Jackpot für den guten Zweck

Nirgendwo auf der Welt sind Blinde so gut organisiert wie in Spanien. Ihr Verband „ONCE“ schafft Arbeitsplätze und ist der mächtigste Lottoanbieter im Land. Doch Corona und Kritik an Finanzgeschäften kratzen am Image der altehrwürdigen Organisación Nacional de Ciegos de España.

von Christine Kordt

Ob Ibiza, Madrid oder Bilbao – kleine Buden stehen überall auf spanischen Gehwegen. Die blauen und braunen Häuschen gehören der Blindenorganisation ONCE und zählen zu Spanien wie die Zeitungspavillons zu Paris. Auf winzigem Raum baumeln gelbe, weiße und grüne Lose. Von früh bis spät verkaufen blinde und behinderte ONCE-Angestellte den lottovernarrten Spaniern ihre Tickets ins Glück. 

El Combo und Eurojackpot

Auch Straßenverkäufer tingeln täglich durch Dörfer und Metropolen oder sitzen an Straßenkreuzungen. Zu den beliebtesten Ausspielungen gehören die Samstagsziehung „El Combo“, die fast tägliche Ziehung „Cupon“ und der Eurojackpot. Diese lukrative Lotterie zog Once 2012 für Spanien an Land. Durch die Lotterien nimmt Once jährlich rund zwei Milliarden Euro ein, die Hälfte wird als Gewinn ausgeschüttet. Ein gutes Geschäft und eine Win-Win-Situation: Mit den Einnahmen bezahlt ONCE seine rund 73.000 Mitarbeiter, die Losverkäufer haben einen Arbeitsplatz und Lottospieler träumen vom Reichwerden. 

Corona lässt Einnahmen einbrechen

Doch mit dem Corona-Lockdown brach das 1988 gestartete Lotteriegeschäft zusammen. Losbuden blieben geschlossen, Straßenverkäufer mussten zuhause bleiben. Den Blinden oder anderweitig Behinderten fehlte der Job und ONCE die wichtigste Geldquelle. Was tun? Lose online verkaufen? Damit verlören viele Mitarbeiter ihren Job und ihren Lebensunterhalt in Höhe von rund 10.700 Euro im Jahr. Andererseits würde ONCEs wichtigste Einnahmequelle weiter sprudeln. Die Organisation sucht neue Lösungen für mögliche Lockdowns.

Weltweit einzigartiges System

Dass ONCE Krisen bewältigen kann, zeigt seine erstaunliche Entwicklung vom kleinen Verein zur international agierenden Organisation. Engagierte Menschen gründeten sie 1938 mit Sitz in Madrid, 1988 folgte eine Stiftung. Ihr Ziel: Behinderte ins soziale Leben und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. „Arbeit für alle“ lautet das Motto. „Wir sind der viertgrößte Arbeitgeber Spaniens und weltweit der größte Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung“, sagt José Maria Prieto Ampudia, Pressesprecher von ONCE. Darüber hinaus hat die Organisation ein weltweit einzigartiges System von Sozialleistungen für Blinde und Sehbehinderte aufgebaut. Dazu zählt zum Beispiel direkter Versicherungsschutz für rund 72.000 blinde Personen. ONCE sei besonders wichtig, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr passiv sind und eine Rente erhalten. Stattdessen sollten sie produktiv sein und einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, so der Sprecher. Dabei helfe Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung. 

Vorlage für UN-Konvention

Daher hat sich ONCE vor allem bildungspolitisch engagiert, zum Beispiel mit Berufsausbildungszentren und einer Physiotherapieschule. Ein internationaler politischer Meilenstein gelang 2006: Zusammen mit anderen Organisationen hat ONCE wichtige Errungenschaften wie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen erzielt. In Lateinamerika entwickelt ONCE mit einer Schwesterorganisation Ausbildungs- und Beschäftigungsprojekte in 19 Ländern. Zudem engagiert sich ONCE in Europa: „Wir haben ein ständiges Büro in Brüssel, um die Rechte der 80 Millionen europäischen Menschen mit Behinderung zu fördern“, sagt José Maria Prieto Ampudia. Zum Beispiel mit zahlreichen Forschungsarbeiten und Initiativen, um nichtdiskriminierende Standards im öffentlichen Leben zu schaffen. So sorgte ONCE für Blindenschrift- und Audiounterstützung in Bibliotheken.

Vamos a la Playa

Ein großes Erlebnis, nicht nur für Blinde, ist das Once- Blindenmuseum Museo Tiflológico in Madrid. Dort ertasten Besucher Modelle von bedeutenden Sehenswürdigkeiten wie die Alhambra von Granada und die Sagrada Familia in Barcelona. Ebenfalls mit Unterstützung von ONCE installierte Ibiza das System Audioplayas: Am Strand von Talamanca ermöglichen akustische Signale und Holzpfähle sehbehinderten Strandbesuchern, selbständig im Meer zu baden. Im Wasser orientieren sich die Schwimmer an mit Seilen verbundenen Bojen.

Imperium in der Kritik

2006 sorgte ONCE für Schlagzeilen im deutschen Wirtschaftsmagazin Handelsblatt. Aus der Wohltätigkeitsorganisation sei ein Wirtschaftsimperium mit zahlreichen Tochterunternehmen und eine „Jobmaschine für Behinderte“ geworden. Da bleibt Kritik nicht aus. So zitiert die Hans-Böckler-Stiftung 2016 eine Losverkäuferin aus Madrid, deren Arbeitsbedingungen sich verschlechterten. „Ich habe einen Festvertrag und gehöre damit zu einer aussterbenden Spezies. Denn Unternehmen, die einen arbeitslosen Behinderten einstellen, werden vom Staat nur am Anfang bezuschusst. Auch die ONCE macht davon Gebrauch. Sie vergibt immer mehr zeitlich befristete Verträge, die sie dann nicht verlängert, um eine andere Person einzustellen und erneut Zuschüsse zu kassieren.“

Dem blinden Komponisten Antonio de Cabezón (1510-1566) blieben solche Praktiken übrigens erspart: Als Organist am Madrider Königshof blieb er unter Felipe II. ungekündigt.

Über die Autorin: 

Die Kölner Journalistin Christine Kordt ist Expertin für Corporate Communications. Sie entdeckt in jedem Thema spannende Aspekte und schreibt über alles, was ihr Gehirn kreuzt. Zum Beispiel Plug-in-Hybride, Konfliktmanager in Schulen, langfristige Familien-Versicherungen oder spontane Thai-Massage.