Die Tour de France in den Pyrenäen

Es gibt sie noch immer, die Tour de France, denn was kann die schöne Bergwelt denn dafür, wenn Armstrong und Co mal was eingenommen haben, um die Strapazen zu schaffen? Nichts

von Tobias Büscher

Im Rausch der Höhe. Eisiger Wind, lebensgefährliche Abfahrten, miserable Straßenbeläge. Die Organisatoren der ersten Tour de France dachten 1903 nicht im Traum daran, die Pyrenäen mit einzuplanen. Doch einige ahnten bereits: Erst Dramen machen Helden.

Grausame Unfälle, zähe Helden

Kaum führte die Tour de France sieben Jahre später dann tatsächlich durch die südfranzösische Bergwelt, da begannen auch schon die Geschichten von zähen Kämpfern, grausamen Unfällen, Pannen und bösen Tricks. Da wurde einem Fahrer Gift zu trinken gegeben, ein anderer schweißte seine gebrochene Gabel in einer örtlichen Schmiede und wieder ein anderer machte zwischendurch ein Nickerchen und fuhr versehentlich in die falsche Richtung, was er erst merkte, als ihm einige Nachzügler entgegenkamen.

 

Was auch immer während der Tour seither geschieht, vom Unwetter über Lance Armstrongs grotesken Mehrjahres-Doping-Skandal bis zur Straßensperre von Demonstranten, eines bleibt bei jeder Tour de France immer gleich: der Weg über die Hochpyrenäen, besonders über den Col du Tourmalet. Mag die Streckenführung auch jedes Jahr anders verlaufen, die Etappe über den Pass wird gerne eingeplant, sie ist ein Klassiker des Radsports.

Legendärer Col de Tourmalet

Über ihn quälten sie sich alle, von der Radsportlegende Raymond Poulidor bis Miguel Indurain, der die Tour fünfmal hintereinander gewann, von Eddy Merckx bis Jan Ullrich, der 1997 als erster deutscher Fahrer die Tour de France gewann, nachdem es 1932 Kurt Stöbel aus Berlin versuchte, und 1968 Rolf Wolfshol aus Köln. Leidenschaft, Willensstärke und die schiere Muskelkraft haben die Zuschauer längst fasziniert, bevor das Fernsehen mitschneiden konnte, bevor große Firmen das Training sponserten und bevor die Helme der Fahrer auszusehen begannen wie Science-Fiction-Hauben.

Schwerstes Rennen der Welt

Die Räder selbst haben sich allerdings kaum verändert. Auch wenn sie mit Titanlegierung und raffinierten Schaltsystemen ausgestattet sind, kämpft hier Mann gegen Mann auf rund 4000 km, bis die Champs-Élysées in Paris erreicht sind. Damals allerdings musste Kurt Stöbel bei einem Radschaden den Reifen noch mit den Zähnen von den Felgen reißen, weil ihm die Finger vor Kälte erstarrt waren. Heute hebt man den Arm und der Mannschaftswagen ist in Sekundenschnelle mit dem Ersatzrad da. Die Tour de France ist trotz modernen Komforts nach wie vor das schwerste Straßenrennen der Welt. Besonders die Pyrenäen-Etappen sind mörderisch, wenn es mit Steigungen von bis zu 17% bergauf geht oder mit Geschwindigkeiten bergab, die auf französischen Landstraßen sonst nicht zugelassen sind.

45 Liter Blut pro Minute

Das Herz mancher Pedaleure schlägt bei maximaler Belastung fast 200 mal pro Minute und pumpt dabei bis zu 45 l Blut durch die Adern. Das erscheint ebenso gigantisch wie die fantastische Bergwelt, durch die sich die Sportler quälen. Auch wenn das heute dank Lance Armstrong kaum noch jemanden interessiert ...

 

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