Junge Leute auf einer Außenterrasse in Malasaña, Madrid
Malasaña, das kultige Stadtviertel von Madrid, tb

Malasaña - im Kiez von Madrid

Das Stadtviertel nördlich des Zentrums von Madrid gehört zu den authentischsten der spanischen Hauptstadt. Hier sind die Bewohner anders als in Huertas noch weitgehend unter sich. Milieustudie pur also.


von Tobias Büscher

Am Anfang war ein fürchterlicher Blitz. Vom Himmel gesandt, erzählt eine Sage, schlug er ein in eine abgelegene, von meist zwangsgetauften Mauren bewohnte Gegend Madrids, erschlug einige der Morisken und vertrieb alle ande­ren. Seine Majestät, der bedenklich unfähige Habsburger Felipe III., nahm es als göttliches Wunder und ließ an der Stelle des Einschlags ein hohes Steinkreuz errichten. Die als „fünfte Kolonne des Halbmonds“ verschrienen Morisken mochte man im katholischen Spanien ohnehin nicht, und 1609 jagte Felipe sie alle aus dem Land. Um das Steinkreuz aber siedelte er christliche Niederlassungen an, und nördlich des Zentrums entstand das Viertel, das bis heute Maravillas (Wunder) heißt, vom Volksmund aber längst in Mala­saña umgetauft wurde.
Dort, wo damals das Steinkreuz stand, liegt auch heute das Stadtteilzentrum: Die Plaza Dos de Mayo. Von der Gran Vía aus die Calle Fuencarral entlang liegt der Platz linker Hand, zu erreichen auch von den Metrostationen Bilbao und Tribunal.


Malasaña, das kultige Stadtviertel von Madrid, junge Leute auf dem Flohmarkt
Flohmarkt in Malasaña am Platz Plaza dos de Mayo im Kiez von Madrid, tb

Plaza Dos de Mayo

Der Hauptplatz ist das Zentrum des Stadtviertels Malasaña, ein ruhiges Viertel tagsüber, und ziemlich beliebt wegen seiner Bars bei Nacht. Am 2. Mai 1808 erhob sich die Madrider Bevölkerung auf der Plaza Dos de Mayo gegen die französischen Truppen Napoleons. Von einer nahe gelegenen Kaserne aus organisierten die militärischen Führer Daoiz und Velarde den verzweifelten Aufstand gegen die Besetzer, dessen Verlauf Goya in Zeichnungen und Bildern festgehalten hat (Goyas Kriegsbild). Der Ziegelsteinbogen, der heute mitten auf dem Platz steht, ist das ehemalige Tor der Kaserne. Davor erheben Daoiz und Velarde als Statuen ihre inzwischen reparierten Schwerter.Viele Straßen um den Platz sind nach den gefallenen Helden des 2. Mai benannt. Etwa die Calle Manuela Malasaña. Als erst fünfzehnjährige Bewohnerin des Viertels half Manuela ihrem Vater, die Kaserne zu verteidigen, wurde von den anderen unbemerkt verwundet und kämpfte, bis sie schließlich verblutete. Nach ihr ist inzwischen nicht nur die Straße und ein gemütliches Café in der Calle San Vicente Ferrer benannt, sondern eben das ganze Barrio (Viertel).

 

 

Ein Viertel wie ein Chamäleon

Malasaña ist wie ein Chamäleon. Und je nachdem, wel­che Farbe man sehen will, denkt man darüber: „Dre­ckig, gefährlich, barbarisch“, findet die schicke Sprachlehrerin Yolanda. „Ist halt was für die Jugend“, meint eine gutmütige rundliche Nachbarin.
Beatriz, die Apothekerin am Platz Juan Pujol, bedient seit Jahren nur noch durch ein schweres Eisengitter, nachdem sie mehrmals überfallen wur­­de. „Der Drogenkonsum ist erschreckend“, sagt sie, findet das Viertel aber inzwischen schon viel ruhiger. So wie sie haben sich auch zahlreiche andere Händler verbarrikadiert, so dass einige Läden ausse­hen wie Käfige.
„Viel menschlicher, toleranter als anderswo“, meint der Kriminalschriftsteller Juan Madrid aus der Calle de la Palma. „Hier macht jeder, was er will, die aus dem 19. und die aus dem 21. Jahrhundert.“ Seine spannenden Krimis leben sehr von den Eindrücken aus Malasaña.
In den ersten Jahren der Demo­kratie wurde das Barrio zunehmend krimineller. Der Drogenhandel florierte. Walter Haubrich, ehemaliger FAZ-Korrespondent mit einer Wohnung di­rekt am Platz, erinnert sich noch gut an die gefährlichen Zeiten, in denen sich rivalisierende Drogenbanden, Delinquenten und Polizisten über den Platz hinweg beschossen und so mancher Barbesitzer mit dem Drogengeschäft schnell zu Geld kam, um dann seine Teilhaber zu denunzieren.

Rebellisch bis heute

Friedlich oder gar reich ist Malasaña nie gewesen. Aber immer schon rebellisch und provokativ. Doch von den wilden Vorjahren merkt man heute nicht mehr viel. Die Prostitution hat sich längst in andere Gegenden ver­lagert. Obwohl an Ma­lasaña noch immer ein krimineller Ruf haftet, zieht er viele an. Proteste gibt es nach wie vor, mal gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung, mal gegen den Lärm im eigenen Viertel. Mit den Straßen und Läden sind auch die Einwohner alt geworden. Gleichzeitig sind viele junge Leute hinzugezogen. So versucht man, re­lativ reibungslos nebeneinander zu wohnen.
Die einen schwärmen nun von ihrem „echten, alten Viertel“, die anderen vom Schwung der Nacht. Im Grunde ist es gerade dieses Zu­sammenspiel, das Malasaña für viele so attraktiv macht.



Sehenswertes

   
Museo de Historia de Madrid


Das Historische Museum zeigt Ausstellungsstücke und Fotos rund um die Geschichte der Stadt. Neben zahlreichen Kunstwerken ein Modell Madrids aus dem frühen 18. Jahrhundert, an dem man den Unterschied zu heute gut nachvollziehen kann. Am ehemaligen Hospiz ist eine Barockfassade des Architekten Ribera erhalten. Beachtlich ist das Gemälde „Allegorie des 2. Mai“, welches Francisco Goya 1809 im Auftrag von José Bonaparte unter dem Titel Allegorie malte. Der Titel wurde später mit dem Zusatz „des 2. Mai“ versehen und symbolisierte von nun an den Widerstand gegen die französischen Truppen.


Fuencarral 78, Di –Sa 10–21 Uhr, So und Feiertag 11–14.30 Uhr. Eintritt frei.

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zm

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