Mallorca- Mikrokosmos im Mittelmeer

Nicht mehr als 3640 Quadratkilometer ist sie groß und überragt damit ihre kleine Schwester Menorca doch schon um das Fünffache: die Insel Mallorca, die größte der Baleareninseln.

 

von Andrea Hobusch

 

Daher hat sie auch ihren Namen, der sich vom lateinischen Wort „major“, zu deutsch „größer“, ableitet. Rund 864 000 Menschen leben heute auf der historisch gewachsenen Insel.

 

Erste Siedler aus Südfrankreich

Seinen ersten Ansturm erlebte Mallorca schon gut 6000 Jahre vor Christus, als die ersten Siedler aus Südfrankreich kamen. Ihnen folgten in den anschließenden Jahrtausenden weitere Völkergruppen, die die Insel für sich eroberten: Phönizier und Römer, Mauren und Vandalen. Sie alle haben die Insel geprägt und ihre Spuren hinterlassen. Die aktuelle Invasion begann dann irgendwann in den 1960er Jahren, als vor allem Deutsche und Engländer Mallorca kurzerhand zu ihrer Lieblingsinsel erklärten. Während die meisten Insulaner bis dahin noch von Ackerbau, Viehzucht und Fischfang lebten, ist heute der größte Wirtschaftsfaktor der Tourismus. Rund 8 Millionen ausländische Touristen und über 2 Millionen Festlandspanier zieht es jedes Jahr hierher.Warum? Was macht es so besonders, dieses trapezförmige Fleckchen Erde vor den Küsten Spaniens?

Mallorca: Insel der Gegensätze

Jede Insel, ob groß oder klein, ist immer etwas ganz Besonderes: Abgeschlossen vom Festland, umgeben von der Weite des Meeres, führt eine Insel so etwas wie ein Eigenleben, bildet ein kleines Universum für sich. Mallorca ist so ein Mikrokosmos. Hier gibt es auf engem Raum die Vielfalt eines ganzen Kontinents. Ob steile Berge und Klippen oder breite Strände und flache Ebenen, klösterliche Einsamkeit oder Touristenrummel, ländlich-bäuerliches Idyll im Landesinneren oder Großstadtleben in Mallorcas Metropole Palma.

Der Himmel über Mallorca

Im Norden liegt die „Serra de Tramuntana“, ein 20 Kilometer breiter Gebirgszug, dessen höchster Gipfel „Puig Major“ stattliche 1445 Meter in den mallorquinischen Himmel ragt. Im Westen der Insel verläuft eine zerklüftete Steilküste: Hier führt eine 13,5 Kilometer lange abenteuerliche Küstenstraße bis hin zum Cap de Formentor, dem nördlichsten Zipfel Mallorcas auf der Halbinsel Formentor. Wer bis zum 167 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Leuchtturm gelangt, kann von hier aus den einzigartigen Ausblick auf die gesamte Halbinsel genießen. Auch übernachten kann man hier gut, beispielsweise in Puerto de Pollença in einer Ferienwohnung.

 

Versteckte Buchten

An der anschließenden felsigen Ostküste gibt es zwischendrin zahlreiche kleine versteckte Buchten mit kleinen Stränden, weiter südöstlich schließlich die breiten offenen Sandstrände von Cala Millor, Cala Agulla und Cala Mesquida. In der großen Bucht im Südwesten der Insel tummeln sich dann die Touristenhochburgen von El Arenal bis Magaluf – und mitten drin, ebenfalls direkt am Meer, Mallorcas Hauptstadt Palma.Besonders reizvoll ist das Landesinnere mit seinen alten Klöstern und Kartausen:zum Beispiel das Castel D' Allarò im Nordwesten, etwas zentraler die drei  Klöster auf dem Berg Randa oder das Kloster Sant Salvador weiter südöstlich bei Felanitx. Eines der bekanntesten, daher aber auch alles andere als einsamen Klosteranlagen ist sicherlich die Kartause von Valdemossa im Nordwesten Mallorcas. Ganze Touristenströme besuchen jedes Jahr den Ort, an dem Chopin mit der Schriftstellerin George Sand den berühmten „Winter auf Mallorca“ verbrachte.

Mallorca: Schön zu jeder Jahreszeit

Selbst in den Wintermonaten lässt es sich auf Mallorca gut leben. Das ganzjährig relativ milde Klima ist auch verantwortlich für die üppige und vielfältige Vegetation der Insel. Hier wachsen Oliven, Mandeln und Johanniskernbrot, Orangenbäume und knorrige Steineichen, Heidekraut und unzählige Blütenarten, vom Hibiskus bis zu Klatschmohn und Gladiole. Ebenso typisch sind auch die meist als Pinien bezeichneten Aleppokiefern an den Gebirgshängen, die die ganze Insel in einen mediterranen, würzigen Duft eintauchen.Typisch, wenn auch von Menschenhand erschaffen, sind Mallorcas Windmühlen. Einst dienten sie zur Bewässerung der Äcker, heute als Sinnbild der ganzen Insel. Etwa 2000 Stück gibt es noch. Manche sind etwas heruntergekommen, einige aber strahlen im frisch gestrichenen grün-weißen Kleid, um die Besucher schon aus der Ferne zu begrüßen.

Mallorcas Handwerkskunst

Die Mallorquiner sind stolz auf ihr Mallorquín. Neben dem Hochspanischen Castellano wird es offiziell als Hauptsprache an den Schulen gelehrt. Aus diesem Grunde gibt es vielerorts auch Straßen- und Ortsnamen auf Spanisch und Mallorquín. Und auch die  traditionelle Handwerkskunst ist beachtlich: Inca ist das Zentrum für das Lederhandwerk, in Pollença wird der mallorquinische, in komplizierter Technik eingefärbte Ikatstoff hergestellt; Algaida und Alcúdia sind bekannt für ihre Glasbläsereien, Manacor für die künstlichen mallorquinischen Perlen. Und wer nach Portol reist, kann sich hier mit den traditionellen, nur innen glasierten Tonkochtöpfen eindecken, den „ollas“ und „greixoneras“, die auch in jeder mallorquinischen Küche zum Hausstand gehören.

Mallorca kulinarisch

Die Mallorquinische Küche bietet weit mehr als landestypische Paellas und Tapas. So zum Beispiel die „frito mallorquín“, eine Fleisch-Gemüsepfanne, die traditionell aus Innereien vom Lamm zubereitet wurde, das heute allerdings meistens durch Lammfleisch ersetzt wird. Eigentlich ein „Arme-Leute-Essen“ ist die „sopas mallorquínas“, eine schmackhafte Kohl-Brotsuppe. Eine der bekanntesten Spezialitäten Mallorcas ist zudem die „sobrassada“, eine feurige Schweinemettwurst mit viel Paprika, die mitunter auch als Einlage für die „sopas mallorquínas“ verwendet wird.

 

Vom Meer und mallorquinischen Wiesen

Frischer Fisch und Meeresfrüchte sind auf Mallorca ebenso zu haben wie Gerichte vom Schwein, Kalb oder Lamm. Ob ein knuspriges Spanferkel oder eine Seezunge „alla plancha“ (vom Grill): Da das Meer unmittelbar vor der Haustür liegt und viele Lämmer und Schweine bis zu ihrem Ableben auf den mallorquinischen Wiesen herumlaufen dürfen, ist das meiste, was hier auf den Tisch kommt, frisch, naturbelassen und schmackhaft. Für Süßschnäbel empfiehlt sich zum Nachtisch die „crema catalana“, ein luftiger Vanilleflan mit übergrillter Karamellhaube. Und wem der „café solo“ am Morgen oder Nachmittag allein zu wenig ist, kann sich dabei an den anderen süßen Köstlichkeiten aus mallorquinischer Küche versuchen. Zur Wahl stehen unter anderem die „Torrón“, eine äußerst süße und harte Spezialität aus Mandeln, die allerdings robuste Zähne erfordert. Wer es lieber zart und locker mag, greift daher besser zur mallorquinischen Mandeltorte „gato de almendra“: eine süße Köstlichkeit, die nur aus gemahlenen Mandeln, Zucker, Eiern und Gewürzen besteht und ganz ohne Mehl auskommt. Und schließlich gibt es natürlich noch das mallorquinische Nationalgebäck schlechthin: die „ensaimada“ - eine luftige, im Schweineschmalz ausgebackene und mit Puderzucker bestäubte Hefeschnecke, die es mittlerweile sogar in der Größe eines Wagenrades zu kaufen gibt und vor allem frisch genossen werden will.Wer nach all den Gaumenfreuden einen Verdauungsschnaps braucht, sollte sich hinterher noch ein Gläschen des giftgrünen mallorquinischen Kräuterschnapses „hierbas“ genehmigen.

Zu Mallorcas einzigartiger Saline: Es Trenc

 

 

Eine Fahrt der besonderen Art: Von Palma nach Sóller

Zugegeben: Schnell ist er nicht gerade, der „Rote Blitz“. Eine gute Stunde braucht die historische Bahn aus dem Jahr 1913, um die 27 Kilometer lange Wegstrecke von Palma nach Sóller zurückzulegen. Mancher durchtrainierte Jogger wäre da vermutlich schneller - aber auf Schnelligkeit kommt es ja auch gar nicht an: Der Weg ist hier das Ziel. Mitten durch die herrliche Landschaft des Tramontana-Gebirges, der höchsten Gebirgskette im Norden Mallorcas, schlängelt sich die Bahn und passiert dabei insgesamt 13 Tunnel. Es geht vorbei an den endlos scheinenden Olivenhainen von Bunyola und an weitläufigen Plantagen mit Mandelbäumen, die im Februar die ganze Landschaft in ein weißes Blütenmeer tauchen und die Luft mit ihrem intensiven Duft durchtränken. Wenn die Bahn dann die romantischen Gärten von Alfabia passiert wird das Gelände so steil, dass mancher Mitreisende kurz die Luft anhält – und sei es auch nur angesichts der atemberaubenden Schönheit der Landschaft, die sich ihm hier offenbart. Wer möchte, kann das einzigartige Panorama auch mit der Kamera als Erinnerung festhalten: Einmal am Tag gibt es eine „Sonderfahrt“, bei der die Fahrgäste bei einem Zwischenstopp auf der Aussichtsplattform des Pujol d 'En Banya den Zug verlassen und den umwerfenden Blick ins Tal genießen können. Mit etwas Glück segelt ja vielleicht sogar noch ein Mönchsgeier lautlos vorbei - ein seltener, vom Aussterben bedrohter Greifvogel, dessen Bestand dank engagierter Naturschützer hier in den Gebirgszügen der Tramontana mittlerweile wieder auf rund 100 Exemplare herangewachsen ist.

 

Tal des Goldes - Sóller

 

Irgendwann ist auch die schönste Fahrt zu Ende. Die  Bahnreise mit dem „Roten Blitz“ nimmt allerdings ein „süßes“ Ende. Nicht nur aufgrund des sehenswerten Bahnhofes Sóllers im Jugendstil , sondern vor allem wegen der herrlichen saftig-süßen Orangen, spanisch „naranjas“, für die Sóller berühmt ist. Schon auf der Fahrt hierher betören sie  durch ihre leuchtende Farbe und den aromatischen Duft  Auge und Nase gleichzeitig. Geschützt durch die steile Nordwand der Tramontana, können die Früchte des „Garten von Sóller“ hier ihre ganze Pracht und Schönheit entfalten. Nach der bequemen Bahnfahrt laden die historische Altstadt und der geschützte Hafen der Bucht von Sóller zu einem ausgiebigen Spaziergang ein, der sich bei einem frisch gepressten „zumo de naranjas“ (Orangensaft) in einem der Cafés an der Placa Constitucio köstlich abrunden lässt. Der Name Sóller bedeutet übrigens „Tal des Goldes“ - wofür allerdings weder echtes Gold noch die satte Farbe der Orangen verantwortlich ist. Der Name verweist vielmehr auf die unzähligen Olivenhaine und das aus ihnen gewonnene „flüssige Gold“: das Olivenöl.