Heilige, Hexen und die Hölle des Kriegs

Francisco de Goya im Porträt

Er ist der Shootingstar unter Spaniens Malern. Kunsthistoriker nennen seine Arbeiten „einen universellen Wert spanischer Kunst“. Er schuf Vorlagen für Wandteppiche, malte Königsporträts und Kriegsbilder, fliegende Hexen, nackte Frauen und den Klerus als Esel. Goya entwickelte Techniken der Extraklasse. Er war zeitlebens so stur wie ein Aragonese nur sein kann. Und seine Kunst wirkt bis heute erstaunlich zeitlos. Hommage an einen Mann, der die europäische Kultur bereichert hat wie kaum ein anderer.

Von Tobias Büscher

Francisco de Goya y Lucientes (1746-1828) hatte wahrlich keinen Traumstart. Seine ersten Bilder kennt heute fast niemand. Mit 16 Jahren malte er zum Ende seiner Ausbildung in Zaragoza ein paar Heilige in die Kuppel der einstigen Pfarrkirche von Fuendetodos, seiner Geburtsstadt. Der Vater war Vergolder und hatte ganz gute Kontakte. 

Etwas holzschnitthaft wirken die Figuren: Pilar bei der Ankunft in Zaragoza, die Jungfrau Carmen und den Heiligen Franziskus. Diese frühen Bilder gingen im Spanischen Bürgerkrieg im Kugelhagel unter. Doch immerhin hat sie Aragóns Goya-Stiftung online gestellt.

Durchgefallen, und nochmal durchgefallen

Dann ging Goya nach Madrid. Nicht ganz freiwillig, wie der französische Schriftsteller Charles Yriarte vor gut 150 Jahren erzählte: Nach einer sehr heftigen Schlägerei schickten ihn die Eltern dorthin, weil er auf der Fahndungsliste der örtlichen Gendarmerie stand. 

In Spaniens Hauptstadt bewarb sich der nun 17-jährige Goya erst einmal an der angesehenen Real Academia de Bellas Artes de San Fernando. Mutig in dem Alter.

Er flog zweimal durch die Aufnahmeprüfung und reiste frustriert nach Italien. Kurios daran: Er wurde später Leiter dieser Akademie, die heute ein paar Originale des Künstlers zeigen darf, darunter „Die Beerdigung der Sardine“.

Beginn einer irren Karriere

In Italien versuchte er es an der Real Academia de Parma mit einem Bild über Hannibal in den Alpen. Und fiel wieder durch. Es ist rätselhaft, wie lange Goya in Italien blieb und was er da so machte.

Belegt ist allerdings, dass er 1771 wieder in Zaragoza war. Denn er bekam als selbständiger Künstler einen Auftrag, der den Durchbruch bedeuten sollte. Goya malte Heiligenbilder in der Catedral-Basílica de Nuestra Señora del Pilar, der größten Barockkirche Spaniens.  

Seine Karriere war damit besiegelt. Er malte religiöse Bilder. Viele. Er malte in Kapellen und Klöstern und war noch weit entfernt von seiner eigentlichen Kunst: der Doppelbödigkeit seiner Werke, der Anklage eines der liberalsten Männer seiner Zeit.

Er war auch noch weit davon entfernt, dem amtierenden König die Blödheit ins Gesicht zu malen und die Inquisitionsrichter als Idioten darzustellen.

Bilder für das Bürgertum

Bevor Goya Hofmaler in Madrid wurde, machte er erst einmal einen guten Job in der örtlichen Teppichmanufaktur

Seine Vorlagen für die Weber wirken niedlich. Er malte Kaninchen und rokokoartigen Ringeltanz. Doch wer genau hinsieht, erkennt das Genie bereits. Das spanische Bürgertum stand zu dieser Zeit auf bunte Kitsch-Gemälde und blauweiße Sargadelos-Keramik. Und Goya lieferte.

Allerdings: In „Die Hochzeit“ wirkt der alte Mann neben der blutjungen Frau wie ein Affe. In „Die Weinlese“ turtelt das Bürgertum im Vordergrund, während sich im Hintergrund die Arbeiter die Hände schmutzig machen. In „Der verletzte Maurer“ prangerte er Missstände an, wie es später kein Gewerkschafter mehr hinbekam. Goya arbeitete nicht, er ackerte. Sein Fleiß war legendär.

Vom Königsmaler zum Kriegsreporter

Um 1800 hatte es Francisco de Goya beruflich geschafft: Der inzwischen 54-jährige Aragonese war nun Hofmaler. Mit seiner Frau Josefa Bayeu und Sohn Javier lebte er in einer noblen Villa in der Straße Desengaño (Straße der Enttäuschung), ging zur Jagd, erwarb Bankaktien und unterhielt sich gerne mit seinem Nachbarn, dem Leibarzt der Gräfin Alba.

Er fuhr mit seiner Kutsche durch die Gassen und besuchte auch schon mal die bildhübsche Gräfin selbst. Was auch Lion Feuchtwanger in seinem Buch „Goya und der arge Weg der Erkenntnis“ thematisiert. Goya porträtierte sie auch, einmal mit Anziehsachen, einmal ohne. Beide Bilder zeigen den Körper der Alba. Allerdings hat Goya einen anderen Kopf gemalt, um seine Geliebte zu schützen. 

Er selbst bekam trotzdem Ärger. Dass er wegen dieses unzüchtigen Bildes von der nackten Frau, die sich auf einem Kanapee räkelt, nicht vor das Inquisitionsgericht musste, glich einem Wunder. Es lag einzig am Einfluss seiner mächtigen Freunde in Madrid. Heute ist das Bild „Maja desnuda“ (nackte Maja) im Madrider Prado ausgestellt.

Sein Chef König Carlos, der vornehmlich Uhren sammelte, mochte den Künstler sehr. Und das Porträt „Die Familie Carlos IV“ gehört zu Goyas erfolgreichsten Gemälden. Wie sein Vorbild Velázquez malte er sich sogar selbst ins Bild. 

Pikant allerdings ist die subtile Art, mit der er vorging. Das Gesicht der Königin ähnelt seinen späteren Hexenporträts. Der König selbst wirkt geistig schlicht. Und der Sohn trägt deutlich die Gesichtszüge eines Angestellten am Hof. Goya wurde nur deshalb nicht entlassen, weil das offenbar niemand bemerkte. Oder bemerken wollte.

Eine schöne Zeit damals, doch dann kam der Krieg. Und Goya entwickelte sich zu einem Maler, vor dem sich später die Welt verbeugen sollte.

Die Erschießung der Aufständischen

Wie vielfältig seine Kunst danach noch wurde, liegt nicht nur am Genie Goya, sondern auch an der turbulenten Zeit, in der er lebte: Mitten in die Idylle am Hof platzte die Besatzung durch französische Truppen.

Napoleon übernahm die Macht. In der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1808 erschossen französische Soldaten mehrere spanische Rebellen. „Die Erschießung der Aufständischen“ ist eine schreiende Anklage an den Krieg, besser hat das später wohl nie wieder jemand hinbekommen, selbst Robert Capa nicht. 

Goya ist hier nicht mehr nur Maler. Er dokumentiert, er klagt an, aus dem Königsporträtisten ist ein  Kriegsreporter geworden.

Im eigens entwickelten Druckverfahren schuf er die Reihe „Desastres de la Guerra“ (Kriegs-Desaster) sowie die Serien „Stierkampf“ (La Tauromaquia) und „Caprichos“ (Launen). Die Sammlung dieser düsteren Werke zeigen das Museum seiner Geburtsstadt Fuendetodos sowie das Goya-Museum in Zaragoza.

Die Villa des Gehörlosen

Im Jahr 1821 schließlich begann die besonders kreative Phase des Malers. Der einstige Hofmaler hatte die Villa Quinta del Sordo gekauft, die Villa des Gehörlosen. Sie gehörte zuvor einem Mann, der taub war. Doch auch Goya litt bereits an dieser Krankheit. Wie schlimm, ist bis heute umstritten.

Diese Phase, die auch der Film Goyas Geister (2006) beschreibt, ist die Zeit seiner „Schwarzen Malerei“: An die Wände malte Goya Horrorbilder: Saturn, der ein Kind frisst, Jungs, die sich mit Knüppeln fast zu Tode prügeln, seine Haushälterin an seinem eigenen Totenbett. Die Bilder hängen heute im Prado, das Haus selbst wurde Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen.

Fliegende Hexen

Seine Radierungen hat Goya zu Lebzeiten teils nicht veröffentlicht. Aus gutem Grund: Goya brachte deutlich zum Ausdruck, was er von der Inquisition, reaktionären Herrschern und der Kirche hielt. Er war seiner Zeit weit voraus, vor allem Spanien. Er malte fliegende Hexen, gierige Esel, zerschlagene Gliedmaßen. Goya war längst auf der Höhe seiner Strahlkraft. Sein provokanter Sarkasmus hatte sich längst zu pechschwarzem Zynismus weiterentwickelt. 

Das Museum in Zaragoza Museo Goya Colección Ibercaja- Museo Camón Aznar ist übrigens das einzige mit einer permanenten Ausstellung der Radierungen von Goya mit Namen Los Caprichos, los Desastres de la Guerra, La Tauromaquia y los Disparates.

Was Goya malte - und was er meinte

Vor allem seine 80 Radierungen, glaubt mancher, seien deshalb so finster geraten, weil Goya an einer Hirnhautentzündung gelitten habe, an Syphilis, mancher glaubt an eine schwere Bleivergiftung. Allerdings: Wer war hier irre? Goya selbst, oder die Zeit in der er lebte? Vieles, was Goya malte, ist auf den ersten Blick schwer erträglich, und noch schwerer interpretierbar.

Hier ein Beispiel aus seiner Horrorserie:

„Die Jagd nach den Zähnen“ ist Bild Nummer 12 seiner Serie Caprichos (gemalt 1799). Zu sehen ist eine Frau, die ziemlich angewidert einem Erhängten am Galgen die Backenzähne aus dem Mund zieht.

Vordergründig ist es eine Anspielung auf einen Hexenbrauch, wie ihn 300 Jahre zuvor schon der Autor Fernando de Rojas in seinem Roman La Celestina beschrieb. Danach nutzten manche Frauen solche Zähne, um sie zu zerstampfen. Für einen Zaubertrank, um den Angebeteten rum zu kriegen.

Aber worum geht es in dem Bild wirklich?

René Magrittes Gemälde „Das ist keine Pfeife“ provoziert damit, dass man hier keine Pfeife rauchen kann, sondern ein Bild sieht.

Mit dem Bild „Jagd nach den Zähnen“ wollte Goya ebenfalls provozieren, aber deutlich anders. 

Goya ekelte keineswegs an, dass eine Frau einem Toten die Zähne klaut. Sondern dass in seiner Zeit immer noch Menschen am Galgen hingen. Die Todesstrafe fand der Mann aus dem Aragón zum Kotzen.

Das Milchmädchen von Bordeaux

Goya litt unter Spanien. Der Zeitgeist wurde ihm zum Albtraum. 

Er hielt es nicht mehr aus. Und deshalb zog er schließlich kurz vor seinem Tod nach Bordeaux.

Er, dessen liberale Art so sehr provozierte, der die brutale Welt in Fetzen zeichnete, malte 1827 sein letztes Bild. Und was für eins. 

La lechera de Burdeos (Das Milchmädchen von Bordeaux) ist das Ölgemälde von einer schönen, entspannten jungen Französin. Ein Vorläufer des Impressionismus. 

Ein unglaublich ruhiger, fast versöhnlicher Abschied aus dem Leben.

Und bei genauerem Hinsehen fällt auf: Goya ist auch im Bild ...

Goya im Film und in der Literatur

Zwei Filme über Goya sind besonders empfehlenswert. Im Jahr 2000 veröffentlichte der Regisseur Carlos Saura das Drama Goya in Bordeaux. Den greisen Maler, der sich an sein Leben zurück erinnert,  spielt Francisco Rabal.

Auch Javier Bardem hat an einem guten, von der Dramatik her sogar noch besseren Film mitgearbeitet: Goyas Geister (2006). Der Film spielt hauptsächlich im Jahr 1792 in der Zeit der Inquisition.

Eines der ersten richtig guten Bücher über Goya verfasste der Kunsthistoriker Charles Yriarte. Die Biografie von 1867 ist im Handel nur noch auf Französisch erhältlich. Zum 275. Geburtstag hat die Fondation Bayeler (Basel) einen umfangreichen Katalog veröffentlicht, der online für 68 Euro zu haben ist (siehe Link unten) und das derzeit aktuellste Buch ist, erschienen 2021.

Und einer der besten Kenner von Francisco de Goya ist der katalanische Kunsthistoriker José Gudiol (1904-1984). Sein Buch auf Spanisch, kurz vor seinem Tod recherchiert, ist ein echter Tipp für Liebhaber und längst nicht mehr im Handel. Fans aus den USA geben für den Band schon mal mehrere Hundert Dollar aus. Selbst Schuld, wer es verkauft. Ich jedenfalls mache das nicht.

Den bekanntesten Goya-Roman wiederum hat Lion Feuchtwanger verfasst, der auch mit dem Roman "Die Jüdin von Toledo" Erfolg hatte. An dem Buch über Goya arbeitete der deutsche Literat 18 Monate. Er verfasste es im Exil in den USA und veröffentlichte es im Jahr 1951. 

Der Katalog zu Goya aus dem Jahr 2021: