Andorra: Ein Zwergstaat und seine kuriose Geschichte

Warum sich einst französische Grafen und spanische Kleriker um den Zwergenstaat Andorra stritten, Karl der Große angeblich der Gründungsvater ist und Max Frisch ein Theaterstück über Fremdenfeindlichkeit ausgerechnet Andorra nannte. Die Geschichte Andorras ist spannender als man so denkt ...

von Tobias Büscher

Wer in Andorra einen Brief einwirft, hat die Wahl zwischen spanischen und französischen Briefkästen: die einen sind kastenförmig und gelb, die anderen rund und orange. Sie stehen nebeneinander und symbolisieren den Dualismus, den der 453 km2 große Zwergstaat (etwa 50 km2 größer als die Hansestadt Bremen) über Jahrhunderte prägte: Spanische Bischöfe und französische Grafen teilten sich die Staatsgewalt über die kleine Bergregion.

 

Karl und die Nationalhymne Andorras

Zunächst allerdings war – so geht die andorranische Gründungsmär – ein Franke auf Andorra aufmerksam geworden und die Nationalhymne huldigt ihm bis heute: »Karl der Große, mein Vater, befreite mich von den Arabern. Ich bleibe die einzige und alleinige Tochter des Kaisers«, heißt es in der Anfangsstrophe.

Andorraner, so die Legende, hätten den deutschen Kaiser durch das Tal Vall d’Incles geführt und damit im Kampf gegen die Mauren unterstützt. Doch dass Karl der Große jemals Andorra betreten und sich bei den Bergbewohnern für die Hilfe im Kampf gegen die Araber mit der Gründung bedankt hat, ist so unwahrscheinlich wie manche atemberaubende Schmugglergeschichte. Und auch eine vermeintliche Urkunde Karls, in der er seinem Sohn Ludwig dem Frommen das Erbe Andorras übertrug, erwies sich im Nachhinein als Fälschung.

Zoff um ein paar Bergtäler

Belegt ist dagegen, dass das Gebiet erstmals in einer Stiftungsurkunde der nahen Kathedrale von La Seu d’Urgell im Jahr 839 erwähnt wurde. Diese Urkunde dokumentierte die – damals sechs, heute sieben – Gemeinden von Andorra und ihre Zugehörigkeit. Doch mussten sich die dortigen Bischöfe mit den rivalisierenden Grafen von Foix auseinander setzen, die ebenfalls Anspruch auf Andorra anmeldeten. Als die teilweise sehr blutigen Zwiste keine Klarheit brachten, einigten sich die Parteien in einem Vertrag von 1278, als Co-Princeps gemeinsam die Oberherrschaft auszuüben. Innerhalb der EU sind der spanische Bischof und der französische Staatspräsident sogar bis heute noch die ›Paten‹ des seit 1993 souveränen parlamentarischen Fürstentums, das mit seinem Fußballnationalteam bestehend aus ein paar Dorfjungs regelmäßig zweistellig verliert.

Schmuggelpfade und Flüchtlingsnester

Die französisch-spanische Oberherrschaft blieb über die Jahrhunderte eher symbolisch als real. Schon 1419 erhielten die männlichen Andorraner das Recht, einen Landesrat, den Consell General zu bilden. Und auch die Abgaben hielten sich in Grenzen, denn in der abgeschiedenen Bergwelt war nicht viel zu holen. Die Bewohner lebten von der Schafzucht, von der mühsamen Landwirtschaft und auch vom Schmuggel. Und der ging mit schwerer Last über schmale, steile Pfade. Die erste Straße nach Andorra wurde 1913 von Spanien aus gebaut, womit die Isolation aber noch nicht beendet war. Ab 1936 bot das abgelegene Andorra Flüchtlingen Schutz, die im Spanischen Bürgerkrieg vor den Franco-Truppen in den neutralen Bergstaat flohen. Dort fanden sie nicht nur Asyl, sie konnten auch einen Radiosender betreuen, dessen Informationen so manches Leben rettete. In dieser Zeit lebten in Andorra rund 6000 Menschen.

Vom Bergbauern zum Benzinverkäufer

Einen radikalen Strukturwandel leitete in den 50er Jahren des 20. Jh. die Abschaffung der Einfuhrzölle ein. Aus den patriarchalischen, streng religiösen Bergbauern wurden steinreiche Händler mit Geschäftssinn, der Verkauf internationaler Waren zu Billigpreisen boomte. Heute arbeiten nur noch 0,7 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft, dagegen über ein Drittel im Dienstleistungssektor, 15,4 % im Baugewerbe und 4,2 % in der Industrie. Alle anderen sind direkt oder indirekt mit dem Verkauf von Waren beschäftigt. Bald besaß jeder Andorraner zwei Wagen und die kleinen Nummernschilder mussten vergrößert werden, damit eine zusätzliche Zahl darauf passte.

"Kaiser Karls missratene Tochter"

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg setzte vor allem in der Hauptstadt Andorra la Vella ein architektonischer Wildwuchs ein, der die Tageszeitung »Die Welt« titeln ließ: »Kaiser Karls missratene Tochter«. Die Steueroase lockt Millionäre, besonders Tennisstars und Opernsänger aus Barcelona. Allerdings richten sie ihren Wohnsitz nicht in der Hauptstadt, sondern in den schönen Tälern der Umgebung ein. Nach Jahren des Booms ging der Verkauf internationaler Waren allmählich zurück, die Preise in Frankreich und Spanien hatten sich angepasst. Noch ist es mit dem Einkaufs-Eldorado nicht vorbei, doch längst hat man sich auf die Bankgeschäfte verlegt. Gleichzeitig förderte man den Tourismus, besonders den Wintersport.

Sogar die Todesstrafe wird abgeschafft

Die Internationalisierung Andorras führte auch zu einer Liberalisierung der Gesellschaft. 1970 wurde das Frauenwahlrecht eingeführt (für Männer seit 1933), seit der Verfassung von 1993 ist die zivile Eheschließung und damit eine Scheidung möglich. Ein Streikrecht gibt es aber nicht. 74 % der 13 000 Bewohner stimmten damals der Verfassung zu. Abgeschafft wurde auch die Todesstrafe, die allerdings seit 1942 nicht mehr vollstreckt worden war.

Wenn der Neffe die gegnerische Partei leitet

Es gibt heute mehr Parteien als Pfarreien in Andorra. Sie sind durchweg gemäßigt fortschrittlich bis aufgeschlossen konservativ, ihre Vorsitzenden oft verwandt, und Namen wie ›Nationaldemokratischer Verband‹ und ›Liberale Union‹ weisen darauf hin, dass hier radikale politische Vorstellungen, geschweige denn Auseinandersetzungen, nie gefragt waren.

Begrüßungskuss? Gott bewahre!

Auch wenn sich vieles veränderte, so blieb doch eine gewisse andorranische Zurückhaltung bestehen. Offenherzigkeit und schnelle Kontakte wie in Spanien und Südfrankreich sind hier seltener, den Begrüßungskuss meidet man. Seit Jahren zieht es viele junge Andorraner nach Toulouse oder Girona an die Universitäten, die es in Andorra nicht gibt. Die Kommilitonen werden dort gelegentlich mit größeren Mengen Zigaretten versorgt, was eine Andorranerin mit »Schmuggel light« umschrieb, dem »einzigen, den es noch gibt«. Der Discount-Riese im Hochgebirge zog so viele Gastarbeiter aus Spanien (ca. 26 000), Portugal (6800) und Frankreich (4300) an, dass heute nur ein Fünftel der Bevölkerung andorranische Staatsbürger sind. Von den 65 000 Bewohnern besitzen nur 13 000 einen Pass und sind wahlberechtigt. Angst vor ›Überfremdung‹ gab und gibt es, ausländische Arbeitnehmer und Investoren hatten die Einwohnerzahlen schließlich in nur wenigen Jahren um ein Vielfaches in die Höhe getrieben. Doch als Max Frisch sein Theaterstück über Fremdenhass »Andorra« nannte, war man empört. Auf Anfrage, warum der Schriftsteller das friedliche, tolerante Andorra so verunglimpfte, soll Frisch geantwortet haben: »Aus Angst, dem Stück den Titel Schweiz zu geben«.