Ritual im tiefsten Spanien: Bürgermeister José Crespo adelt Schauspielerin Cristina Castaño Gómez, tb

27.05.2019

Pepe, der Leitwolf aus Lalín

Seit rund 30 Jahren erliegen die Anwohner der Kleinstadt in Zentrum Galiciens seinem Charme. Doch José Crespo lockt sogar Minister aus Madrid und Filmemacher aus Miami nach Nordwestspanien. Mit Schweinefleisch zur Fiesta del Cocido de Lalín. Wir waren dabei und wussten noch nicht: Im Mai 2015 hat er hauchdünn die Mehrheit verloren und musste für eine Legislaturperiode in die Opposition. Am 26. 5.2019 hat er sich die absolute Mehrheit zurückgeholt und wird wohl bald der dienstälteste Bürgermeister Spaniens sein.

von Tobias Büscher

Die Szene ist unglaublich. Es ist Anfang Februar 2015. In dem Kaff Lalín südöstlich von Santiago de Compostela adelt der Bürgermeister die Schauspielerin Cristina Castaño Gómez. Mit einem länglichen silbernen Schöpflöffel bekommt sie den Ritterschlag und gehört nun zum Eliteclub des Orts mit gerade einmal 20.000 Einwohnern in Galicien. Im Hintergrund warten schon ein Herzchirurg aus Santiago, ein Latino-Regisseur aus Miami und Spaniens Ministerin für Agrar auf die hohen Weihen. Sie erhalten den schweren, dunklen Umhang mit Orden und sagen alle brav denselben Satz ins Mikrofon: "Hiermit schwöre ich, mindestens einmal im Jahr Cocido de Lalín zu essen." Das ist ein schwer verdauliches Gericht aus Schweinefleisch, Grünzeug und Kichererbsen. Blitzlichtgewitter.

Karte von Galicien
Karte mit Lage von Galicien, sb


Lokale Journalisten und Korrespondenten aus Italien, Dänemark, Russland und Deutschland sind da. Und dann stehen alle auf, während schwarzgekleidete Dudelsackspieler die Treppen des hochmodernen Baus herunterkommen und den Saal zum Beben bringen. Draußen wartet das Fußvolk, denn gleich beginnt der karnevaleske Umzug durch das Städtchen. Und vom Vip-Podest aus wird José Crespo zum Schrecken der anwesenden Elite spontan auf einen der Wagen springen. Tuchfühlung mit dem Volk. Er muss das machen. Es sind bald wieder Wahlen ...

35 Cocidos in einem Monat

José Crespo, Alberto Núñez Feijóo sowie Spaniens Agrarministerin und der Chef von Estrella Galicia, Foto Tobias Büscher
José Crespo (links) mit Spaniens Elite, tb

Szenenwechsel. Wir sitzen in einem Restaurant im Zentrum von Lalín. José Crespo (*1959) stellt sich den Fragen  der Medien, während der Koch in der Küche einen Schweinekopf aufbricht und das Fleisch herausholt. "Diesen Monat habe ich einen Rekord aufgestellt", sagt José: "35 Cocidos in 30 Tagen!". Mit seiner breiten Stirn und dem energischen Blick könnte er auch Wurstfabrikant sein. Doch José Crespo ist als Jungstar der konservativen Volkspartei (PP) in die Politik gegangen und hat dort erstaunliches erreicht. Am 3. Februar 1990 wurde er der jüngste Bürgermeister Galiciens. Er bekam 86 Prozent der Stimmen und regierte fortan mit absoluter Mehrheit. Auch das war Rekord.

Provinzpolitiker im Prachtbau

Seine Wähler sind Milchbauern, Käseproduzenten und Lastwagenfahrer. Es sind bodenständige Galicier: bedacht, zurückhaltend, traditionsbewusst. Genau wie Crespo. Wir sind hier nicht in Andalusien, sondern hoch oben im Norden. Dort wo Flamenco und Stierkampf kein Thema sind, wohl aber Wildpferde und Naturgeister.

Andererseits: José Crespo schuf seinen Amtssitz als einen zwölf Millionen Euro teuren Bauwerk mit dem Grundriss eines Keltendorfs. Gezeichnet haben es Schüler des weltberühmten Architekten Rafael Moneo. Auch lud der Bürgermeister zum Fest des Cocido im Februar regelmäßig Spaniens Kultkünstler in die Mehrzweckhalle. Darunter Maria del Monte, Rosario und die Sternchen der vergangenen Eurovision.

Einst hatten sie ihn in Madrid locken wollen, den Pepe aus Lalín. Doch der Galicier war vorsichtig: "In Madrid hätten mich die Stürme umgeworfen, hier kenne ich jeden Gegenwind mit Vornamen". Dabei weiß jeder in Spanien: Pepe ist um Längen charismatischer als Regierungschef Mariano Rajoy. Er ist das auf dem Land, was der Madrider Bürgermeister Enrique Tierno Galván einst für die Stadt war: Ein bescheidener Mann mit extremem Gestaltungswillen. Und er habe es leicht, sagt er. Es sei etwas anderes, Bürgermeister von großen Städten zu sein. Fakt ist: Während das Prestigeprojekt Kulturstadt Galiciens in Santiago de Compostela pleite ist, denkt José Crespo gerade darüber nach, in besseren Zeiten eine lebensgroße Kuh aus Bronze ins Zentrum zu stellen ...


Kuh im modernen Bürgermeisteramt von Lalín, tb
Papp-Kuh im modernen Bürgermeisteramt von Lalín, tb
Amt in Lalín, Galicien
Gebäude in Lalín, entworfen von Architekten aus Madrid, tb
Koch in Lalín
Koch Diego López bereitet Cocido zu, tb
Köchinnen in Lalín
Selfie mit drei Generationen

Strippen ziehen mit Rübstielen

José Crespo hat das kulinarische Volksfest Feira do Cocido en Lalín nicht erfunden, wohl aber zu einem echten Spektakel entwickelt. Und alle profitieren: Die Rübenbauern verkaufen ihre Grelos (Rübstiele/Stielmus) rund um das Fest wie sonst nie. Die Lehrerinnen trainieren ihre Kids für den Live-Auftritt im Fernsehen. Und die Läden der Stadt erleben jährlich einen Ansturm von bis zu 60 000 Gästen. Vor allem aber ist die Feria eine Kontaktbörse. Sein Cocido-Eliteclub trifft sich gerne im Hinterland. Es ist ja charmant dort, und der Pepe ein klasse Typ. So wunderbar ungefährlich.

Doch das stimmt nicht ganz. Vielmehr machen die Granden seine Show mit wie Marionetten des örtlichen Puppenmuseums. Seine Schritte sind minutiös vorbereitet. Die Bauern sollen sehen, wie er die Agrarministerin adelt. Denn sie haben Angst vor Billigmilch aus Polen. Der Banker sitzt beim Cocido-Gelage direkt neben dem Chef von Citroen in Vigo. Und auch die Medienvertreter bekommen sein Talent zu spüren. Während der Gala holt er plötzlich den deutschen Journalisten herüber zum Promi-Tisch und stellt ihn dem Chef der Biermarke Estrella de Galicia vor. Die haben sich sicher etwas zu sagen. Nicht auszudenken, was solche Schritte im Großen bedeuten. Und so ist die eigentliche Kunst Pepes wohl die: Menschen zusammenführen und Fäden spinnen. Seine Mittel sind Spektakel und höfisches Brauchtum, seine Dudelsackspieler vor dem Rathaus die Formation der Soldaten. Der Mann ist begabt, keine Frage.

Zentrum der Macht bei Kilometer 0

In Galiciens Hinterland bezirzt ein Mann die Menschen also mit einem Mix aus mittelalterlichen Ritualen und moderner Politik. Nicht auszudenken, wenn Pepe damals dem Ruf aus Madrid gefolgt wäre. So lebt er weiter zwischen Keltensiedlungen und Kuhweiden, verheiratet mit einer Bibliothekarin und beliebt bei allen. Nur die Oppositionellen des Bloque Nacionalista Galego und der Sozialisten von der PSOE waren all die Jahre bis Mai 2015 frustriert. Denn ihre Chancen schienen gleich Null.


A Propos Null. Lalín liegt genau im Zentrum von Galicien. Ein lokaler Geograph hat das ausgerechnet. An der entsprechenden Stelle auf Kilometer 0 steht ein Schwein. Aus Bronze. Und alle wissen: Das mit der Bronze-Kuh bekommt die Stadt auch noch hin ...


Liveauftritt der Kleinsten aus Lalín im TV
Liveauftritt der Kleinsten aus Lalín im TV, tb
Lucia Perez auf der Bühne
Spaniens Sängerin Lucía Perez in der Mehrzweckhalle
Karnevalsumzug in Lalín
Samba in Galiciens Hinterland
Crespo springt auf einen Wagen
Von der Vip-Tribüne auf den Karnevalswagen, tb

Weiterführende Links:


Spaniens Politik

Porträt von Artur Mas

Webseite von Lalín

Anmerkung der Redakion

2015 hat Crespo völlig überraschend die Mehrheit bei den Kommunalwahlen verloren. Rafael Cuíña (CxL) wurde vier Jahre lang mit einer Minderheitsregierung Bürgermeister. Crespos Partido Popular hat sich inzwischen wieder zum Bürgermeister wählen lassen.

Lalín ist als Kleinstadt vor allem wegen seiner zentralen Lage interessant und inzwischen Ausgangspunkt für unsere Recherchen für das DuMont-Buch Galicien & Jakobsweg. Es erscheint völlig überarbeitet im Jahr 2020 und ist bereits so der Bestseller dieser Redaktion.

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