Spanien: Aufenthaltsstatus für 500000 Menschen

Spanien wagt den mutigsten Schritt in der europäischen Migrationspolitik. Ab April 2026 können die Anträge für die Aufenthaltsgenehmigung gestellt werden. Das betrifft eine halbe Million Menschen, vor allem Latinos, die ohnehin schon im Land sind.

von Alexander Gresbek (Text und Grafik)

In Minneapolis frieren Demonstranten bei minus zehn Grad vor dem Hauptquartier der US-Einwanderungsbehörde ICE. Seit Wochen jagen dort schwer bewaffnete Bundesbeamte Menschen ohne Papiere durch Wohnviertel. Trumps Regierung kauft oder mietet ehemalige Lagerhallen als Massenhaftzentren. „We're coming for you", drohen seine Minister in jede Kamera. 3000 Menschen pro Tag werden festgenommen. Das Land, das sich als Leuchtturm der Freiheit versteht, führt Menschenjagden durch. Und was macht Spanien? Genau das Gegenteil.

Eine halbe Million Menschen raus aus dem Schatten

Am 27. Januar 2026 hat die spanische Regierung ein Dekret veerabschiedet, das rund 500.000 Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus legalisiert. Die Bedingungen sind pragmatisch: Wer vor dem Jahreswechsel mindestens fünf Monate in Spanien gelebt hat, nicht vorbestraft ist und das belegen kann (Meldebescheinigung; Mietvertrag oder Stromrechnung), bekommt eine einjährige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Ab April können Anträge gestellt werden. Kinder werden automatisch mit regularisiert.

"Suizidal? Spanien boomt"

Wer in Spanien lebt, kennt diese Menschen. Es ist die Frau, die morgens um sechs in den Hotels die Betten der Touristen bezieht. Der Mann, der auf den Feldern rund um Valencia Orangen erntet. Die kolumbianische Studentin, die nebenbei in der Bar kellnert. Sie alle waren bisher unsichtbar für das System – aber sichtbar für jeden, der hinschaut. Sie zahlten Miete, schickten ihre Kinder in spanische Schulen, kauften im Mercadona ein. Nur eben ohne Papiere, ohne Rechte, ohne Schutz.

Neun Tage nach dem Dekret legte Premierminister Pedro Sánchez nach. In einem Gastbeitrag für die New York Times schrieb er: „Manche Führer haben sich entschieden, diese Menschen zu verfolgen und abzuschieben, durch Operationen, die ebenso illegal wie grausam sind. Meine Regierung hat einen anderen Weg gewählt."

Und dann der Satz, der international einschlug: „MAGA-style leaders mögen sagen, das sei suizidal. Aber lassen Sie sich nicht täuschen. Spanien boomt."

Europas nervöser Blick nach Madrid

Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Elon Musk nannte Sánchez einen „faschistischen Totalitären" und einen „Verräter am spanischen Volk". Sánchez konterte mit einem Einzeiler, der viral ging: „Mars can wait. Humanity can't."

Spaniens Rechtspopulist Abascal warnte vor einer „Invasion", die konservative PP sprach von einer „Belohnung für Illegalität". Doch die interessantere Frage ist nicht, was Populisten dazu sagen – die Antwort ist vorhersehbar. Die interessantere Frage ist: Warum traut sich das gerade kein anderes europäisches Land?

In Deutschland hat die Regierung unter Kanzler Merz das Thema Migration zur Chefsache erklärt – allerdings in die entgegengesetzte Richtung. Im Wahlkampf nahm Merz bewusst die Zustimmung der AfD zu seinen Migrationsanträgen in Kauf und brach damit ein Tabu, das die demokratische Mitte jahrelang zusammengehalten hatte.

Amnesty International stellte fest, dass die Migrationsprogramme von CDU und AfD in neun von vierzehn Punkten nahezu identisch sind. Merz sprach von Menschen mit Migrationsgeschichte als „Problem im Stadtbild" und forderte, dass sich dieses Stadtbild „wieder verändern" müsse.

Paradoxe Politik hilft nicht

Die Strategie dahinter: der AfD das Wasser abgraben, indem man ihre Positionen übernimmt. Das Ergebnis: Die AfD feierte es als ihren Erfolg. „Dieser Antrag ist von der AfD abgeschrieben", triumphierte Parteichefin Weidel im Fernsehen.

Politikwissenschaftler sprechen von einem klassischen Paradox – wer rechtsextreme Positionen kopiert, um Rechtsextreme zu schwächen, legitimiert am Ende deren Agenda.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung urteilt noch härter: Die Migrationspolitik unter Merz orientiere sich an Trump, höhle die Demokratie aus und richte „erheblichen wirtschaftlichen Schaden" an. Hunderttausende gingen auf die Straße – nicht nur gegen die AfD, sondern erstmals auch gegen die CDU.

Spaniens Migrationspolitik ist kein nächstes „Wir schaffen das"

Der naheliegende Vergleich mit Merkels „Wir schaffen das" greift zu kurz. Der Unterschied ist fundamental und wird in der aufgeregten Debatte fast immer übersehen.

Deutschland öffnete 2015 aktiv seine Grenzen für einen neuen, massiven Zustrom: 1,2 Millionen Asylsuchende in zwei Jahren, überwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Menschen, die bei null anfingen – ohne Sprachkenntnisse, ohne Wohnung, ohne soziale Netze. Spanien hingegen legalisiert Menschen, die längst da sind. Die arbeiten, Miete zahlen, deren Kinder die Nationalhymne mitsingen.

Noch entscheidender ist der kulturelle Faktor, über den viele ungern sprechen. Deutschlands Flüchtlinge von 2015 kamen überwiegend aus arabischsprachigen, muslimisch geprägten Gesellschaften mit sehr unterschiedlichen Rechts- und Geschlechternormen. Die Folgen prägten ein Jahrzehnt: die Kölner Silvesternacht, der Berliner Weihnachtsmarktanschlag, der Aufstieg der AfD von 3 auf über 20 Prozent.

90 Prozent Lateinamerikaner

Spaniens irreguläre Migranten dagegen sind zu über 90 Prozent Lateinamerikaner. Sie sprechen Spanisch, sind überwiegend katholisch, teilen eine jahrhundertealte Kulturgeschichte. Nach nur zwei Jahren legalem Aufenthalt können sie die spanische Staatsbürgerschaft beantragen – für andere Nationalitäten dauert das zehn Jahre. Spanien hat in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als sechs Millionen Einwanderer integriert, ohne dass eine nennenswerte xenophobe Bewegung entstanden wäre. Das ändert sich gerade – Vox gewinnt an Boden –, aber der Ausgangspunkt ist ein völlig anderer als in Deutschland.

Das soll Integration nicht verharmlosen. Ein Drittel der lateinamerikanischen Jugendlichen verlässt die Schule ohne Abschluss – doppelt so viele wie einheimische Spanier. Und wer aus Marokko kommt, steht vor deutlich höheren Hürden. Aber im Vergleich zu den Herausforderungen, die Deutschland 2015 unterschätzt hat, startet Spanien mit einem enormen Strukturvorteil.

Was es bedeutet, unsichtbar zu sein

Hinter den Zahlen stehen Menschen, deren Alltag schwer vorstellbar ist. Irreguläre Migranten in der spanischen Landwirtschaft verdienen teilweise drei bis fünf Euro pro Stunde – ein Drittel des gesetzlichen Mindestlohns. Auf andalusischen Feldern schlafen zwanzig Menschen in einer Wohnung, arbeiten zehn Stunden für 37 Euro am Tag. Kolumbianische Pflegekräfte berichten von 15-Stunden-Schichten für 1.000 Euro im Monat – ohne Vertrag, ohne Urlaub, ohne irgendein Recht auf irgendetwas. Im vergangenen Jahr identifizierten die Behörden knapp 1.800 Opfer von Menschenhandel und Arbeitsausbeutung. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher.

Theoretisch garantiert Spanien auch Menschen ohne Papiere seit 2018 den Zugang zum Gesundheitssystem. Praktisch gehen viele nicht zum Arzt, weil sie Angst haben, aufzufliegen. Kinder, die in Spanien geboren werden, bekommen nicht automatisch die Staatsangehörigkeit – ihre Eltern müssen erst nachweisen, dass das Herkunftsland die Staatsbürgerschaft verweigert. Ein bürokratischer Albtraum für Menschen, die nicht einmal eine gültige Meldeadresse vorweisen können.

Die Migrationspolitik Spaniens unter Sánchez versucht, genau diesen Kreislauf zu durchbrechen. Nicht durch offene Grenzen, sondern durch die Legalisierung einer Realität, die längst Alltag ist.

Die Rechnung hinter dem Idealismus

Spaniens Entscheidung ist allerdings weniger idealistisch, als sie klingt. Die Demografie lässt kaum eine andere Wahl. Mit einer Geburtenrate von 1,12 Kindern pro Frau – die zweitniedrigste der EU – verzeichnet das Land seit acht Jahren mehr Todesfälle als Geburten. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung von 50 auf unter 30 Millionen schrumpfen. Schon heute werden fast die Hälfte aller neuen Arbeitsplätze von ausländischen Arbeitnehmern besetzt.

Gleichzeitig boomt die Wirtschaft: 3,2 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr, viermal so viel wie der EU-Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote fiel erstmals seit 17 Jahren unter zehn Prozent. In Gastronomie, Bau, Landwirtschaft und Pflege bleiben über 150.000 Stellen unbesetzt. Die Regularisierung soll zwischen einer und zweieinhalb Milliarden Euro jährlich an zusätzlichen Sozialversicherungsbeiträgen in die Kassen spülen.

Die Logik der Legalisierung

Wer in Spanien lebt, weiß aber auch: Die Wohnungskrise ist real. In Madrid und Barcelona verschlingen Mieten drei Viertel des Durchschnittsgehalts. Es fehlen hunderttausende Wohnungen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 23 Prozent. Und das spanische Wirtschaftswunder basiert nicht auf Innovation, sondern auf mehr Arbeitskräften – die Produktivität pro Stunde stagniert seit Jahren.

Die ehrliche Frage lautet also nicht, ob Spanien diese Menschen legalisieren sollte – sie sind ja bereits da, sie arbeiten bereits, sie konsumieren bereits. Die Frage ist, ob die Infrastruktur mitzieht: Wohnungen, Schulplätze, Gesundheitsversorgung. Ohne flankierende Reformen wird aus der pragmatischen Lösung eine periodische Symptombehandlung, die alle paar Jahre wiederholt werden muss. Es ist übrigens bereits die achte Massenlegalisierung in Spaniens Geschichte – auch konservative Regierungen haben das in der Vergangenheit getan.

Was das für uns bedeutet, die wir Spanien lieben

Wer als Deutscher in Spanien lebt – ob als Resident, Überwinterer oder Langzeiturlauber –, ist selbst Teil einer Migrationsgeschichte. Die deutsche Community an der Costa Blanca, auf den Kanaren und den Balearen existiert, weil Spanien ein offenes, gastfreundliches Land ist. Viele von uns kennen den Unterschied zwischen dem Papierkram einer NIE-Beantragung und dem, was Menschen ohne jeden legalen Status durchmachen. Und viele kennen auch die Frau, die sich um den pflegebedürftigen Nachbarn kümmert – ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung, in ständiger Angst.

Der dritte Weg

Die aktuelle Migrationspolitik Spaniens steht im Zentrum einer globalen Debatte. Zwischen Trumps Menschenjagden und Europas zunehmendem Rechtsruck wählt Madrid einen dritten Weg: nicht offene Grenzen, nicht Festung Europa, sondern die pragmatische Anerkennung einer Realität, die längst existiert.

Ob das funktioniert, wird sich zeigen. Die Risiken sind real – Sogwirkung für neue irreguläre Migration, überlastete Infrastruktur, ein Wirtschaftsmodell, das auf billige Arbeitskraft statt Produktivität setzt. Aber die Alternative – eine halbe Million Menschen dauerhaft in der Illegalität zu belassen, ausgebeutet und ohne Rechte – ist auch keine Lösung. Fragen Sie die Bewohner von Minneapolis, was die andere Option bedeutet.

Spanien war schon immer ein Land, das seine eigenen Regeln macht. Manchmal zum Kopfschütteln, manchmal zum Staunen. Diesmal vielleicht beides.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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