Pferdekutsche mit Vater und Sohn in Südspanien
Diese Privatkutsche ist noch frei. Sie dient weder dem Tourismus noch der Müllabfuhr, tb

Spanien: Pferdekutsche statt Müllwagen

Alicante. Über Nacht ist das zwölfjährige Zugpferd Urtain berühmt geworden. Am 22. Juli 2014 hatte es zum ersten Mal in seiner Funktion als lebendiger Motor das „Hipomóvil“ angeführt, das seitdem den herkömmlichen Diesel-Müllwagen in dem spanischen Dorf Monforte del Cid 20 Kilometer westlich der spanischen Stadt Alicante ersetzt.

von Bettina Hoffmann

Die Gründe für die Rückkehr zur Kutsche liegen auf der Hand: Das krisengeschüttelte Spanien muss sparen. Das Pferd Urtain plus Karren ist mit etwa 6000 Euro weitaus billiger als ein Müllwagen (rund 125.000 Euro). Und Wasser ist bekanntlich auch billiger als Diesel. „Wir werden 50 Prozent der Kosten für die Müllabfuhr einsparen“, erklärt die Bürgermeisterin der 7000-Seelen-Gemeinde Antonia Cervera (Volkspartei PP). Das Projekt ist vier Jahre lang vorbereitet worden und soll die jährlichen Kosten für den Mülltransport für die Kommune auf 200.000 Euro halbieren. Und nebenbei eine Lanze brechen für Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit.

Rückschritt oder Pionierleistung?

Die südspanische Kommune hat damit als erste im Land eine traditionelle Pferdekutsche zur Müllentsorgung eingesetzt. Aber althergebracht ist das Hippomobil nicht: Es ist mit USB-Anschlüssen und Solarzellen ausgestattet, um bei Fahrten in der Dunkelheit ein Lichtsystem anzutreiben. Ein 30-Liter-Wassertank versorgt Urtain mit Flüssigkeit. Und damit das Saubermann-Zugpferd nicht seine eigenen Abfälle auf den Straßen der Altstadt hinterlässt, haben die Techniker eine spezielle Vorrichtung zum Auffangen der Pferdeäpfel angebracht. Sollte Urtain krank werden oder mal eine Pause brauchen, steht Ersatzhengst Carretera (wörtlich: Straße) bereit. Die Spanier haben wohl an alles gedacht.

Nicht mehr nur Touristen kutschieren ...

Das Modell ist aber nicht neu. Pferde haben als Nutztiere seit der Industrialisierung kaum noch eine Rolle gespielt, jetzt sind sie zurück auf der Straße. Und zwar nicht, um Hochzeitspaare oder lauffaule Touristen zu kutschieren. Vielmehr helfen sie bei der kommunalen Arbeit. In 120 Gemeinden in Frankreich werden Pferde neben dem Mülltransport vor allem zur Grünflächenbewirtschaftung oder dem Schultransport eingesetzt. Auch Belgien und die Schweiz haben die Vorteile der preiswerten und lärmfreien Alternative erkannt und erste Pionierprojekte initiiert.

Der Umwelt zuliebe

Denn viele der kommunalen Arbeiten, allen voran die Müllabfuhr, verbrauchen durch das ständige Abbremsen, Anhalten, Neustarten und Beschleunigen große Mengen an Kohlenwasserstoff. „Die Pferdekutsche belastet die Umwelt weniger und wir können mehr Müll recyceln“, beteuert Bürgermeisterin Cervera. Im Zuge der allgemeinen „grünen Revolution“ setzen viele Verfechter neuerdings zudem auf die sogenannte „E-Kutsche“. Dieser Einspänner ist zusätzlich mit einem Elektromotor ausgestattet, um das Pferd zu entlasten. Seit 2006 gibt es sie in Frankreich, seit 2012 fährt sie auch in der Schweiz. Da bleibt die Frage: Wird Carretera bald arbeitslos, weil Urtain seine Hilfe nicht mehr braucht? Fest steht, Not macht erfinderisch – vor allem, wenn man wie Spanien mehr denn je darauf angewiesen ist.

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