Putschist Tejero im Parlament von Madrid

16.07.2011

Anatomie eines Augenblicks

Das Buch von Javier Cercas handelt vom gescheiterten Putschversuch in Spanien am 23. Februar 1981. Den Autor interessiert aber vor allem eine Geste des damaligen Ministerpräsidenten Adolfo Suárez und ihre tiefere Bedeutung: Zivilcourage.

 

Eine Rezension von Christian Beck



El País nennt es „das beste Buch des Jahres“, der Verlag zählt die Ehrungen auf, unter anderem einen renommierten Literaturpreis. Der Autor selbst wollte ursprünglich einen Roman über den 23. Februar 1981 schreiben. Er spricht im Vorwort vom „demütigen Zeugnis eines Scheiterns“, da er aus dem brisanten politischen Stoff einfach keine Fiktion schaffen konnte. Stattdessen „erzählt“ er diesen traumatischen Tag, verzichtet aber auch nicht ganz auf literarische Stilmittel.



Durchkomponierter Aufbau

Cercas geht in „Anatomie eines Augenblicks“ nicht chronologisch vor, er baut die fünf Teile des Buches nach einem einheitlichen Schema auf: Zunächst beginnt jeder Teil mit einer minutiösen Schilderung eines Ausschnitts jener Fernsehaufnahmen vom 23. Februar 1981, als Putschisten in das Madrider Parlament eindringen. Diese Beschreibungen sind kursiv gedruckt. Dann folgen mehrere Kapitel zur Vorgeschichte des Putsches, in jedem Teil unter einem anderen Aspekt. Das jeweils letzte Kapitel ist überschrieben mit „23. Februar“ und beschreibt in Fortsetzungen, wie dieser Tag verlief.

Nährboden für den Putsch

Der Autor präsentiert seinen Lesern eine Szenerie, die selbst in Krisenzeiten im heutigen Europa sehr fern zu sein scheint: Ein Land steckt tief in der Krise, und vier Jahre nach Einführung der Demokratie können sich Militärs, und nicht nur sie, immer noch vorstellen, mit Hilfe eines Putsches klare Verhältnisse zu schaffen. Hierbei spielt nicht nur die tatsächliche, sondern auch eine unbewusste Verschwörung eine Rolle: Auch Unternehmer, (nicht nur rechtsgerichtete) Journalisten, Parteien, sogar Teile der Zentrumspartei des Regierungschefs und König Juan Carlos erzeugen einen Nährboden, durch den sich die Putschisten ermutigt fühlen und auf breite Unterstützung hoffen. Cercas nennt diesen Nährboden „die Plazenta des Putsches“.

Schüsse. Suárez duckt sich nicht


Der allgemeine Unmut richtet sich, wie Cercas naheliegenderweise schreibt, gegen Ministerpräsident Adolfo Suárez. Mit ihm haben sie es sich zwei Jahre nach seinem zweiten und letzten Wahlsieg alle verdorben. Ihm geben sie die Schuld an allen Problemen. Er wird dargestellt als einer, der im Franco-Regime aufwuchs und dort ein Mitläufer oder, wie es im Text heißt, „Laufbursche“ war. Dennoch gelingt es Suárez, die Demokratie zu organisieren. Gestalten kann er sie nicht. Wie anderen auch fehlt ihm die Erfahrung. Am 23. Februar ist Suárez bereits zurückgetreten, sein Nachfolger soll an diesem Tag gewählt werden.

Die Geste, um die es Javier Cercas geht, ist die: Suárez bleibt sitzen, als im Parlament plötzlich Schüsse fallen, während sich die anderen hinter ihren Abgeordnetenbänken wegducken. Nur Vizepräsident General Gutiérrez Mellado und Kommunistenchef Carrillo gehen ebenfalls nicht zu Boden. Auch ihre Haltung wird gewürdigt und interpretiert.



„als hätten sie alle Max Weber gelesen ...“


„Anatomie eines Augenblicks“ ist ein tiefgründiges und auch unterhaltsames Werk, das gelegentlich durch Wiederholungen aber auch etwas ermüdet. Auf Seite 128 im Kapitel über Suarez' Vizepräsident Gutierrez, dem franquistischen ehemaligen Putschisten steht: "... als hätten sie alle Max Weber gelesen und wären wie er der Meinung, es gebe nichts Verwerflicheres als eine missratene Ethik, die bloß darauf aus ist, recht zu behalten ..." und noch acht weitere Zeilen. Auf Seite 219 findet sich die fast wortgleiche Formulierung über den Kommunistenchef Carrillo. Solche identische Passsagen sind nicht nur langatmig, sie beziehen sich in diesem Fall auch auf zwei Männer, die abgesehen von ihrer Standhaftigkeit unterschiedlicher gar nicht sein konnten.

Fazit: ein insgesamt lesenswertes Buch. Es erinnert uns daran, wie wertvoll stabile Verhältnissen sind. Und wie wichtig Zivilcourage ist, auch im Parlament.



Infos zum Buch:

 
Javier Cercas, Originaltitel: Anatomia de un instante. S. Fischer Verlag, 1. Auflage 2011, Preis € 24,95



Der Autor: Javier Cercas, Jahrgang 1962, ist Schriftsteller, Journalist und seit 1989 Literaturprofessor an der katalanischen Universität von Girona. Zur internationalen Bekanntheit gelangte er durch seinen dritten, 2001 veröffentlichten Roman "Soldaten von Salamis". Er ist Kolumnist der Zeitung „El País”.

 

 

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