Pressebild von Puigdemont
Hat die Haare schön: Carles Puigdemont 2017 als Präsident Kataloniens, Pressebild von govern.cat

12.04.2018

Puigde...wer? Kataloniens umstrittener Held

In Deutschland war er einst ein politischer Niemand. Doch nach seiner Festnahme in Schleswig-Holstein wurde Carles Puigdemont über Nacht zu einem berühmten Staatsgast. Wenn auch ungebeten. Mit der richtigen Aussprache seines Namens hat man hier seine Schwierigkeiten. Auf Katalanisch bedeutet er „Bergspitze“. Aber wer spricht schon Katalanisch?

Von Katharina Lang

Kataloniens Separatistenführer polarisiert: Innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung rund um Barcelona gilt er als Held, auf europapolitischer Ebene als Nervensäge. Am Tag seiner Freilassung wird der Mann mit dem Pilzkopf in Berlin gefeiert wie ein Superstar. Manch ein Friseur würde gerne die Schere auf seine oft kommentierten Haare ansetzen. Nur wenige wissen: Die Frisur verdeckt alte Narben. Narben eines schweren Verkehrsunfalls, den Carles Puigdemont (*1962) mit knapp 21 Jahren überlebte. 

Der Parvenü vom Dorf

Als zweites von acht Kindern im kleinen katalanischen Bergdörfchen Amer geboren, entpuppt sich Puigdemont schon früh als ambitionierter Visionär: Im Kindesalter will der Sohn eines Konditormeisters Astronaut werden und zum Mond fliegen. Heute will er die Region Katalonien zu einem unabhängigen Staat machen. Den Hang zum Aktivismus entwickelt er bereits mit 18 Jahren bei einer politischen Kundgebung seines Onkels. Zunächst folgt eine journalistische Laufbahn bei diversen Regionalzeitungen. 1993 nimmt Puigdemont ein Sabbatjahr für eine Recherchereise zum Thema "staatenlose Nationen" durch Südosteuropa. Auf Grundlage dieser Recherchen veröffentlicht er ein Jahr später das Buch „Cata…qué? Catalunya vista per la premsa internacional“ (Kata…was? Katalonien aus Sicht der internationalen Presse). Er ist Mitbegründer der katalanischen Nachrichtenagentur und leitet ab 2004 die englischsprachige Zeitschrift Catalonia Today. Das Magazin zielt darauf ab, das Interesse an der Realität Kataloniens für Touristen und ausländische Bewohner zu steigern.

Zwei Frauen nachts in Barcelona vor einer Kneipe
Ruhiger Moment in stürmischen Zeiten: Barcelona bei Nacht, tb

Spaniens Dorn im Auge

Auf politischer Ebene avanciert der katalanische Journalist vom Abgeordneten zum Kommunalpolitiker und 2011 schließlich zum Bürgermeister Gironas. Fünf Jahre später wird Puigdemont Premier der Regierung Kataloniens und schließlich das Gesicht der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Nach dem Unabhängigkeitsreferendum 2017 wird der überzeugte Separatist abgesetzt und wegen Rebellion und Untreue angeklagt. Ursprünglich sollte die Katalonien-Frage eine Angelegenheit Spaniens bleiben und nicht auf europäischer Ebene diskutiert werden. Doch mit der Festnahme des katalanischen Ex-Premiers wird der Konflikt plötzlich zur europäischen Angelegenheit – und Puigdemont ein umstrittener Liebling der deutschen Medien. Als der Separatistenführer gegen Auflagen freikommt, wird er in Berlin jubelnd willkommen geheißen. Während Spanien weiterhin seine Auslieferung fordert, übt Puigdemont aus seiner Unterkunft in einer ehemaligen Zierfischhandlung Druck auf die spanische (und deutsche) Regierung aus.

Eine katalanisch-rumänische Liebesgeschichte

Jenseits der Politik zeigt sich das Leben des umstrittenen Puigdemont wie ein buntes Dalí-Gemälde: Der studierte Philologe spricht neben Katalanisch und Spanisch exzellentes Französisch, Englisch und Rumänisch. Seit 2000 ist er mit der rumänischen Journalistin Marcela Topor verheiratet. Mit 35 Jahren lernt er die 15 Jahre jüngere Anglistin auf einem Theater-Festival im katalanischen Girona kennen. Topor war dort Mitglied einer rumänischen Amateurtheatergruppe. Die ehemalige „First Lady“ Kataloniens schreibt heute ebenfalls für die Zeitschrift „Catalonia Today“ und ist Moderatorin des katalanischen Fernsehens. Topors Kindheit war geprägt vom kommunistischen Diktaturregime, das schwerwiegende Hungersnöte und eine Verelendung der Bevölkerung verursachte. Im Zuge seiner häufigen Reisen nach Rumänien hat sich Puigdemont sehr mit der Geschichte des Herkunftslandes seiner Frau vertraut gemacht und hält engen Kontakt zu der rumänischen Gemeinde in Girona. Gleichzeitig steht Topor ihrem Ehemann im katalanischen Unabhängigkeitskampf eng zur Seite.

Die beiden Töchter des Paares, Magali und Maria, wachsen dreisprachig auf, mit Katalanisch, Spanisch und Rumänisch. Neben seinem Talent für Sprache hat der katalanische Politiker auch eine musikalische Ader: Als Fan der Rockmusik spielte er viele Jahre als Bassist in einer Band. Die politische Entmachtung und seine Anklage schwärzten sein sonst so farbenfrohes Leben. Aber der katalanische Ex-Premier ist bekannt für seinen Humor. Seine Familie, Anhänger und Feinde können sich sicher sein: Das Lachen wird ihm nicht vergehen.


Katharina Lang

Die Autorin

Katharina Lang, 1987 im Rheinland geboren, studierte Afrikanistik, Linguistik und Interkulturelle Kommunikation und Bildung in Köln. Als wissensdurstige Texterin und Online-Redakteurin mariniert sie sich gerne in neuen Themen.








Buchtipp: Der Bestseller aus Spanien über den Untergang Barcelonas von Kultautor Albert Sánchez Piñol, erschienen auf Deutsch bei Fischer:

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