El Mundo aus Spanien
Noch bis vor kurzem kauften die Spanier El Mundo am Kiosk hauptsächlich wegen der bissigen Artikel des Chefredakteurs Ramírez, tb

3.04.2014

El Mundo-Chefredakteur Pedro J. Ramírez abgesetzt

Druck auf kritische Journalisten ist ein probates Mittel, sie mundtot zu machen. Bei der spanischen Zeitung El Mundo sollen wirtschaftliche Interessen des neuen Investors für die Absetzung des langjährigen Chefredakteurs Pedro J. Ramírez gesorgt haben. Dieser verdächtigt allerdings die spanische Regierung.

von Melanie Lang

Der Mann hat schwere Zeiten durchgemacht. Erst seine Entlassung wegen eines ETA-Interviews als Direktor der demokratischen Zeitung Diario 16, dann die Skandale um ein von politischen Gegnern arrangiertes Video, welches Ramírez nackt beim Sex mit einer Prostituierten zeigte. Und nun schon wieder ein Schlag ins Gesicht: Nach 24 Jahren ist der mehrfach ausgezeichnete Literaturpreisträger und Journalist, der unter anderem 1997 zum Präsident der Stiftung für die Freiheit der Meinungsäußerung der World Association of Journalists (FIEJ) gewählt wurde, wieder mal abgesetzt worden.

1989 entsteht El Mundo, Konkurrenz zu El País

El Mundo (span. Die Welt) hatte Pedro J. Ramírez 1989 als Gegenpart zur linksliberalen EL País und der sozialistischen Regierung gegründet, kurz nachdem ihn Diario 16 vor die Tür gesetzt hatte. In der Rekordzeit von nur sechs Monaten kam El Mundo auf den Markt. Unter Ramirez´ Führung avancierte sie zur zweitgrößten spanischen Tageszeitung. Und schon 1990 bekam sie als erste spanische Zeitung eine Auszeichnung der Society of Newspaper Design.

Skandale in der spanischen Politik aufgedeckt

Bekannt sind die Enthüllungen der Zeitung über zahlreiche Skandale im Umfeld der spanischen Regierung, welche unter anderem zu der Niederlage der sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) unter Felipe González bei den Wahlen 1996 führte. Dessen Staatssekretäre waren übrigens die Macher des Sexvideos. El Mundo machte die baskische Terrororganisation ETA unmittelbar vor den Landeswahlen für die Madrider Zuganschläge durch sogenannte Islamisten am 11.März 2004 mitverantwortlich. Auch dadurch gilt die Zeitung als Sprachrohr des rechten Flügels der Volkspartei PP. Im September 2009 druckte El Mundo zudem ein Interview mit dem Rechtsextremisten und Holocaustleugner David Irving anlässlich des 70. Jahrestags des Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ab und löste damit Kritik auch auf internationaler Ebene aus.

Enfant Terrible mit bunten Hosenträgern

Ramírez, eine Art Enfant Terrible des spanischen Journalismus mit bunten Hosenträgern, berichtete zuletzt ausführlich über die Finanzaffäre der Königstochter Cristina und ihres Mannes Iñaki Urdangarin. Er kritisiert Sozialisten, Gewerkschaften und sogar den konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy und seine parteiinternen Korruptionsskandale. Mit dessen Vorgänger Aznar hatte Ramírez noch Padel gespielt, eine Art Squash. 

Der Vorwurf also auch aus dem rechten Lager lautet inzwischen: einseitige Berichterstattung, immer weniger Glaubwürdigkeit. Auch das mag zur Absetzung geführt haben. Auf jeden Fall ist der investigative Journalist nicht freiwillig abgetreten: "Ich verstehe die Entscheidung, aber wenn es nach mir ginge, wäre ich bis an mein Lebensende Chefredakteur von 'El Mundo' geblieben", sagte der 61-Jährige. 

Spaniens Regierung offenbar beteiligt am Abgang von Ramírez

Er sieht sich als Opfer der „Mächtigen“, die ihn absetzen ließen, und meint damit ganz offenkundig auch Spaniens Regierung. Denn Berichten zufolge verhandelt das in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratene Verlagshaus Unidad Editorial, das neben "El Mundo" auch die Sportzeitung "Marca" und die Wirtschaftsgazette "Expansión" herausgibt, über eine Beteiligung eines Investmentsfonds. Dieser Fonds verlangte, dass "El Mundo" in seiner Berichterstattung weniger aggressiv werden solle. Bislang hat der Verlag die Entlassung von Pedro J. Ramírez nicht kommentiert.

Traurig über den Rauswurf sind Ramírez Anhänger. Seine Verdienste für den investigativen Journalismus waren nach der Franco-Diktatur wichtig für Spanien. Seine Artikel über Verstrickungen der GAL-Aktivisten aus Kreisen der Polizei in Attentate gegen die ETA haben einigen Politikern den Job gekostet. Feinde hat er also genug.
Doch seinen Erfolg wird ihm keiner mehr nehmen können, dies gilt auch im Onlinejournalismus. Durch Ramirez ist die digitale Ausgabe www.elmundo.es heute die beliebteste Medienseite in Spanien.




Die Autorin
Melanie Lang (* 1971) hat Nachrichten- und Magazinbeiträge für das Fernsehen erstellt. In ihrer Freizeit macht sie mit ihrem Hund die Wälder des Siebengebirges unsicher und versucht, alle spanischen Inseln kennenzulernen.


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