Pepe, komm nach Deutschland: Gastarbeiter 2.0

Gute 50 Jahre nach Ankunft des ersten Gastarbeiters haben wir ein Déjà–vu! Sie sind wieder da und helfen als Fachkräfte den deutschen Firmen aus der Patsche. Clevere Unternehmen wie Krupp greifen gerne auch auf dem spanischen Arbeitsmarkt die Filetstücke ab. Sind wir nun bei Gastarbeiter 2.0? Die Antwort lautet: Ja.

Ein Kommentar von Claudia KummerGerne verlegen wir unsere Produktion ins Ausland. Immer deutlicher spüren wir aber auch den Mangel an Menschen, die den Wirtschaftsmotor mit Können und Energie antreiben. Wenn Made in Germany noch ein Qualitätsmerkmal sein soll, brauchen wir Fachkräfte, und zwar hier in Deutschland. Aber woher nehmen?

Aus der Not eine Tugend gemacht

ThyssenKrupp (TK) hat aus einer Not eine Tugend gemacht. Sein Standort in Sagunto in Spanien verlor immer mehr an Attraktivität – weil der Markt immer stärker wegbrach, nicht weil die Mitarbeiter inkompetent waren. Das Werk schloss schließlich vor gut sechs Monaten das Werkstor komplett, trotz Protesten und Streiks der Mitarbeiter. Für die 165 Beschäftigten war die Zusammenarbeit aber nicht zwingend zu Ende. Denn TK wandelte die anfänglich heikle Situation in ein Projekt mit WinWin-Ausgang: 60 der ursprünglich 165 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus dem Werk in Sagunto arbeiten nun in Duisburg.

TK lädt ein, und 60 Spanier nehmen das Angebot an

Allen Angestellten, die nicht in den Vorruhestand gehen wollten, hatte TK eine neue Zukunft in Deutschland angeboten. 135 Männer und Frauen setzten sich in den Flieger und kamen zur Visite nach Duisburg. 60 von ihnen nahmen das Angebot an und ergriffen ihre Chance. Die Arbeitslosenzahlen in Spanien sind beängstigend. Besonders schlecht sieht es bei den Jugendlichen aus: jeder zweite ist ohne Job. Auch wenn Spanien nicht mehr am Tropf der europäischen Finanzhilfen hängt, der Weg zu einer einstelligen Arbeitslosenzahl ist noch sehr weit. Und trotzdem, so einfach in ein fremdes Land zu gehen, dazu gehört auch Mut.

Pepe diesmal mit unbefristetem Vertrag

Das Angebot von TK ist dabei durchaus überzeugend: unbefristeter Arbeitsvertrag, intensive Deutschkurse, ein Jahr Mietübernahme und sogar die restliche Familie ist willkommen. Aber harte Fakten alleine überzeugen nicht. TK hat aus den Fehlern gelernt, die bei der ersten Generation Gastarbeiter gemacht wurden. 1964 bekam der Millionste Gastarbeiter als Geschenk ein Moped. Integration fand nur halbherzig statt: Damals gab es Filme über die Gepflogenheiten und Lebensart der Deutschen wie "Pepe, komm nach Deutschland", natürlich auch Deutschkurse. Aber die Teilnahme wurde jedem selbst überlassen. Zuviel Integration war offenbar kaum jemandem wichtig. Bis auf Udo Jürgens („Griechischer Wein“) schien keinem aufgefallen zu sein, was diese Menschen auf sich nahmen, um ihre Familien zu ernähren. Deshalb gibt es diesmal zum vertraglichen und finanziellen Angebot zusätzlich einen Paten mit spanischen Wurzeln. Unkomplizierte menschliche Hilfe auf Spanisch. Generation Gastarbeiter 1.0 hilft Generation Gastarbeiter 2.0.

Hilfe für Spanier auch im Web

Aber nicht nur TK bietet Begleitung. Auch im World Wide Web gibt es Hilfe. Deutsch-Spanier haben für „Neuhinzugezogene“ die wichtigsten Infos auf der Homepage Destino und dem Blog für Spanier in Deutschland zusammengefasst. Sogar zum Kölner Karneval. Auch das ist Gastarbeiter 2.0.

Mitbürger? Claro que sí

Ein wesentlicher Grund für den Ruf nach Gastarbeitern in den 50ern war der Kräftemangel beim Bau. Es gab schlicht zu wenige Maurer. Damals waren es mehr ungelernte Kräfte, die dem Ruf folgten. Heute brauchen wir Fachkräfte. Und obwohl die Mauer fiel, ist unser Bedarf an qualifiziertem Personal ungedeckt. Nun laden wir wieder Spanier nach Deutschland ein. Gut ausgebildete Kräfte mit dem Willen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Setzen wir alles daran, sie zu integrieren! Ob es gelingt, bleibt abzuwarten. Einen Versuch ist es wert. iClaro que sí!

Die Autorin 

Claudia Kummer, Diplom-Übersetzerin für Englisch und Spanisch, liebt nicht nur das gesprochene und geschriebene Wort. Auch technische Zusammenhänge haben es ihr angetan. In ihrer Freizeit nutzt sie ihre Laufschuhe ab, löst Sudokus oder fährt Rennrad.