Blick auf die mehrspurige Ausfallstraße Castellana in Madrid, Spanien
Boulevard Castellana in Madrid © tb

La Castellana, der Prachtboulevard von Madrid

Die Castellana ist mehr als nur eine Straße. Sie beginnt an der Plaza de Colón und schließt dort nahtlos an den Paseo de Recoletos an. Breit und dominant durchzieht sie die ganze Stadt in Richtung Norden und endet erst hinter der Plaza de Castilla unscheinbar im Übergang zu den Nationalstraßen. Hier stehen auch die vier höchsten Türme Spaniens.


von Tobias Büscher

 

Ihre Dimensionen sind gewaltig: die sechs Fahrspuren mit dem Mittel- und den Seitenstreifen sind bis zu 120 Meter breit. Insgesamt misst sie sechs Kilometer. Mit diesen Ausmaßen stellt sie die drei Kilometer lange Pariser Champs Elysées in den Schatten und wird in Europa wohl nur von der Moskauer Gorki-Straße übertroffen. Madrid zeigt hier im wahrsten Sinne Größe.

Banken und Paläste an der Castellana

Offiziell heißt sie Paseo de la Castellana. Den Madridern ist dieser Name zu umständlich, und so heißt ihre große Straße einfach nur Castellana, benannt nach einem ehemaligen Brunnen namens La Fuente de la Castellana“.

Der erste Abschnitt zwischen der Plaza Colón und dem Sitz der Technischen Hochschule und des Naturwissenschaftlichen Museums stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ein Hauch der alten Ele­ganz weht noch über den wenigen verbliebenen Palästchen. Im neuen Abschnitt zeigt sich die Castellana kerzengerade und funktional und setzt damit einen Gegenpunkt zum zentraleren Boulevard Gran Vía. In den fünfziger Jahren wurde mit ihrer Verlängerung begonnen, gleichzeitig entstand das Gebäude der Neuen Minis­terien (Nuevos Ministerios). Der Caudillo ließ es sich nicht nehmen, seinen Namen hier zu verewigen: lange Zeit hieß der neue Straßenabschnitt „Avenida del Generalísimo“. Nach Francos Vision wurde die Castellana hier kühl und kantig. Die ehemalige Flanierstraße ist hier eher eine Autobahn. Im Sturm des Wirtschaftswachstums entwickelte sie sich zum neuen Geschäftszentrum der Stadt. Gnadenlos rückten die Bagger den alten, schmucken Palästen zu Leibe, um Platz für die neuen Residenzen der Banken, Konzerne und Hotels zu schaffen. Heute haben sich entlang der Castellana über 50 Banken niedergelassen, und die neuen Prestigepaläste scheinen sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen. Immer kurioser werden ihre Formen, luxuriöser ihre Ausstattung, moderner und futuristischer ihre Fassaden. Dazwischen stehen verloren die verbliebenen Paläste.
    

Hochhaus-Giganten an der Castellana in Madrid
Colón-Türme © tb
Türme in Madrid
Giganten im Norden © tb

Plaza Colón - keine Schönheit

Erst 1980 zog die Stadtregierung die Notbremse und stellte die weni­gen Gebäude des letzten Jahrhunderts unter Denkmalschutz. Die Plaza de Co­lón allerdings konnten die Politiker nicht mehr retten. Bereits in den 1970er-Jahren wurde hier geklotzt statt gebaut. Heute steht die Kolumbusstatue verloren auf dem größten Platz Madrids, dem kritische Bewohner aber längst die Be­zeichnung „Platz“ abgesprochen haben.

Madrids Azca-Viertel

Ihr modernstes Gesicht zeigt die Castellana im Azca-Viertel, das direkt an die Querstraße Raimundo Fernández Villaverde anschließt. Seit Beginn der 1980er-Jahre schießen hier Geschäftstürme in die Höhe. Hinter den glitzernden Fassaden befinden sich die begehrtesten Büroräume der Stadt. Das eigentliche Konzept ging dabei gründlich in die Hose. Die isoliert stehenden Bauten sind auf mehreren Ebenen mit Einkaufspas­sagen, Res­taurants, einer kleinen Parkanlage und Plätzen miteinander verbunden. Hier sollte ein Zentrum entstehen, in dem nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt wird. Tatsächlich verirrt sich heute keiner in die dunklen Unterführungen mit den wenig einladenden rustikalen Bierkellern. Wenn die großen Einkaufszentren und Boutiquen schließen und der Arbeitstag zu Ende geht, stirbt das Viertel aus. Nur die Nachtwächter drehen dann noch ihre Runden.

Seit 1986 hat das Azca-Viertel ein neues Juwel: Der strahlend weiße Picassoturm (Torre de Picasso), der die anderen Hochbauten in den Schatten stellt. Hier sitzen die Top-Firmen und Yuppie-Manager und kämpfen auf dem Markt der freien Kräfte um Gewinn und Profit.
Ein New Yorker hat für das Aufsehen und den Trubel um die Torre de Picasso wahrscheinlich nur ein Lächeln übrig. Für die Madrider aber ist er zum Symbol der neuen Wirt­schaftsmacht geworden, dem Aufstieg in die Welt­klasse. Mehr zu Spaniens Wirtschaft

Puerta de Europa: die schrägsten Türme Spaniens

Auch die nördliche Plaza de Castilla ist ein Schauplatz futuristischer, kostspieliger Architektur. Zwei den Platz flankierende Türme, die sich schräg zueinander neigen, sollen zusammen mit einem ange­schlossenen Gebäude das Tor Europas (Puerta de Europa) bilden. Die beiden Gebäude werden nach dem Kuwait-Investment-Office auch Torres KIO genannt. Wer heute vom Norden mit dem Auto in die Stadt kommt, fährt durch das größte und modernste Tor Madrids. Hier ist ein großer Bus-Bahnhof entstanden, an dem die Passagiere von den Regionalbussen in die städtischen Busse umsteigen. Der Verkehr fließt unterirdisch durch einen großen Tunnel.

Die Giganten: Quatro Torres Business Area

Die höchsten Türme Spaniens entstanden 2009 ganz im Norden der Castellana. Höchster der Giganten ist Norman Fosters Torre Caja Madrid mit 249,5 Meter, doch die drei Nachbarn sind nur unwesentlich niedriger. Schon vom Flughafen Barajas aus sieht man sie und Madrid kommt sich schon leicht wie Chicago vor. Allerdings: dort sind die höchsten Türme fast doppelt so hoch ...

Nightlife am Boulevard

Und schließlich hat die Castellana noch ein anderes Gesicht. Zu nächtlicher Stunde rasen die aufgemotzten, schwarzen BMW und röhrenden Stahl­rösser der schönen Menschen (gente guapa) schon mal mit 130 km/h Richtung Zentrum. Wann und wo sonst kann man in Madrid schon Gas ge­ben? In Madrids berühmtem Viertel für das Nachtlebenjedenfalls nicht. Mit quiet­schenden Reifen kom­men sie am Ende des Boulevards oder gar erst auf dem Paseo de Recoletos zum Ste­hen. Dort öffnen im Sommer die terrazas, schicke Freiluftbars. Die Ca­stellana wird vergnüglich, unbe­schwert und zieht mit ihrem ­Charme vor allem junge Leute an. Die repräsentativen Ferraris und Mercedes der Papas parkt man effektvoll am Stra­ßenrand. Die Drinks sind hier teurer als in den Bars von Huertas oder Malasaña, aber das Ambiente ist reizvoll. Die beleuchteten Brun­nen, die blinkenden, bunten Lichter der Bars, das Stimmengewirr und die vorbeibrausenden Autos geben eine verrückte Mischung aus einer trügerisch heilen Welt, großstädtischer Pracht und Reichtum auf Pump.

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