Buchrezension: Juan Moreno, Glück ist kein Ort

Geschichten von gestern

„Teufelsköche“ ist ein richtig gutes Buch, „Tausend Zeilen Lüge“ Pflichtlektüre für jeden angehenden Journalisten. Jetzt hat Spiegel-Autor Juan Moreno noch ein Buch herausgebracht, bei dem die Rezension eindeutig anders ausfallen muss: „Glück ist kein Ort“. Den Leser beschleicht das Gefühl: Unglück auch nicht. 

von Tobias Büscher

Zunächst macht das Buch neugierig. „Glück ist kein Ort“ klingt nach was. Der Verlag Rowohlt hat einen guten Ruf. Das Titelbild mit dem Autor beim Zeitunglesen mit Sonnenbrille und Strähne im Gesicht wirkt etwas verstaubt. Dafür knallt der Aufkleber „SPIEGEL-Bestseller-Autor“.

Aber so ist das eben. Das böse Erwachen kommt oft erst beim Lesen.

In Geschichte 1 will der Autor auf Kuba „Fischen wie Hemingway“. Stattdessen bekommt er erst mal  „viele Damen“ angeboten, Rum und Koks inklusive. Filmen sei auch kein Problem: „Dann habe man etwas für zu Hause“. 

Wie bitte? Das Buch ist am 19. Oktober 2021 erschienen. Kann es sein, dass hier ein älterer Herr zwar Fischen gehen will, aber (ganz ohne Maske und Anstand) beim Rowohlt-Leser schwülstige Ideen provoziert?

In Geschichte 6 ist der Autor „dann mal hier“. Señor Moreno ist auf dem Jakobsweg unterwegs und hat ganz viele Fragen: „Was passiert mit dem Weg, wenn ihn Horden gehen? Eine spirituelle Versehrtenkarawane? Ein Konjukturprogramm für eine der ärmsten Regionen Spaniens?“

¿Como? Auf dem Jakobsweg läuft die Angst mit. Die Herbergsküchen sind abgeriegelt, der Pilgerausweis digital, Santiagos Pilgerbüro vermeldet Minusrekorde. Horden und Karawanen sind schon seit März 2020 Geschichte. Seitdem die Pandemie die Welt in Atem hält.

Was also soll das jetzt?

Auf 301 Seiten geht das so. 301 Seiten voller vergänglicher Selbstverliebtheit: Herr Moreno in Honduras, Herr Moreno in Portugal, Herr Moreno in Brandenburg. Und ständig beschleicht einen das Gefühl, im Impressum sei die Zahl verrutscht. 2021 statt 2012.

Die Auflösung kommt klein gedruckt schließlich auf Seite 302. Dort erfährt der Leser, dass das hier eine Reportage-Sammlung ist. Ab dem Jahr 2005 ff. 

Fischen wie Hemingway, das steht da auch noch, war bislang sogar unveröffentlicht. 

Erstaunlich eigentlich.