Pedro, das schöne Stehaufmännchen

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez im Porträt

Kein Wunder, dass Pedro Sánchez bei Freund und Feind den Spitznamen „Pedro der Schöne“ innehat. Mit seiner sportlichen Erscheinung, den gutsitzenden Anzügen und immer einem smarten Lächeln im Gesicht wirkt der spanische Ministerpräsident wie der jüngere Bruder von George Clooney. Dabei ist er alles andere als ein Macho alter Schule: Sánchez verkörpert einen modernen, pragmatischen Politikertypus, der Gegensätze integriert und sich glaubhaft für die Stärkung der Frauenrechte einsetzt.

Ein Porträt von Lars Germann

Schöne Menschen gelten oft als etwas oberflächlich. Nicht ganz zu Unrecht: Wissenschaftliche Studien belegen, dass Menschen, die als attraktiv gelten, vieles leichter haben im Leben.

Wenn sie noch dazu aus bürgerlichem Hause kommen, eine gute Bildung genossen haben und von Schicksalsschlägen verschont bleiben, sind die Weichen für eine Bilderbuchkarriere gestellt, heißt es. Und wer Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez heute auf der politischen Weltbühne erlebt, könnte sich bestätigt sehen. 

Vielleicht ist das Erfolgsgeheimnis des Spaniers, dass er so gut wie nichts geschenkt bekam. Zumindest, was seine politische Karriere betrifft. Denn seit der promovierte Ökonom sich um politische Ämter bewarb, also etwa seit Anfang des Jahrtausends, sammelte er Misserfolge am laufenden Band.

Dass Sánchez heute spanischer Ministerpräsident ist, verdankt er einer Stehaufmännchen-Mentalität, die nicht nur in Spanien ihresgleichen sucht. Und seiner Bereitschaft, veraltete Dogmen über Bord zu werfen, wenn sie nur noch als Ballast erscheinen. 
 

Holpriger Start in die Politik

Zur Welt kommt Pedro Sánchez Pérez Castejón am 29. Februar 1972 in Madrid. Der Vater ist zeitweise hoher Beamter im Landwirtschaftsministerium und später Unternehmer, die Mutter als Juristin ebenfalls im öffentlichen Dienst tätig.

Im Gymnasium im Stadtteil Tetuán lernt er die spätere Königin Letitia kennen. Beste Voraussetzungen also für besagte Bilderbuchkarriere, die Sánchez dann auch liefert: In den Neunzigerjahren studiert er Wirtschaft in Madrid, macht 1998 seinen Master in Politischer Ökonomie in Brüssel und promoviert schließlich 2012 über Wirtschaftsdiplomatie an der Universität Camilo José Cela, an der er da schon lange als Dozent tätig ist.

Er heiratet die Baskin Maria Begoña Gómez Fernández (*1975), mit der er zwei Kinder bekommt. Doch Sánchez will mehr. Es zieht ihn in die Politik. Vom Elternhaus sozialistisch geprägt, tritt er bereits mit 21 in die Partido Socialista Obrero Español (PSOE) ein.

Bei der Kommunalwahl 2003 tritt er erstmals für die PSOE in Madrid an – auf einem der hintersten Listenplätze. Als Nachrücker schafft er es schließlich 2004 in den Stadtrat. Bei der Wahl zum spanischen Abgeordnetenhaus geht er leer aus, bekommt aber 2009 wiederum eine zweite Chance.

Ein kurzes Intermezzo, das nur bis zur Wahl 2011 währt. Als er 2013 schon wieder als Nachrücker ins Parlament einzieht, hat ihn der Ehrgeiz gepackt: Der bisherige Hinterbänkler und notorische Lückenfüller nutzt eine Wechselstimmung innerhalb der PSOE und gewinnt 2014 überraschend die Wahl zum Generalsekretär.

Per Misstrauensvotum an die Macht

Auch wenn Sánchez bereits 2015 für die Sozialdemokraten als Spitzenkandidat für die Parlamentswahl antritt, beginnt hier kein Spaziergang. Die Sozialisten unterliegen der konservativen Partido Popular (PP) und als sich Sánchez beharrlich weigert, mit der PP in eine große Koalition zu gehen, kommt es 2016 zum Putsch innerhalb der PSOE:

Die Parteigranden missbilligen Sánchez‘ Weg und drängen ihn zum Rücktritt als Generalsekretär, den er im Herbst 2016 vollzieht. Und wieder steht Sánchez auf: Bei den Neuwahlen im Frühjahr 2017 macht ihn die Basis erneut zum Parteichef.

2018 gelingt Pedro Sánchez dann, was manche einen Geniestreich nennen: Mithilfe des ersten Misstrauensvotums in der jüngeren spanischen Geschichte stürzt er den unter Korruptionsverdacht stehenden Ministerpräsident Mariano Rajoy und wird im Juni dessen Nachfolger.

Und wieder währt der Triumpf nur kurz: Bei den Neuwahlen erhält die PSOE nur 84 von 350 Sitzen und muss sich von Linkspopulisten und Regionalparteien dulden lassen, die Sánchez das Leben schwer machen.

Seinen Haushalt lassen sie durchfallen und machen 2019 noch zwei weitere Neuwahlen notwendig. Erst im Januar 2020 gelingt es Pedro Sánchez, mit den Linkspopulisten Unidos Podemos eine Minderheitsregierung auf die Beine zu stellen, die mit Unterstützung verschiedener Regionalparteien halbwegs arbeitsfähig ist.

Anti-Dogmatismus als Regierungsprogramm

Die schwache Basis im Parlament bewirkt, dass Pedro Sánchez sich für jedes politische Projekt Mehrheiten beschaffen muss. Die Dogmen, die die PSOE unter seinen sozialistischen Vorgängern Felipe González und José Zapatero noch einigermaßen hochhalten konnte, muss Sánchez nun nach und nach räumen. Was ihm anscheinend nicht allzu schwer fällt.

Schon während der innerparteilichen Machtkämpfe war er bei den „Baronen“ der PSOE mit progressiven Ansichten angeeckt.  
In der Frühphase der Corona-Pandemie reagiert Spanien mit einer der konsequentesten Ausgangssperren weltweit, was Sánchez Kritik von fast allen Seiten einbringt.

Er legt sich mit den Regionalregierungen an, weil er eine zentralistische Corona-Politik durchsetzt. Mit den katalanischen „Independistas“ bewegt sich der Regierungschef ohnehin auf dünnem Eis, weil er einerseits auf ihre Unterstützung angewiesen ist, andererseits jede Unabhängigkeitsbestrebung als „Verbrechen der Rebellion“ geißelt.

Als zahlreiche katalanische Separatisten ausspioniert werden, gerät Sánchez - möglicherweise nicht zu Unrecht - in Verdacht, die Abhöraktion angeordnet zu haben. 

Sánchez eckt erfolgreich reihum an

Was auch immer Sánchez tut und vertritt, mit jedem Schritt polarisiert er: Als Dutzende Flüchtlinge an der Grenze zur spanischen Exklave Melilla sterben, lobt er „die außergewöhnliche Arbeit der Sicherheitskräfte“, statt Mitgefühl für die Opfer auszudrücken.

Dem strategisch wichtigen Partner Marokko lässt er im West-Sahara-Konflikt freie Hand, was wiederum die Linken gegen ihn aufbringt.

Als die andalusische Regionalregierung plant, die Vermögenssteuer abzuschaffen, um für Investoren attraktiver zu werden, will Sánchez eine „Sondersteuer auf große Vermögen“ einführen und schockiert damit die Konservativen.

Auch die drastischen Energiesparmaßnahmen, die er im Sommer 2022 durchsetzt, ecken vielerorts an. 

Klare Kante zeigt Pedro Sánchez in der Frauenpolitik: Das Ziel sei eine „Gesellschaft mit Gleichheit, Gerechtigkeit und ohne Macho-Gewalt“, äußert er kämpferisch.

Damit stützt er zentrale Forderungen des Koalitionspartners Podemos wie die kostenlose Abgabe von Menstruations-Artikeln. Auch die Abschaffung der Prostitution steht auf Sánchez‘ Agenda. 

Parallelen zu Angela Merkel

Dass eine Minderheitsregierung in derart unruhigen Zeiten so viele – auch polarisierende – Projekte durchsetzt, mag in Deutschland erstaunen. In Spanien wird es durchaus als das Verdienst des Ministerpräsidenten angesehen, der einen beispiellosen Pragmatismus kultiviert hat.

„Er ist kein Führer, von dem Autorität ausgeht und kein Träger eines weitreichenden politischen Projekts“, schreibt der berühmte Journalist Josef Ramoneda in El País, „aber er versteht es, die Lücken zu schließen, die sich in der Politik auftun.“

Wenn dem so ist, erinnert Pedro Sánchez´ Politikstil ein wenig an die „Politik des Machbaren“ einer deutschen Bundeskanzlerin, die der Spanier noch im Amt erleben konnte. 

Und genau wie die Union durch Angela Merkel erleben die spanischen Sozialisten spätestens seit Pedro Sánchez einen Kultur- und Wertewandel, bei dem manch verdientem Altmitglied schwindelig geworden sein dürfte.

Ob er damit mittelfristig durchkommt, bleibt abzuwarten. Aber sicher dürfte eines sein: Falls Sánchez fallen sollte, wird er wieder aufstehen

Der Autor

Lars Germann schrieb für die Aachener Nachrichten, die Kölnische Rundschau und stern TV, bevor er sich auf den Bereich Marketing/PR spezialisierte und mit seiner Ehefrau einen kleinen Verlag führte. Seit 2022 ist er wieder als Journalist aktiv, wobei er sich verstärkt mit Themen aus Politik, Gesellschaft und Psychologie auseinandersetzt.