Blick auf den Boulevard Gran Vía in Madrid
Blick auf die Gran Vía vom Madrid-Hochhaus aus © tb

Gran Vía und Plaza de España in Madrid

Die Prachtstraße Madrids hat eine Schneise in die Altstadt geschnitten, heute ist sie Kino- und Shopping-Meile der spanischen Hauptstadt und zieht sich bis zur Plaza de España mit den markanten Hochhäusern.

 

von Tobias Büscher


Längst wandelten die Pariser auf ihrer Champs Elysées. In der spanischen Hauptstadt dagegen bestimmten noch um die Jahrhundert­wende die kleinen, winkligen Gassen das Gebiet zwischen der Puerta del Sol und den ausgedehnten Wohn­vierteln des Groß­bürgertums Sala­manca und Argüelles.
Kühn legten die Stadtplaner auf dem Reißbrett ihr Lineal an. Eine Schneise sollte quer durch die Stadt geschlagen werden, um eine weltstädtische Pracht­­­straße zu bauen, die den Osten der Stadt mit dem Westen verbindet.
Das ehrgeizige Projekt forderte von den Anwohnern Opfer: 14 Straßen ver­schwanden vollständig, ebenso viele Gassen mussten begra­digt werden, über 300 Häuser machten Bagger dem Erdboden gleich.
Insgesamt vergingen fast 40 Jahre, bis das tollkühne Projekt der Stadtväter vollendet war. Heute wird der Boulevard von den Dimensionen nur noch durch die nördliche Castellana überflügelt.

 

Geschichte der Gran Vía

Der Kahlschlag beginnt. An der Calle de Alcalá wird der erste Pickel­schlag angesetzt, und 1917 ist die Bautruppe bereits bis auf die Höhe der Red de San Luis vorgedrungen.

Im gleichen Jahr wird das erste Haus der neuen Straße fertig gestellt, das heute die Nummer acht trägt. Türm­chen, Erker und Schnörkel zie­ren die Fassaden der monumenta­len Gebäude, die entlang dieses er­sten Abschnittes der Gran Vía entstehen. Der vielfältige architektoni­sche Baustil des Eklektizismus vereint Ornamente und Schmuck­ele­mente aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen. Die Architekten reali­sieren ihren Rückgriff auf längst ver­gangene Epochen mit modernster Architekturtechnik: erstmals verwenden sie Stahlkon­struktionen.

Hochhaus an der Gran Vía in Madrid
Hochhaus heute an der Gran Vía in Madrid, sb

Baubeginn des Boulevard

Fünf Jahre später sind die Abriss­arbeiten auf der Höhe der Plaza de Callao angekommen. Im zweiten Abschnitt entsteht das Gebäude Paris-Texas (Nr.32), das zu den ältesten der Straße gehört. Hier öffnet das erste große Warenhaus der Stadt seine Pforten.

Ende der 1920er-Jahre beginnen die Arbeiten am imposantesten Gebäude der ganzen Straße: an der höchstgelegenen Stelle entsteht das Hochhaus der spanischen Telefongesellschaft (Telefónica) mit der Nr. 28, das alle umliegenden Häuser in den Schatten stellt. Über tausend Arbeiter werden be­nötigt, um die Telefónica fertig zu stellen: Sie setzen 680 Fenster ein, bauen 503 Türen in die Türrahmen und befestigen schließlich die Uhr auf dem 82 Meter hohen Turm.
Im gleichen Jahr (1929) wird auch der Palacio de la Música (Musikpalast, Nr. 35) gebaut, der lange Zeit die Nummer eins der Madrider Kinos war. Viele der Gebäude im zweiten Abschnitt sind deutlich weniger ver­ziert und tragen die Handschrift von Architekten, die sich dem amerikani­schen Funktionalismus zuwandten. Die Telefónica wurde bezeichnen­derweise von einem amerikanischen Architekten namens Luis S. Week entworfen.

Und plötzlich brach ein Stier aus …

Für einige Tage aber stahl der berühmte Torero Diego Mazquirán den spektakulären Bauarbeiten die Show. Mitten auf der Gran Vía brach ein Stier aus einem Viehtransport aus, der die Tiere zum Schlachter bringen sollte. Der Stier ahnte wohl die Bestimmung der Fahrt und versuchte, seine Haut zu retten. Beim Anblick des gewaltigen Tieres auf der Straße brachen die Passanten in Panik aus. Just in diesem Augenblick kam der in der Stadt weilende Torero vorbei und rettete die Situation galant: Vor den Augen der erstaunten Zuschauer kämpfte er mit dem Stier in einer improvisierten Corrida, bis ihm einer der verängstigten Spaziergänger den Degen aus seinem Hotel geholt hatte. Tapfer versetzte der auch „Fortuna“ genannte Stierkämpfer dem Tier den Todesstoß. Der Stier starb so doch noch einen heldenhaften Tod, und dem Torero Fortuna wurde das hohe Verdienstkreuz für seine schnelle Reaktion und seine Risikobereitschaft verliehen.

Die Plaza de España entsteht

Ende der 1930er-Jahre sind die Straßenarbeiter an der Plaza de España angekommen. Von dem anfänglichen Schmuckwerk des Eklektizis­mus ist an den Gebäuden des letzten Abschnittes nicht mehr viel übrig geblieben. Die klare Linie des Funktionalismus gliedert die Fassaden. In der Nummer 57–59 wird in den 1940er-Jahren das Edificio Los Sotanos errichtet. Nach amerikani­schem Vorbild weicht die geplante Tiefgarage einer Einkaufsebene (sotanos), in der lange Zeit Boutiquen und Geschäfte eingerichtet waren. Bereits seit zwei Jahren sind die Sotanos en obra, ein Ende des Umbaus ist nicht in Sicht. Hoch oben auf dem Dach zeugt ein Swimmingpool von Moder­nität und Luxus dieses Gebäudes, das mitten in der Zeit der schweren Wirtschaftskrise gebaut wurde.

Als schließlich der letzte Stein 1954 auf das Hotel Washington gesetzt wurde, war das Projekt endgültig fertig. Madrid hatte seine Prachtstraße bekommen.

Die Gran Vía wird zum Einkaufszentrum

In kurzer Zeit entwickelte sie sich zur noblen Flanierstraße und zum Einkaufs- und Unterhaltungszentrum der Stadt. Teure Juweliere und gediegene Pelzgeschäfte zogen eine noble Kundschaft an. Die großen Kinopaläs­te der Gran Vía waren selbst in den Jahren des Bürgerkrieges voll besetzt. Die Madrider suchten auf den Leinwänden Trost bei Filmen aus einer schönen, heilen Welt. Heute erinnern nur noch die eindrucksvollen Kino­namen wie „Palacio“ und „Capitol“ und die wenigen verbliebe­nen Juweliere an diese alten Zeiten.

Viele der prunkvollen Fassaden sind mit grellen, blinkenden Show­- und Kinowerbungen verbaut oder verstecken ihre Pracht hinter frag­würdigen Plas­tikverkleidungen neu­er Fast-Food-Ketten. Aus den Spiel­höllen klingeln die Glücksmaschi­nen, geschmacklose Cafeterien ha­ben die alten Cafés abgelöst. An den offenen Telefonkabinen kämpft man gegen den dröhnenden Stra­ßen­lärm, die Passanten klemmen ihre Taschen deutlich fester unter den Arm, um nicht Opfer der cleveren Straßendiebe zu werden.
Manch Madrider brüstet sich, mehrere Raubversuche auf der Gran Vía erfolgreich abgewehrt zu haben. Die direkt angrenzenden Stadtviertel sind eng und winklig, zwielichtige Gestalten gehen ihren dunklen Ge­schäften nach, in einigen Straßen warten Prostituierte auf Freier. Tagsüber prägt vor allem der tosende Verkehr das Bild der Straße. Unzählige Autos, Taxis und Busse bahnen sich ihren Weg, pfeifende Verkehrspolizisten versuchen, das Chaos zu regeln. Das hält einige Res­taurants und Cafeterien nicht davon ab, auf dem breiten Gehweg für ihre Gäste Tische und Stühle aufzustellen. Echte Madrider genießen auch hier ihren café solo oder ein erfrischendes Bier. Auch wo die Gran Vía auf die Plaza de España stößt, versuchen sich viel zu viele Autos, ihren Weg zu bahnen. Umrundet von mehrspurigen Straßen trotzt der kleine, angelegte Park dem Gedröh­ne und Benzingestank.

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Plaza de España gestern und heute

Der Platz scheint kleiner als er tatsächlich ist: immerhin hat er die drei­fache Größe der Plaza Mayor und war bis zum Bau der Plaza de Colón lange Zeit größter Platz der Stadt. Bereits im 18. Jahrhundert suchten die von der Hitze geplagten Madrider im Schatten der Sträucher und Bäume Erholung. Direkt auf der Plaza entsprang das Flüsschen Leganitos, das ihr lange Zeit den Namen gab, und nach dem noch heute eine angrenzende Straße benannt ist.

Die Nähe zum Königspalast zog vor allem den Adel und den Klerus an, die sich rund um das Gebiet niederließen. Carlos III. kaufte einen Großteil des Territoriums auf, um den Mönchen des Ordens San Ginés ein Kloster bauen zu lassen.
Eine Anekdote erzählt, wieso die Mönche nie das Gebäude beziehen sollten: Königin María Luisa, Ehefrau Carlos IV., war die Nähe der Geistlichen angeblich nicht ganz geheuer. Sie widersetzte sich den Plänen, und ordnete an, die Fenster des Ge­bäudes zuzumauern. Damit versperrte sie den Mönchen den Blick auf das Königsschloss. Vor allem wollte sie mit dieser Anordnung das unbeschwerte Leben auf den Balko­nen des Palastes sichern, das unter den neugierigen Augen der Mönche wohl gelitten hätte. Tatsächlich je­denfalls wurde das Gebäude umge­baut und diente den königlichen Truppen als Kaserne.
Während des 19. Jahrhunderts war der Platz militärisch geprägt. Die heute an den Straßenecken zur Cal­le Ferraz und Bailén stehenden Ge­bäude markieren den Neubeginn.
Die Real Companía Asturiana de Minas baute 1898 den glanzvollen Palast, an dessen Fassaden die un­terschied­lichsten Stilepochen aufei­nander tref­fen. Als 1910 die Kaserne San Ginés abgerissen wurde, verlor die Plaza endgültig ihren militärischen Charakter. Die Finanziers und Monopolisten der Stadt eröffneten hier ihre Geschäfte.

Don Quijote und Sancho Panza als Statue in Madrid
Don Quijote und Sancho Panza, tb

Das Cervantes-Denkmal

Unterschiedliche Architekten und Stadtplaner entwarfen währenddessen immer wieder neue Konzepte für die Neugestaltung der Plaza. Als 1915 der Wettbewerb für das Cervantes-Denkmal ausgeschrieben wurde, schaute ganz Spanien gespannt auf die kritischen Beurteilungen der Jury. Aus 53 Modellen sollte im Kristallpalast des Retiro-Parks das Beste gekürt werden. „Das Monu­ment, das jetzt ausgewählt wird, wird das wichtigste nationale Denkmal sein“ schrieb die Zeitschrift La Ilu­s­tración Española y Americana.

Letztlich gewannen die Bildhauer Don Rafael Martínez Zapatero und Don Lorenzo Coullant Valera den Wettbewerb. Doch das im Vorfeld so heftig diskutierte Denkmal blieb bis 1928 zunächst nur ein Modell.
Als schließlich mit dem Bau be­gonnen wurde, nahm man die Plangrundlagen nicht mehr ganz so ernst. Das Cervantes-Denkmal entspricht nicht ganz den Originalplänen.
Die Neuordnung des Platzes begann 1918 zunächst ohne ein Denkmal, als die wild gewachsenen Bäume einer gepflegten Gartenanla­ge wichen. Zur gleichen Zeit entstand die Karmeliter­kirche Santa Te­resa unmittelbar am Anfang der Calle Ferraz.

Die Gran Vía während der Franco-Ära

20. Juli 1936. Die Stadt wird von Kanonendonner erschüttert. Sancho Panza, Cervantes realistischer Buchheld des Don Qui­jotes, trägt die Fahne der spanischen Republik in seinen Händen. Die Republik verteidigt sich hier gegen die aufständischen Soldatentruppen der Kaserne La Montaña, die damals noch auf dem Gebiet des Templo de Debod stand. Jahre des Bürgerkriegs folgen, bis 1939 die Franco-Truppen siegen. Die Plaza wurde damit zum Symbol des frankistischen Spaniens. Sie trug den Namen des Falangisten Víctor Pradera, der Caudillo ließ auch die Gran Vía in Gedenken an den Gründer der Falange „Avendia de José Antonio“ nennen.

Ganzer Stolz aber wurde das Gebäude Edificio de España (18) an der Ostseite des Platzes. Das arme Spa­nien der 1950er-Jahre, gegeißelt von der Autarkiepolitik Francos, bekam das höchste Ge­bäude Europas. Nach amerikani­schem Vorbild birgt der Koloss eine Art Kleinstadt: Einkaufsebenen, Ho­tels, Büros, Verwaltungsräume und Erholungszonen werden von 32 Aufzügen und unzähligen Gängen miteinander verbunden. Der höchste Turm der breiten, glatten Fassade misst 107 Meter – doch bei genau­em Hinsehen wirft er lange, dunkle Schatten auf die Protzpolitik Francos.
Tatsächlich nämlich konnte das Vorzeigeprojekt von der verantwortlichen Immobiliengesellschaft Companía Inmovilaria Metropolitana nur mit privaten Geldern finanziert werden. Auch US-amerikanische Dollars, die im Rahmen des Stützpunktabkommens zwischen Spanien und den USA ins Land flossen, trugen ihren Teil dazu bei.
Fast im gleichen Atemzug entstand 1954 an der Nordseite ein Hochhaus ähnlichen Kalibers: Das Edificio Torre de Madrid birgt die raffiniertesten technischen Anlagen seiner Zeit. Die dort eingerichteten Räume für Geschäfte, Verwaltung und Unterhaltung sollten die gewich­tige Rolle der Plaza für das Spanien Francos zusätzlich untermauern.
Zu Füßen des Turms liegt die belebte Plaza de España. Die Angestellten der Um­gebung ruhen sich hier kurz aus, der bronzene Cervantes lässt geduldig die auf ihm turnenden Kinder gewäh­ren. Zum x-ten Mal knipsen Touristen das Denkmal mit der Fassade des Edificio de España im Hintergrund. Die Gran Vía hat längst ihren alten Namen wieder, den die Bewohner Madrids auch während der Franco-Zeit nie aufgegeben hatten.

 

Tipps zu Madrid


Museo Cerralbo

 

In dem vollständig erhaltenen Palast des Marquéz Cerralbo ist seit 1924 ein Museum eingerichtet. Das außerge­wöhnlich gut erhaltene Gebäude vermittelt einen Eindruck, wie Adelsfami­lien um 1900 lebten. Für das Museum ist eine große Palette von Aus­­stellungs­ob­jekten zusammengetragen worden. Sie reicht von archäologischen Fun­den aus der Phönizierzeit bis zu Stücken aus der königlichen Porzel­lanfabrik. Daneben sind Teppiche, Möbelstücke und Geldstü­cke aus den unterschiedlichsten Epochen ebenso zu sehen wie Ölgemälde von spanischen Meistern wie Goya und Zurbarán.

Calle Ventura Rodríguez 17. Metro Ventura Rodríguez. Öffnungszeiten: Di–Sa 9.30– 15.00 Uhr, So 10.00–14.00 Uhr, Mo und Feiertag geschlossen.

San Marcos

 

Der Madrider Architekt Ventura Rodríguez (1717–1785) entwarf diese Kirche mit kuriosem Grundriss: fünf inei­nandergehende Ellipsen formen ihren In­nenraum. Daran erkennt man deut­lich die Einflüsse seiner Schaffenszeit unter italienischen Architekten. Ent­gegen dem in der Stadt so oft vertre­tenen Herrera-Stil sind die Formen des italienischen Barocks ge­schwungen und verspielt. Untypisch auch die Bauweise: anstelle von Granitblöcken verwendete man Backsteine, die nach­träglich mit Stuck verkleidet wurden.

Calle San Leonardo 11. Metro Pla­za de España.

Centro Cultural Conde Duque

 

Das 1720 erbaute Kulturzentrum birgt Ausstellungsräume, ein Zeitungsarchiv, eine Bibliothek und Platz für Konzerte und Theater.

Conde Duque 9 bis 11. Metro Pla­za de España.

Edificio Piaget

 

Im Edificio Piaget in der Nr. 1 und 3 der Gran Vía hat der Juwelier Grassy im Untergeschoss wertvolle Uhren ausgestellt. Einzelne Sammelstücke datieren aus dem 16. Jahrhundert. Die kleine Ausstellung kann kosten­los in Begleitung eines Angestellten besichtigt werden.

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