Sie oder Du? Was sagen die Spanier?

Wenn ich in Spanien bin und etwas Spanisch kann: Wie spreche ich die Marktfrau an, den Arzt, die Polizistin? Per Sie oder Du? Ist das eine Frage des Respekts wie bei uns? Oder gibt es klare Regeln? Wir lösen das hier mal auf.

Von Tobias Büscher

An die Szene erinnern sich Spanier bis heute. Im Parlament knöpft sich der Sozialist Alfredo Pérez Rubalcaba seinen politischen Gegner Gil Lázaro vor. Er nutzt wie üblich das Sie und zitiert plötzlich einen Song der Sängerin Amaral: Sin tí no so soy nada, ohne Dich bin ich nichts.

Ähnlich berühmt ist die Szene, in der sich der Sozialist Patxi López den damaligen Gegner Pablo Iglesias der Linkspartei Podemos vorknöpft. Wörtlich: „Deine Redezeit ist vorbei, Señor Iglesias“. Dessen Antwort: „Lieber Patxi, ich wusste gar nicht, dass wir uns Duzen, aber das können wir gerne machen.“

Den König sprechen alle mit Sie an, außer Antimonarchisten

Dass sich Spaniens Politiker nur bei öffentlichen Auftritten per Sie anreden, ist ein offenes Geheimnis. Was Ausländern in Spanien aber schnell auffällt: So ziemlich überall ist das Du üblich. Beim Arzt, beim Einkaufen, in der Werbung grundsätzlich sowieso.

Wer auf der Nationalstraße bei zu schneller Fahrt von einem Guardia Civil angehalten wird, fragt: Sag mal, hab ich was falsch gemacht? Der Beamte wird das nicht respektlos finden, ganz im Gegenteil. Das Sie wäre befremdlich.

Andererseits. Studenten sagen Sie zum Professor, Gläubig zum Bischof und alle zum König, außer natürlich die engere Familie. Und katalanische Hardliner.

Zur Sprache an sich: Sie heißt Usted, plural Ustedes, Du heißt Tú.

Beispiele für das Sie

Sagen Sie mal: Diga Usted

Bei mehreren Personen: Digan Ustedes

Beispiele für das Du

Du bist wirklich authentisch: Tú sí eres auténtico

Wobei das usted und das tú oft gar nicht mitgesprochen wird, weil es im Verb schon vorkommt

Wissen Sie die Urzeit: Tiene la hora

Weißt Du, wo der Busbahnhof ist: Sabes, dónde está la estación de autobuses.

Gibt es regionale Unterschiede bei Sie und Du?

Nein, gibt es nicht. Obwohl es sogar vier Sprachen im Land gibt: Kastilisch als Hauptsprache, Baskisch, Katalanisch und Galicisch. Die kulturellen Unterschiede der Basken und Andalusier beispielsweise sind so krass, dass daraus die erfolgreichste Filmkomödie entstanden ist: 8 Namen für die Liebe.

Dabei geht es um einen Sevillaner, der sich in eine Baskin verliebt. Der spätere Schwiegervater hat ihm im Film nicht das Du angeboten. Wie in der Realität duzt man sich sowieso.

Du bis ins hohe Alter

Und ich selbst hab mich schon deshalb in Spanien verliebt. Denn ich gehöre inzwischen zu der Generation von Männern, die von Jüngeren Gesiezt werden und deshalb wissen: Wau, ich bin alt geworden. In Spanien macht das kein Mensch. Da duzen mich alle: Schönstes Beispiel war ein Interview im Februar 2020 mit der Schauspielerin Benedicta Sánchez.

Als Frau mit über 80 Jahren hat sie für ihre erste Filmrolle in O Que Arde den Preis als weibliche Neuentdeckung des spanischen Films bekommen. Und mir gleich am Anfang unseres Gesprächs gesagt: Mein Junge, Du könntest mein Sohn sein, wegen meiner Augen und meiner Haarfarbe halten mich alle für eine Deutsche  ...

Buchtipp

Benedicta Sánchez ist auch Thema in diesem Buch von mir aus ihrer Heimatregion Galicien. Müsst ihr nicht kaufen, falls zu teuer, gibts auch in der Stadtbibliothek: