Politiker mit Bodenhaftung

Spaniens Politiker Alfredo Pérez Rubalcaba (1951-2019) war Chef der Sozialisten bis Sommer 2014 und hatte eine mustergültige Karriere hinter sich. Nach wie vor gilt er als einer der beliebtesten Politiker Spaniens. Ein Porträt.

von Jörn Thesen

Seine Stirn reichte bis an den Hinterkopf. Dieses Defizit an Haaren glich Alfredo Pérez Rubalcaba durch seinen Vollbart aus. Er war ein fähiger Rhetoriker. Den konservativen Abgeordneten Gil Lázaro verspottete er mit einer sarkastischen Anspielung auf einen Popsong von Amaral: „Sin ti no soy nada“. Ohne dich bin ich nichts.

Auch wegen solcher Äußerungen war Rubalcaba in der Bevölkerung beliebt.

Undercover unter Franco

Rubalcaba kam in Solares in Kantabrien zur Welt. Sein Großvater war Metzger, sein Vater Kampfflieger der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg.

Er studierte Chemie und lehrte an der Universität von Madrid, doch schon früh zog es ihn in die Politik: Als er mit 23 Jahren Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE) wurde, war diese noch verboten und Franco noch an der Macht.

Die große Bühne betrat Rubalcaba, als Felipe González den Professor 1992 zum Minister für Bildung und Wissenschaft ernannte.

Spaniens Regierungschef (1982-1996) schätzt Rubalcaba bis heute: „Er war der intelligenteste, seriöseste und erfahrenste Politiker, den ich kannte.“ Dieses Lob, versichert González, spreche er unabhängig davon aus, dass beide der gleichen Partei angehören.

Kampf gegen die ETA

Nach der Wahlniederlage der Sozialisten im Jahr 1996 gehörte er zur Führungsspitze der Opposition. Unter seiner Federführung entstand der „Pakt für Freiheit und gegen den Terror“.

Dieses Abkommen gegen die baskische ETA schlossen die damals regierende Volkspartei (PP) und die Sozialisten im Dezember 2000. Der Kampf gegen den Terror bestimmte Rubalcabas politische Laufbahn auch weiterhin.

In der Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero war er Innenminister, dann stellvertretender Ministerpräsident unter Zapatero und schließlich bis 2014 Chef der PSOE. Seinen Rücktritt aus der Politik verkündete er nach dem schlechten Abschneiden bei der Europawahl im Mai 2014.

Der reiche Mann fuhr Škoda

Rubalcaba war seit 1979 mit Pilar Goya verheiratet. Das kinderlose Paar lernte sich während des Chemiestudiums in Madrid kennen. Er ging in die  Politik, sie wurde unter anderem Mitglied des Spanischen Wissenschaftsrats.

Da spanische Parlamentarier seit Juli 2011 verpflichtet sind, ihr Vermögen offenzulegen, ist bekannt, dass Rubalcaba rund eine Million Euro besaß. Dafür schien er aber auf dem Boden geblieben zu sein: Privat fuhr er einen Kleinwagen von Škoda.

Der Autor

Jörn Thesen hat Amerikanistik, Germanistik und Geschichte in Bonn und Oxford studiert. Abgesehen von Politik interessiert er sich für Medien und Kultur.