger ausgedacht hat. Ganz ohne sie von Madamme Aulnoy geklaut zu haben. In Madrid gibt es auf der zentralen Straße Arenal No.8, wo der Pater einst lebte, sogar eine Gedenktafel für die Zahnmaus (siehe Bild). Die soll nämlich hier in einer Keksdose gelebt haben und durch die Rohre unter der Stadt in den Palast gelangt sein, um die Zähne des kleinen Prinzen zu holen.

Doch nicht in ganz Spanien ist die kleine Maus für die Milchzähne zuständig. In nördlichen Kantabrien ist es das Eichhörnchen. Und im Baskenland wirft man die ausgefallenen Zähne über das Dach des Hauses. Das Dach spielt übrigens auch in vielen asiatischen Ländern eine Rolle. Dort wird allerdings unterschieden zwischen den Zähnen des Ober- und des Unterkiefers: Die unteren müssen auf dem Dachboden, die oberen im Keller abgelegt werden. Und dann? Tatsächlich kommt auch hier dann die Maus und tauscht die Zähne.

So wie alle Nager muss sich die Maus allerdings keine Gedanken über ihre Zähne machen. Die wachsen nämlich ihr Leben lang einfach nach.


Weitere spanische Märchen

Das Märchen von der Grille

Das Märchen vom Esel



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