Arbeitstisch einer Meiga in Galicien, Foto Tobias BÜscher
Tisch einer Hexenzeremonie in Spanien, Foto Tobias Büscher

Hexen und Aberglaube in Spanien

Spanien ist ein weltliches und modernes Land. Doch im Hinterland tauchen im Nebel schon mal Untote auf, Überlebende tragen leere Särge um die Dorfkirche und manche Hexe arbeitet bis 23 Uhr. Sogar im Schatten der Kathedralen.

Am Freitag den 13. gehen die Spanier reiten, heiraten und buchen Flüge. Denn Freitag ist Viernes, der Tag der Venus. Was soll da schon schief gehen. Anders ist das mit dem Dienstag, dem Martes im Zeichen des Kriegsgottes Mars. Wer am Dienstag den 13. vor den Standesbeamten tritt, sollte die Hochzeitsnacht auch gleich im Zimmer 712 des Paradors von Cardona verbringen. Dort ist nachts Adelaïde unterwegs, die untote Tochter des Grafen Forch. Und die jammert so herzergreifend, dass Gäste auch die umliegenden Zimmer meiden.

Meigas statt Messdiener

Keine Frage: Spanien ist längst ein weltliches Land. Zersprungene Spiegel und schwarzer Rauch flößen so wenig Furcht ein wie das Fegefeuer. Ablass? Ach was. Kurios nur: Inzwischen sind Hexen fast gefragter als Prediger. Trotz all der religiösen Feste und Wallfahrten ist vom Glauben der 70er Jahre nicht mehr viel übrig geblieben. Jüngste Umfragen des spanischen Statistikamts ergeben: Nur noch jeder 12. besucht die Messe, nur noch 72 Prozent der Spanier fühlen sich als Katholiken. Die Erzbischöfe von Toledo bis Oviedo beschweren sich über mangelnden Nachwuchs im Kirchendienst. Aberglaube ist im Land dagegen weiterhin präsent. Die Nachfrage ist konstant, in Krisenzeiten sogar höher. Besonders erfolgreich sind die Meigas in Galicien. Sie empfangen ihre Kunden in weiß gekleidet wie Druidinnen und genießen höchsten Respekt (siehe unten).

Amuletts und Alonsos Aberglaube

Ein Blick zunächst auf die ökonomische Seite des Aberglaubens: Amulette für das Gück sind ein echter Wirtschaftszweig. Allein die Fabrik Sargadelos verdient Millionen im Jahr mit der Figa, einer Keramikhand mit Loch. Sie soll das Vergessen verhindern. Und weil die Weihnachtslotterie Lotería del Niño ja auch Glück bringt, gibt jeder Spanier durchschnittlich 47 Euro für Lose aus. Das erhoffte Lottoglück geht einher mit Ritualen im Sport. Real-Kicker bilden einen Rudelkreis vor dem Spiel, Rennfahrer Fernando Alonso steigt immer mit dem rechten Fuß zuerst in seinen Flitzer. Und Handaufleger sind bei Handballern beliebt. 

Spukhaus in Asturien
Spukhaus in Nordspanien, tb
Kapelle in Galicien
Kapelle im Nebel Galiciens, tb

Wenn Keltentum auf Katholizismus trifft

Als besonders abergläubig in Spanien gilt die nordwestspanische Region Galicien mit ihrer Hauptstadt Santiago de Compostela. In der Nähe des Mino-Flusses tragen Bewohner leere Särge um die Kirche, wenn ein Angehöriger eine schwere Krankheit überlebt hat. In San Andrés de Teixido wiederum besuchen viele Galegos die Ortskirche zu Lebzeiten aus Angst, sie müssten es sonst später als Untote tun. Und Achtung vor der Santa Compaña. Wer im Nebel nachts auf einen Zug wandelnder Gespenster trifft, muss sich ihnen für immer anschließen. Irreal? Mag sein. Real dagegen sind die Meigas wie Rosa aus der Nähe von Vigo. Die Frau bezeichnet sich als Hexe und arbeitet sogar mit der Uniklinik zusammen. Ein Interview mit ihr ist wörtlich im Buch Galicien (siehe unten) abgedruckt. Grund für diesen Dualismus, sagt Rosa, sei folgender: Erst sind die Kelten in Nordwestspanien gewesen und haben ihre Bräuche gelebt. Dann kamen die Katholiken und Pilger. Und deshalb sind die vier Elemente Wasser, Erde, Luft und Feuer mindestens so wichtig wie Jesus am Kreuz. Sagt sie. Und kassiert 50 Euro pro Stunde. Dort oben in Nordwestspanien sind sie ohnehin etwas anders drauf. Ein beliebter Spruch: Gott ist gut, aber der Teufel ist auch nicht schlecht ... (tb)


Weiterführende Links

Das baskische Hexendorf Zugarramurdi

Spanischer Roman Die Spur der Hexe

Keramik mit Fantasiefiguren aus Spanien
Fabelfiguren aus Nordwestspanien, tb

Recherchenotiz

Tobias Büscher hat mit Meiga Rosa für DuMont ein Interview geführt und eine Zeremonie begleitet. Notwendig war das Versprechen, weder Ort noch richtigen Namen zu nennen. Der Autor hat für das Buchprojekt Galicien & Jakobsweg neben der Hexe auch Pfarrer, Jounalisten und Ärzte zum Thema befragt. Dabei kam heraus: Sogar Kriminalisten setzen sich mit Rosa bei ungelösten Fällen schon mal zusammen.

Bewerte diese Seite

 
 
 
 
 
 
 
Bewerten
 
 
 
 
 
 
7 Bewertungen
94 %
1
5
4.7
 
zm
Logo Werbepartner