Spaniens Märchen vom Esel und dem Löwen als Zeichnung
Der Esel und der Löwe gezeichnet von Julia Schulz

Spaniens Märchen vom Esel und dem Löwen

Eines der schönsten spanischen Märchen heißt El Burro y el León, also der Esel und der Löwe. Die Fabel handelt vom Selbstbewusstsein und ist eine Entdeckung des Vater-Sohn-Gespanns Aurelio M Espinosa. Die beiden Sprachwissenschaftler haben im 20. Jahrhundert Märchen erforscht wie einst bei uns die Brüder Grimm.


von Julia Schulz

Vor langer, langer Zeit, da machte sich ein alter Mann auf den Weg aus seinem asturischen Dorf nach Kastilien. Er hatte vor, dort Haselnüsse zu verkaufen, die sein treuer Esel in Körben trug. Beide lebten schon lange zusammen und waren auch schon sehr alt. Der alte Mann hatte dem Esel die Freiheit versprochen, sobald er nicht mehr tragen könne. Und als das Tier nun mitten in den Bergen stolperte, zog ihm sein Besitzer die Trense aus, gab ihm einen freundschaftlichen Klaps zum Abschied und ließ ihn in der Wildnis zurück. Schön, doch für einen Esel ist sowas eigentlich lebensgefährlich. Wegen der Wölfe.

Schießende Ohren

Doch davon wusste der Esel ja nichts. Der lief, befreit von der Last, ziellos durch die Gegend und freute sich über das viele frische Gras. Esel sind ja bekanntermaßen stur. Aber dieser Burro war zudem auch noch mutig: Als aus dem Nichts ein riesiger Löwe auftauchte, schenkte der Esel ihm keine Beachtung. Das hatte der Löwe noch nie erlebt und er brüllte:  Wer bist Du?. Da der Esel erkannte, dass der Löwe noch nie einen Esel gesehen hatte, behauptete er: Meine Ohren sind Pistolen. Und die schießen, wenn ich wütend werde. Dass er vor dem König der Tiere stand, beeindruckte ihn offenbar nicht die Bohne.

Erste Wette: Forellen fangen

Der Löwe sah seine Position in Frage gestellt. Zu drei Wetten forderte er den Esel daher auf. Und der Gewinner sollte König werden. Oder besser: bleiben. Pistolen hin oder her. Der Löwe rechnete sicher nicht damit, dass ihn der Esel besiegen würde. Bei der ersten Wette ging es um Fischfang. Der Löwe stürzte sich in die Fluten und fing eine Forelle nach der anderen, bis er bemerkte, dass der Esel neben ihm fast ertrank. Er half seinem Rivalen und brachte ihn sicher an Land. Doch statt sich zu bedanken, sagte der Esel, der Löwe habe gepfuscht und seinen schönen Plan zum Sieg kaputt gemacht. Missmutig gab sich der Löwe für die erste Runde geschlagen. Es gab ja noch zwei weitere Wetten. Und dabei würde er dem undankbaren Fremden sicher nicht helfen.

Funken sprühende Hufeisen

Bei der zweiten Wette ging es um Vogelfang. Der Löwe erwischte einen nach dem anderen mit seinen großen Pranken. Der Esel hingegen legte sich auf den Waldboden und tat, als sei er tot. Das lockte die Aasgeier an. Sobald die neben ihm gelandet waren, trat er blitzschnell aus und erlegte sie so. Auf diese Weise gewann er auch die zweite Wette, der Schelm.

Bei der dritten Wette ging es darum, einen großen Stein so weit wie möglich zu schleudern. Der Esel drehte sich dazu um und versetze dem Fels einen Tritt mit beiden Hinterbeinen. Und weil er mit Hufeisen beschlagen war, schlug es dabei Funken. Der Löwe dachte, die Pistolen seien losgegangen. Dann rife der Esel auch noch ein schauerlich lautes „I-A“. Das war zu viel. Der König des Waldes warf dem Esel die Krone vor die Füße und suchte das Weite.

Viva el Rey: die Höhle des Königs

Im Wald traf der Löwe den Wolf, der sich artig verbeugte. Er wusste ja noch nichts vom dem Drama. Als er die Geschichte hörte, musste er furchtbar lachen. Sofort wollte er zur Höhle aufbrechen um den Esel zu zähmen. „¡No, no! ¡Yo no voy!“ rief der Löwe voller Angst. Nein, er wolle nicht zurück! Da band der Wolf sich den Löwen mit einem festen Strick an das Bein und zerrte ihn durch den Wald zurück zur Höhle des Königs. Als der Esel die beiden mächtigsten Tiere des Waldes kommen sah, dachte er, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Vor Angst stellte er beide Ohren auf und stieß ein kräftiges „I-Ah“ aus. Der Löwe, wahnsinnig vor Angst, trat panisch den Rückzug an und zog den Wolf bei seiner Flucht mit dem Seil einfach hinter sich her. Den Wolf riss der Löwe dabei in Stücke und er selbst wurde nie mehr im Wald gesehen.

Und der König? Der war von diesem Tag an ein Esel!

Espinosas: die Brüder Grimm Spaniens

Der Spanier Aurelio Macedonio Espinosa Sr. (1880-1958) widmete sein Schaffen der spanischen Sprache und Kultur. Im heimischen Colorado lauschte er schon als Spross den Märchen und Geschichten, die ihm sein Onkel erzählte. Später wurde er einer der wichtigsten Sprachwissenschaftler und Professor an der Standford Universität. Eines seiner fünf Kinder mit selben Namen, Aurelio M. Espinosa Jr. (1907-2004),  machte sich ebenfalls einen Namen als Volkskundler. Vater und Sohn veröffentlichten neben etlichen Fachbüchern ihre gesammelten Märchen und Balladen unter dem Namen „Cuentos populares de España“ (Bekannte spanische Märchen). In Spanien sowie Lateinamerika sind die beiden daher so berühmt wie bei uns die Brüder Grimm.

Warum Löwe, Esel und Wolf?

Vielleicht ist dieses Märchen die Antwort auf die Fabel von Äsops. Darin verweigert der Löwe dem Esel den gerechten Anteil an der gemeinsamen Beute. Moral der Geschichte: Leg dich nicht mit den Mächtigen an. Was feststeht: Der Esel gilt im nordostspanischen Katalonien als inoffizielles Nationalsymbol und prangt auf mehr Heckscheiben als der schwarze Stier, das Symbol Kastiliens. Und der Löwe? In Augusta Emerita feuerten einst bis zu 15.000 Zuschauer die Sklaven und Gefangene an, wenn sie gegen Löwen im Amphitheater um ihr Überleben kämpften. Das war 25 v. Chr. Heute heißt die Stadt Mérida und befindet sich in der Extremadura. Löwen gibt es in Spanien nur noch im Zoo. Und wenn sich dort nicht gerade ein Besucher ins Gehege der Raubkatzen verirrt, ist es eher ruhig um sie bestellt. Und Wölfe? Die Lobos gibt es nach wie vor vor allem in den Wäldern Nordspaniens, darunter in Galicien.


Julia Schulz


Die Autorin


Julia Schulz ist Autorin, Texterin und Online-Redakteurin aus Bonn. Sie studierte Philosophie, ist eine erfahrene Projektleiterin und lebt mit Kind und Katz am Rhein. Gerne verleiht sie ihren Geschichten ein Gesicht- ob durch eine Inszenierung für die Theaterbühne, Tuschestifte oder eben einfach Worte: julia-schulz.com

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