Zeichnung vom Dudelsack aus dem spanischen Märchen La Gaita
La Gaita: Spaniens Märchen vom Dudelsack, Bild Julia Schulz

Spaniens Märchen vom magischen Dudelsack

In Spanien gibt es neben dem Flamenco hunderte weiterer traditioneller Tänze. Für die Musik dazu sorgen Gitarren, Flöten und auch die Gaita, die nordspanische Variante des Dudelsacks aus Asturien und Galicien. Ein gleichnamiges Märchen der Espinosas erzählt von einem Jungen, der es nicht leicht hat in seiner Familie. Doch ein gutes Herz, der Tanz und dazu ein wenig Magie führen am Ende zu Gerechtigkeit.

von Julia Schulz

Die Familie kann man sich nicht aussuchen, heißt es. Und leider sah das auch der dritte Sohn einer einfachen spanischen Familie so. Seine älteren Brüder hänselten ihn unentwegt. Der Vater hatte irgendwann genug davon und warf ihn kurzerhand raus. Schafshirt sollte er werden auf einer Finca, einem spanischen Bauernhof. Ein Jahr lang arbeitete er fleißig und genoss vielleicht sogar die Ruhe frei von den Sprüchen der fiesen Brüder.

Eines Tages begegnete er einer seltsamen alten Frau. Die fragte ihn, was er hier als Schafshirt treibe. Offenbar hatte sie mehr Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt als Reichtümer. Denn sie trug Lumpen. Doch erkannte sie die Freundlichkeit im Blick des Jungen. Er berichtete von den groben Brüdern und die Alte sagte, er habe einen Wunsch frei. Doch statt seiner Familie die Pest an den Hals zu wünschen, bat er um „una gaita“. So schenkte die Frau ihm einen Dudelsack.

Groove it zur Gaita, Bild Julia Schulz
Groove it zur Gaita, Bild Julia Schulz

Zauberhaftes Instrument, humorlose Bäuerin

Der Junge setzte sich zu seinen Schafen, die wesentlich freundlicher waren als seine Brüder. Und vermutlich auch klüger. Und er spielte auf dem Instrument. Sofort erhoben sich die Tiere und begannen ausgelassen zu tanzen. Je nach Lied, das der Hirte spielte, legten die Tiere eine Sevillana hin, hüpften zur keltiberischen Muñeira im 6/8-Rhythmus und beherrschten sogar den Stabtanz Jota aus Aragón. Und wer sich viel bewegt, der hat großen Hunger und schläft gut. So waren die Schafe bald viel kräftiger als die Tiere der Nachbarn.

Eines Tages kam der Herr des Jungen um zu schauen, was sein Hirte dort auf der Weide trieb. Doch als er die Musik des Dudelsacks vernahm, vergaß er alles um sich herum und seine Beine begannen zu tanzen. So tanzte er mit seinen Schafen in den Abend hinein.

Als er nach Hause kam, fragte die Bäuerin, wo er gewesen sei und er antwortete: „He bailado. Ich habe getanzt.“ Natürlich glaubte ihm die Frau kein Wort und so ging sie selbst zur Wiese, um nach dem Rechten zu sehen. Doch schon krochen die Töne der Gaita in ihre Ohren und sofort schwang sie die Hüften zum Bolero. Doch statt sich zu freuen über Musik und Tanz, entließ sie den Jungen. Und die Schafe traten in den Hungerstreik und magerten ab. Selbst schuld, die humorlose Bäuerin!

Bild von einem Apfel, der zu einer Ratte wird
Wehe, wer eine alte Frau veräppelt, Bild Julia Schulz

Von Vögeln, Äpfeln und Ratten

Was blieb dem Jungen anderes übrig, als nach Hause zu gehen und seinem Vater die Kündigung zu beichten? Die Brüder lachten ihn natürlich aus. Und der Vater sagte: „Este muchacho no sirve pa nada. Dieser Junge taugt zu nichts!“. Obwohl der Jüngste ein herzensguter Mensch war: Ein wenig Schadenfreude verspürte er dennoch, als der Vater am nächsten Morgen entschied, dass nun ein anderer Bruder arbeiten musste.

Motzig zog der Älteste mit einem Korb voller Äpfel zum Markt. Auf dem Weg traf er die alte Frau und sie fragte, was er da in seinem Korb habe. Er konterte: „Vendo ratas.- Ich verkaufe Ratten.“ Und die Alte antwortete: „Zu Ratten sollen sie Dir werden!“. Als der Sohn im Dorf den Korb öffnete, schossen nackte Rattenschwänze aus dem Obst und nach und nach wurden alle Äpfel zu Nagern und rannten durch das Dorf, dass die Frauen hysterisch schrien.

Am nächsten Tag ging der mittlere Bruder los. Und auch er traf die alte Frau. Als sie freundlich fragte, was er vorhabe zu verkaufen, antwortete er patzig: „Pajaros. Ich verkaufe Vögel.“ Nun, ihr könnt Euch sicher denken, was geschah, als er den Korb mit den Apfelsinen auf dem Marktplatz öffnete? Richtig! Hunderte von Vögeln flogen empor und verschwanden als Schwarm im Himmel. Der Vater war fassungslos, als auch der Zweite ohne Einnahmen nach Hause kam.

Ende gut, alles gut

Der Jüngste konnte keinen Menschen leiden sehen, also sagte er zu seinem Vater: „Lass es mich versuchen. Schicke mich zum Markt!“. Der Vater seufzte, aber was blieb ihm anderes übrig?

Am nächsten Tag machte sich der Junge also auf den Weg. Unterwegs traf er die alte Frau und als sie fragte, was er in seinem Korb habe, antwortete er wahrheitsgemäß: „Vendo uvas. Ich verkaufe Trauben.“ Und er fragte die Alte, die ja ganz zerlumpte Kleidung trug, ob er ihr ein paar schenken dürfe. Sie antwortete: „No, gracias. – Nein, Danke! Aber viele Trauben sollst Du verkaufen.“

Und so kam es, dass der Junge am Abend mit Säcken und Körben voll Geld nach Hause lief. Denn alle Menschen hatten Trauben kaufen wollen und der Korb wurde und wurde davon nicht leer.

Als der Junge zu Hause ankam, lachten seine Brüder schon und sein Vater sagte: „Sicher wieder ein Reinfall. El bufón! Dieser Narr!“. Doch anstatt sich zu ärgern, spielte der Junge seinen Dudelsack und da erhoben sich die Taler und Geldscheine aus den Körben und hüpften zu seiner Musik durch die laue spanische Abendluft. Die Brüder und der Vater feierten den erworbenen Reichtum und tanzten die ganze Nacht hindurch.

Ob sie das nun wollten oder auch nicht …

Carlos Nuñez
Carlos Nuñez in der Kölner Kulturkirche
Susana Seivane
Susana Seivane im galicischen TV, Fotos tb

Zum Hintergrund des Märchens

Seit jeher dient der Tanz der Kommunikation. So auch in Spanien, dem Land des Flamencos. Der feurige Tanz geht auf die Musik der Zigeuner zurück, die sich im Barockzeitalter auf der Iberischen Halbinsel niederließen. Der Flamenco breitete sich zunächst in Andalusien aus und vertrieb während der Diktatur Francos die regionalen Tänze vom Parkett. Heute heißt es zum Glück wieder: Bühne frei für spanische Tradition! Die Top-Stars der derzeitigen Gaita-Szene sind ganz unabhängig von diesem Märchen die galicischen Künster Susana Seivane und Carlos Nuñez. An den „Escuelas de Gaitas“, den Musikschulen Nordwestspaniens, sind zehntausende Sackpfeifenschüler registriert.

Muñeira, verbreitet vor allem in Galicien, wird traditionell zu Dudelsackmusik getanzt. Jota Aragonesa kommt, wie der Name schon sagt, aus Aragón in Nordspanien. Schnelle Schrittfolgen, erhobene Hände und das klackern der Kastagnetten gehören dazu. Und Bolero ist einer der ältesten spanischen Tänze und führt bei Laien garantiert zum Schwindel. Auch beim Stierkampf ist die Musik beliebt.

In Indien, wo der Dudelsack vermutlich seine geschichtlichen Wurzeln hat, heißt das Instrument übrigens „Nagabaddha“. Aus Schottland stammt es jedenfalls nicht.

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