Las Palmas auf Gran Canaria

Las Palmas Skyline prägen funktionale Hochhäuser. Im Kern jedoch überrascht Gran Canarias Hauptstadt mit verwunschenen Patios, engen Gassen und Jahrhunderte alten Plätzen. Und der Strand Las Canteras gilt nicht ganz zu unrecht als Copacabana der Kanaren.

Eine Reportage von Tobias Büscher

Am Anfang waren Palmen. Viele Palmen. Vollmond schien auf ihre gefiederten Blätter an diesem Morgen des 24. Juni 1478. Ein Trupp stoppelbärtiger spanischer Eroberer pirschte an Land.

Vorsichtig, um von den Inselbewohnern nicht entdeckt zu werden, die einst aus Afrika mit kleinen Booten und der Hilfe des Passatwindes hierhin eingewandert waren.

Königliche Stadt der Palmen

Als Befehlshaber Juan Rejón an Land kam, hatten seine Späher schon eine günstige Lage am Fluss Guiniguada ausgemacht. Er entschied, dort ein spanisches Militärlager zu errichten, um von diesem Stützpunkt aus die Insel zu erobern. Da es hier außer Sand nichts als Palmen gab, nannte Rejón das Lager Las Palmas.

 Mit allzu viel Respekt vor den schlanken Stämmen hatte das allerdings kaum zu tun. Im Gegenteil. Ein Zeitzeuge notierte: „Der Ort hatte insbesondere drei sehr hohe Palmen. Diese fällten wir wie einen guten Teil des Waldes selbst.“ Die Gründer der späteren „Königlichen Stadt der Palmen“ benötigten das Holz für eine schützende Palisadenmauer.

 Städtischen Charakter nahm die Siedlung schon sehr bald an. Neben Spaniern ließen sich Genuesen und Portugiesen nieder, der Handel mit Sklaven und Zucker boomte, Kolumbus soll hier Station auf dem Weg nach Amerika gemacht haben und schon bald war die Stadt, hinter deren Horizont Afrika beginnt, eine wichtige Verbindung auch zur Neuen Welt.

Eine bedeutende Hafenstadt ist sie bis heute, dazu ein beachtliches Wirtschafts- und Kulturzentrum. Aus den wenigen Dutzend draufgängerischen Eroberern von einst sind inzwischen über 400 000 Bewohner geworden, jeder zweite wohnt in der Hauptstadt.

„Eine Stadt wie der Entwurf eines tropischen Gottes“, schwärmte der Maler Pepe Dámaso nach einer Taxifahrt und bezog sich dabei auf die Topografie der Metropole: die großzügig angelegte Küstenstraße, lebendige Plazas, Nightlife-Viertel und die vielen Bazars und Geschäfte.

Bekrönt von der kleinen Insel Isleta im Norden erstreckt sie sich über sage und schreibe zwölf Kilometer bis zur südlichen Altstadt La Vegueta.

La Vegueta – Charme der Vergangenheit

Was zuerst tun bei einer Visite? Badeschlappen für den Stadtstrand mitnehmen, Schuhmode in der Shoppingmail testen oder lieber gleich an den Hafen zu den farbenfrohen Fischrestaurants?

Ein erster Schritt lohnt sich in die Vergangenheit: La Vegueta heißt der historische Stadtkern Las Palmas, ein Gewirr aus schmalen Gassen, schattigen Plätzen und Pflasterstraßen, wo nach der Stadtgründung die kirchlichen und königlichen Amtsgebäude entstanden.

Ihr Mittelpunkt ist der lang gestreckte Platz Santa Ana. Ihn bewachen nicht etwa ein gusseiserner Regent hoch zu Ross, sondern bronzene Hunde. Die Wappentiere der Insel sind möglicherweise sogar ihr Namensgeber, denn Canaria leitet sich nach Meinung vieler von canis ab, dem lateinischen Wort für Hund.

 Am Platz erheben sich das Rathaus (Ayuntamiento), der Bischofspalast (Palacio Episcopal) und einige schmucke Bürgerhäuser. Die Hunde selbst blicken auf die wuchtige, dreischiffige Kathedrale Santa Ana.

Fünf Jahre nach Kolumbus´ Entdeckung Amerikas 1497 gegründet, wurde sie erst im 19. Jahrhundert neoklassizistisch fertig gestellt. Kunstinteressierte bewundern das gotische Rippengewölbe, silberne Kronleuchter, barocke Altäre und religiöse Gemälde, andere zieht es gleich zu dem Aufzug auf den Kirchturm.

Denn von dort eröffnet sich ein weiter Blick über die Dachterrassen bis hin zum dunkelblau leuchtenden Atlantik.

 Gleich hinter der Kathedrale liegt die alte Villa Casa Colón mit Renaissanceportal, schattigem Patio und geschnitzten Kiefer-Balkonen. Keine Frage, hier würde man am liebsten sofort einziehen.

Die Casa ist nach Kolumbus (Colón) benannt, auf dessen drei Schiffen Santa María, Pinta und Niña einige Insulaner als Besatzungsmitglieder anheuerten.

Entsprechend finden sich wertvolle Stücke aus der Zeit der Entdeckungsfahrt in dem Museumshaus, darunter Navigationsinstrumente und ein Nachbau der Kajüte des Schiffs Niña.Nahe des Kolumbushaus stellt das Centro Atlántico de Arte Moderno moderne Kunst aus. Es verdeutlicht die vielen kulturellen Facetten der Kanareninsel, denn das Museum verbindet lateinamerikanische, afrikanische und europäische Kunst; und fördert sehr effektiv lokale Nachwuchskünstler mit Wechselausstellungen.

 Einen Blick in die vorspanische Zeit wiederum, wie sie der Eroberer Juan Rejón noch gesehen hatte, bietet das Museo Canario, das Kanarische Museum. Ausgestellt sind Kleidung, Schmuck, Schädel, eine weibliche Tonfigur und sogar die Nachbildung einer Bestattungshöhle mit echten Mumien.

Zurück zur Jetztzeit und vorbei an der Casa de Colón zum Meer hin liegt die Markthalle Mercado de Las Palmas. Dort stapelt sich die ganze Vielfalt an kanarischem Frischkäse, kleinen Tintenfischen, Schinken, Artischocken ... was hungrig macht.

Kein Problem, denn rund um die Markthalle bieten die Bars und kleinen Bistros einiges an lokalen Leckereien: Fischsuppen mit Muscheln und Krabben, Salzkartoffeln (papas arrugadas), kleine Fleischbällchen als Tapas und dem beliebten Nachtisch Bienmesabe (wörtlich: „schmeckt mir gut“) aus gemahlenen Mandeln, Honig, Eiern und geriebener Zitronenschale. Die eiskalt servierte lokale Biermarke heißt hier „Dorada“.

Triana – Shoppen in der neueren Altstadt

Gleich im Norden von Vegueta schließt sich die neuere Altstadt an: Triana. Anders als Vegueta ist Triana als Viertel der Handwerker und Geschäftsleute herangewachsen, und ein beliebtes Einkaufsviertel ist es geblieben. Ob wertvolle Schuhe oder Ledertaschen, Bananenmesser, Stickereien, Stoffe, Antiquitäten oder Nepp aus Fernost, vor allem entlang der gefliesten Fußgängerzone Mayor de Triana ist Shoppen ein Genuss, zumal viele Jugendstilhäuser die Straße säumen, und sich einige kleine Straßencafés angesiedelt haben.

 Noch schöner gelegen sind die Cafés auf dem nahen Platz Cairasco. Im Schatten der Bäume und zu imposanter Kulisse genießt man seinen café con leche (Milchcafé) oder ein Glas Gerstensaft (caña).

Hier steht eines der ältesten Hotels der Stadt, das Hotel Madrid, in dem Franco übernachtet haben soll, bevor er nach Marokko flog, um von dort aus 1936 den Spanischen Bürgerkrieg einzuleiten.

Zu den Palästen gehört auch das Gabinete Literario, ein Kulturverein und ehemaliges Theater. Als solches fungiert heute das nahe Teatro Pérez Galdós, benannt nach dem hier 1843 geborenen spanischen Lieblingsdichter des Realismus, Benito Pérez Galdós.

 Am nördlichen Ende der Einkaufsmeile Mayor de Triana geht es zum Park San Telmo mit einer kleinen Kapelle, die dem Schutzheiligen der Fischer geweiht ist und wo an Ostern die Osterprozession beginnt. Im Park steht auch ein kleiner, maurisch inspirierter Jugendstilpavillon aus dem Jahr 1923, in dem heute ein kleines Kneipencafé eingerichtet ist.

Highlife zwischen Strand und Hafen

Nach Norden hin, zwischen dem Hafen und dem Hausstrand Catalina, liegt das Viertel Santa Catalina. Nun heißt es „rein ins Getümmel“, denn Catalina ist das heimliche Zentrum der Stadt, die eigentlich gar kein richtiges Zentrum hat.

Hier geht es kosmopolitisch zu, reihen sich kleinen Läden, Bars und Kneipen nur so aneinander. Vor allem in den Abendstunden lockt der Hauptplatz Parque Santa Catalina die unterschiedlichsten Menschen an: flippige Shakira-Fans, russische Hochseefischer und indische Händler genauso wie braungebrannte Sonnenanbeter aus Düsseldorf und lebenserfahrene Dominospieler aus Las Palmas selbst. Kein Wunder, dass die Stadtverwaltung ab und an das humorvollste Foto prämiert, das hier geschossen wird.

 Auf dem Platz gibt es im Januar und Februar klassische Konzerte und Santa Catalina ist auch Treff- und Sammelpunkt für die Karnevalszüge, die mit karibischem Tanz und viel Getöse durch die Stadt ziehen.

Wer auch hier in der Neustadt noch einmal Lust auf einen Panoramablick von oben bekommt: dafür eignet sich der 25. Stock des Hotelturms Los Bardinos.

 Von dem Parque Santa Catalina aus ist man in wenigen Schritten am Hafen, wo es einige gute Fischrestaurants gibt. Puerto de la Luz heißt er und wird jährlich von über 10 000 Schiffen angesteuert, - und natürlich von den Fähren auf die Nachbarinseln Gran Canarias. An der Einfahrt zum Hafen lockt das Freizeitzentrum El Muelle mit riesigem Terrassencafé, Dutzenden von Läden, Kinos und Spielanlagen.

Im Norden wiederum schützt die trutzige Burg Castillo de la Luz den Hafen, und das schon seit dem 16. Jahrhundert. Eine echte Flaniermeile, inzwischen autofrei und höchst beliebt, ist die Promenade des Stadtstrands Playa de las Canteras. Tagsüber erleuchtet sie die Sonne, nachts künstliches Flutlicht.

Urlaubsatmo schon früh am Morgen

 Viele internationale Restaurants liegen hier vor dem schönen Strand mit seinem gelb-weißen, sauberen Feinkornsand. Schon früh am Morgen herrscht Urlaubsatmosphäre, der etwas überschwänglichen Tourismuswerbung zufolge wie in Rio de Janeiro.

Aber mag die Playa mit brasilianischen Kultstränden auch nicht ganz konkurrieren können, sie ist immerhin ganze drei Kilometer lang und damit für kanarische Städte einzigartig. Und palmengesäumt natürlich auch.

Ausflüge ins Hinterland

Ein attraktiver Halbtagesausflug führt zunächst zum Jardín Canario, dem Kanarischen Garten. In der Schlucht des Guiniguada mit romantischen Zick-Zack-Wegen angelegt, gedeihen in den unteren Lagen Kakteen und Palmen, weiter oben seltenes Buschwerk und Bäume aus dem felsigen Bergland des Inselinnern (tgl. 10-18 Uhr). Der schwedische Botaniker Eric Ragnar Sventenius hatte das Gelände schon 1952 eingerichtet, und damit den Erhalt von vielen einzigartigen, vor dem Aussterben bedrohten Kanarengewächsen gesichert.

 Von hier aus bietet sich eine Visite des südlich gelegenen Vulkankraters Caldera de Bandama an. Eine Serpentinenstraße führt hoch zum nördlichen Kraterrand, wo Schwindelfreie den Blick in den 200 Meter tiefen, einst lavaspuckenden Schlund genießen.

Innen im Krater sind noch die einstigen Höhlen der Ureinwohner Gran Canarias zu sehen. Wer rund um den Krater wandern möchte, sollte früh morgens von Las Palmas aufbrechen, denn im Krater staut sich die Hitze.

zähl