Die Regeln des Stierkampfs

Der Stierkampf hat ganz konkrete Regeln. Er ist dabei trotzdem ein Drama voller Emotionen, tänzerischen Bewegungen und wuchtigem Ansturm, Erfolg und Leid, Enttäuschung und Euphorie, Blut und Tod.

Der Stierkampf ist auch ein buntes Drum­herum aus schmetternden Märschen, kostbaren Kostümen, geschmückten Pferden, plötzlich einsetzender Pasodoble-Musik, jauchzenden Stimmen, fliegenden Rosen und grellen Pfiffen, bis schließlich der tote Stier von Pferden durch den Sand nach draußen geschleift wird. Seine Blutspur fegt man mit dem Rechen weg, um den Platz für den nächsten Kampf vorzubereiten. Wer als Torero zu Ruhm und Popularität gelangen will, muss dem kritischen Publikum und den Journalisten hier sein Können beweisen, um gefeiert zu werden. Versagt er, bekommt der Torero erbarmungslos den Unmut der Zuschauer zu spüren. Es gibt ein schier unüberschaubares Vokabular für Körperhaltungen, Verhaltensweisen bis hin zu den zahlreichen Instrumenten. Be­schränken wir uns darauf, den Gang der Handlung in groben Zügen nachzuzeich­nen.

Aficionados, Blut und schwere Bullen

Zur Wahl stehen Novilladas mit Jungstieren sowie Corridas mit ausgewachsenen Bullen von 500 bis zu 700 kg. An einem Spätnachmittag treten beispielsweise in der legendären Arena Las Ventas in Madrid drei Toreros gegen je zwei für sie ausgeloste Stiere an. Die Auslosung wird um 12 Uhr vorgenommen. Von da an verweilen die Tiere bis zum Kampfantritt in getrennten, dunklen Boxen. Anders als auf dem Lande, besonders bei Dorffesten, treten die Tiere aus besten Züchtungen nur einmal im Leben zum Kampf an. Dies ist lebenswichtig für den Torero, denn nur ein kampfunerfahrener Stier sieht in der muleta (Stab mit rotem Tuch) seinen eigentlichen Aggressor, den er auf die Hörner zu nehmen versucht.

Zunächst ziehen die Toreros mit ihrem Ge­folge und allen anderen Teilnehmern – au­ßer den Stieren – durch die Arena. Das Ritual beginnt, wenn der Stier auf den Sandplatz stürmt und von capeadores mit einem großen Tuch, der capa, provoziert wird. Gleichzeitig prüft auch der Torero mit seinem Gefolge (peones) mit dem rotgelben Mantel Angriffslust und Kondition des Stieres. Dies ist die Vorstufe der drei Hauptteile des Kampfes.

Drei Akte bei der Corrida

Im ersten Akt (suerte de varas) reiten zwei Lanzenträger (picadores) zu Pferd in die Arena. Sie bohren dem Tier ihre Lanzenspitzen drei Zentimeter in den Nacken, um es zu schwächen und seine Kopfhaltung zu sen­ken. Letzteres ist für den Todesstoß im Fi­nale mit dem Degen des Toreros notwendig. Die Picadores werden vom Publikum nicht selten ausgepfiffen, wenn sie den Stier zu sehr schwächen. Gefährlich ist der erste Akt gerade auch für die Pferde. Trotz Polsterung ihrer Leiber besteht immer die Gefahr, dass der Bulle sei­ne Hörner in ihren Körper stößt.

Darauf schließt sich der zweite Akt (suerte de banderillas) an. Banderilleros rennen fron­­tal und ohne jeglichen Schutz auf den Stier zu, um ihm drei Paar banderillas in den Nackenmuskel zu setzen. Diese 75 cm langen Stäbe sind mit Widerhaken versehen und schwächen das Tier ein weiteres Mal. Dies darf kaum 5 Minuten dauern. Denn der Stier soll sich nicht an den menschlichen Körper gewöhnen, den er im zweiten Akt unmittelbar in Reichweite seiner Hörner hat.Im dritten Akt (suerte de matar, wörtlich: Glück zu töten) zeigt der Matador sein Kön­nen, wirft zunächst seine Kappe dem Volk oder dem Präsidenten zu und führt den Bul­len mit der Muleta – je waghalsiger und ge­schickter desto besser – nah an seinem schmalen Körper vorbei. Mit der Muleta zwingt er den Stier dann, seinen Kopf nach unten zu halten, um den an der Spitze leicht gebogenen Stoßdegen (estoque) zwischen die Schulterblätter zu stoßen. Dies ist der kritischste Moment. Trifft er den Stier beim ers­ten Stoß tödlich, so ist ihm frenetischer Applaus sicher. Doch oft genug gelingt dies nicht. Dann wird der Schlussakt zu einem blutigen Gemetzel und zur Abschlachterei, die das Publikum gar nicht billigt. Ein erfolgreicher Torero dagegen bekommt Trophäen des Stieres wie Ohren, Klauen oder die Schwanzquaste und wird vielleicht sogar zu dem aufgefordert, wovon jeder Torero träumt: zur Ehrenrunde in der Stierkampfarena.

Spanien, der Stier und ich